Wissen : Die letzte Vorlesung des Randy Pausch

Mit einem Vortrag rührte ein krebskranker US-Professor Millionen Menschen – jetzt gibt es die Vorlesung als Buch

Bas Kast

An amerikanischen Universitäten gibt es eine nette kleine Tradition, „last lecture“ genannt. Dazu bittet man einen Professor, so zu tun, als hätte er oder sie nur noch diese eine letzte Vorlesung, um einmal das zu sagen, was er den Studenten schon immer mal sagen wollte. Lebensweisheiten statt Fakten. Gefühltes Wissen statt Argumente, Theorien, Zahlen.

Vergangenen Spätsommer sollte auch Randy Pausch, 47, Computerwissenschaftler an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, eine „last lecture“ geben. Das Besondere, ja Tragische daran: Für Randy Pausch würde dies wirklich so etwas wie seine letzte Vorlesung sein. Pausch ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt – eine der tückischsten Krebsformen, die es gibt. Erste Symptome treten oft sehr spät auf. Meist zu spät: 95 Prozent der Patienten sterben an der Krankheit, nicht selten schon wenige Monate nach der Diagnose.

Und so hielt Randy Pausch am 18. September 2007 seine Vorlesung vor mehr als 400 Studenten und vor seiner Frau in dem Wissen, dass er nur noch einige Monate zu leben hatte. Viele im Saal erwarteten, dass er über das Sterben sprechen würde. Stattdessen sprach er über das Leben – und darüber, wie man seine Kindheitsträume verwirklicht.

Und er tat das auf so heitere und berührende Weise, dass das Video der Vorlesung binnen kürzester Zeit zum Internet-Renner wurde. Mehr als zehn Millionen Menschen haben seinen Vortrag inzwischen abgerufen. Tausende von Mails hat Pausch bekommen. Viele Menschen bedanken sich bei ihm. Für den Mut, den er ihnen gemacht hat. Für seinen unerschütterlichen Optimismus.

Nicht über alles konnte Pausch vor dem Publikum reden, nicht alles konnte er sagen, ohne in Tränen auszubrechen. Deshalb hat er seine „letzten Weisheiten“ jetzt, zusammen mit einem Journalisten des „Wall Street Journal“, in ein Buch geschrieben. Es heißt „Last Lecture – Die Lehren meines Lebens“ (C. Bertelsmann, 238 Seiten, 16,95 Euro). Der US-Verlag Hyperion zahlte für das Manuskriptsagenhafte 6,7 Millionen Dollar, das Buch wurde auf Anhieb in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt.

Es ist ein leichtes, emotionales, sehr amerikanisches Buch mit allen Vorzügen und auch Schwächen. Pausch versteht es, Geschichten zu erzählen, man liest sein Buch gern und von Anfang bis Ende.

Manche der „Pauschismen“ sind treffend, zum Beispiel wenn er beschreibt, wie er im Leben immer wieder abgewiesen wurde: von verschiedenen Arbeitgebern wie der Universität Carnegie Mellon oder Disneyland, bis hin zu seiner späteren Ehefrau Jai. Von einigen Mauern hat er sich entmutigen lassen, von anderen nicht – und das sei eine wunderbare Sache, denn so zeigen uns die Mauern, wonach wir uns im Leben wirklich sehnen: „Mauern haben ihren Sinn“, schreibt Pausch. „Sie geben uns die Chance, zeigen zu können, wie sehr wir etwas wollen.“

Einige von Pauschs Einsichten sind mindestens charmant formuliert („Legen Sie die Sauerstoffmaske immer bei sich selbst zuerst an, bevor Sie anderen helfen“). Andere werden dem einen oder anderen vertraut klingen („Eine schlechte Entschuldigung ist schlimmer als keine Entschuldigung“), manche sogar eher flach vorkommen („Gib niemals auf“). Insgesamt hat das Buch Ähnlichkeiten mit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“: Mal abgesehen davon, dass kommende Woche auch Pauschs Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste steht (allerdings auf Platz 9 statt auf 1), versucht es auf vergleichbar leichtfüßige Weise, Einsichten in das Leben zu vermitteln.

Gemessen an Kerkeling jedoch nimmt man Pausch nicht nur ernster, seine Ideen sind auch durchdachter, tiefer und – angesichts seiner Situation – authentischer. Hier schreibt ein Mann, der nicht einfach einen Hörsturz hatte und sich anschließend in spanischen Hotels vergnügt und über seine Wanderblasen jammert. Hier schreibt ein Vater und Ehemann, der zehn Tumoren in der Leber hat und weiß, dass er in wenigen Wochen drei junge Kinder und eine Frau hinterlässt. Das einerseits.

Andererseits, was gerade so manchem Europäer wohl ein bisschen nerven wird, ist Pauschs amerikanischer Machbarkeitsglaube und seine Effizienzbesessenheit: Jede Sekunde muss sinnvoll genutzt werden, Klagen sind Tabu, mit harter Arbeit lässt sich so gut wie jeder Traum im Leben verwirklichen, man hat alles selbst in der Hand, auch, ob man ein gutgelaunter Mensch ist – wie Pausch – oder eher melancholisch (was nicht gut ist, weil es der Effizienz und dem Machen im Wege steht).

Das Schlimmste an seinem bevorstehenden Tod, erzählt Pausch, sei die Tatsache, dass er seinen Kindern kein Vater sein kann. Dass er ihnen nicht das beibringen kann, was er ihnen gern beigebracht hätte. Pauschs Kinder sind knapp zwei, drei und sechs Jahre alt.

Als er in seiner Vorlesung im September nach etwas über einer Stunde, erschöpft nicht zuletzt wegen der Chemotherapie, zum Ende kam, fragte er das Publikum, ob sie gemerkt hätten, was er eigentlich mit dieser „last lecture“ im Sinn hatte. Er beschreibt es in seinem Buch: „Ich holte tief Luft ... Dann klärte ich das Publikum auf: ,Diese Lecture war gar nicht an euch gerichtet, sie war für meine Kinder.’ Dann klickte ich auf das allerletzte Bild. Ich stehe neben unserer Schaukel, mit dem rechten Arm umfasse ich einen lachenden Logan, mit dem linken meine süße Chloe, und Dylan sitzt glücklich auf meinen Schultern.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben