Wissen : Die Master-Frage

Viele Studierende in Berlin befürchten, sie könnten nach dem Bachelor nicht weiterstudieren

Tina Rohowski

Die letzten Prüfungen schaffen und dann die Abschlussarbeit schreiben, das seien seine Pläne für die nächsten Wochen, sagt Johannes Perthen, Bachelorstudent im Fach Geschichte an der Humboldt-Universität. Was danach kommt? „Eigentlich möchte ich einen Master machen“, sagt der 24-Jährige. Ob das klappt, sei aber „sehr fraglich“ – nicht nur für ihn: „Die Verunsicherung unter Bachelorstudenten ist groß.“

Wie viele Plätze im Master sollte es geben? Und werden es genug sein für alle Bachelorabsolventen, die weiterstudieren wollen? 2003 und 2004 nahmen die Berliner Unis die ersten großen Bachelorjahrgänge auf, für die 2007 die Regelstudienzeit endete. In diesem Wintersemester haben die Berliner Unis daher erstmals in großem Umfang Masterprogramme aufgelegt. Fast 200 neue Studiengänge wurden angeboten, um die erwartete erste große Welle von Masterstudierenden aufzunehmen. Bislang blieb der große Ansturm zwar aus. Doch das könnte daran liegen, dass die meisten Bachelorstudierenden nicht in sechs Semestern fertig geworden sind – die große Welle also erst noch kommt.

„Es sieht ganz und gar nicht danach aus, dass sich jemand Sorgen machen muss“, sagt Gisela Hüttinger, Sprecherin der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW). 15 Masterfächer bietet die Hochschule an. Nur für einen Studiengang habe die FHTW so viele Bewerbungen bekommen, dass sie Absagen verschicken musste. Der Start eines Masterstudiengangs sei verschoben worden, weil die Bewerber fehlten.

Auch an der HU blieben zahlreiche Plätze leer. Lediglich in 4 von rund 70 Masterfächern wird derzeit die volle Kapazität ausgeschöpft. Für manch anderes Angebot immatrikulierten sich drei Studenten, obwohl es 45 Plätze gibt. Ähnlich zurückhaltend war die Nachfrage an der Technischen Universität. „Wer den Bachelor erfolgreich abschließt, bekommt auch einen Masterplatz“, sagt Patrick Thurian, Controller für Lehre und Studium an der TU. An der Freien Universität seien nur für einen Studiengang Bewerber zurückgewiesen worden, sagt ein Sprecher. Die Uni macht folgende Rechnung auf: Gehe man im Bachelor „von einer Erfolgsquote von 70 Prozent aus und berücksichtigt, dass nicht alle Bachelorabsolventen auch ein Masterstudium anstreben“, dann könne „die Übergangsquote in einzelnen Studiengängen bei 100 Prozent liegen“. In Lehramtsfächern, in denen sich Studenten erst mit dem Master für den Schuldienst qualifizieren, sei bislang niemand zurückgewiesen worden.

Waren also alle Ängste unbegründet? Von einem „falschen Alarm“ wollen die Studentenvertretungen nichts wissen. „Die Unis stellen die Situation positiver dar, als sie ist“, sagt Claudia Wrobel vom Asta der FU. In diesem Jahr hätten nur wenige Bachelorstudenten ihren Abschluss gemacht, weil das modularisierte Studium „schlichtweg nicht in sechs Semester zu schaffen“ sei. Zudem dürften viele Absolventen ein Praktikum oder einen Auslandsaufenthalt einschieben, bevor sie den Master beginnen. Noch ein weiterer Faktor werde in den Kalkulationen der Unis vernachlässigt, kritisiert Wrobel. Absolventen mit Magister- oder Diplomabschluss könnten sich bald auch für einen Master bewerben, weil sie glaubten, dadurch für internationale Arbeitgeber besser qualifiziert zu sein. Vielleicht sei die Lage „momentan noch nicht akut“, sagt Wrobel. Im nächsten Jahr aber müsse mit einem „Stau“ gerechnet werden.

„Die aktuellen Zahlen sind alles andere als beruhigend“, sagt auch René Held von der HU-Studentenvertretung. Fächer, in denen die Nachfrage schon 2007 groß war, zeigten, „was künftig auf fast alle Studiengänge zukommt“. Als Beispiel nennt Held die Sozialwissenschaften an der HU, die schon seit mehreren Semestern Bachelorabsolventen hervorbringen. 2007 gab es 131 Bewerbungen für den Master – 40 Plätze standen zur Verfügung. Held befürchtet, dass für den Master in Zukunft verschärfte Zulassungsverfahren gelten: „Wartesemester, Studierfähigkeitstests, Auswahlgespräche und ein utopischer Numerus clausus“ kämen dann auf die Bewerber zu. Unis könnten auch vermehrt auf kostenpflichtige Masterstudiengänge setzen, glaubt Held. Bewerber, die woanders abgelehnt wurden, seien dann „gezwungen, ein Masterprogramm für 1500 Euro pro Semester zu belegen“.

Man werde „auf Nachfragespitzen flexibel reagieren“, verspricht TU-Mitarbeiter Patrick Thurian. Wie viele Plätze ein Studienfach im Bachelor und im Master anbieten kann, errechnet sich aus dem vorhandenen Personal. Die Unis könnten daher Kapazitäten „zwischen beiden Studiengängen umschichten“. Wenn in einem Fach großes Interesse am Master abzusehen ist, würden Plätze im Bachelor wegfallen, um dafür mehr Masterstudierende aufzunehmen, sagt Thurian. An der HU heißt es dagegen, die gegenwärtige Anzahl an Masterplätzen könne „höchstens um 10 Prozent angehoben werden“. Auch Gisela Hüttinger von der FHTW sagt, Hochschulen seien „nicht so flexibel, dass sie sich dem Studieninteresse jedes Semesters genau anpassen“ könnten.

Johannes Perthen, der bis zum Frühjahr sein Bachelorstudium beenden will, ist unschlüssig. Seine Abschlussnote werde zwischen 2,0 und 2,5 liegen. Er vermute, dass zwischen diesen Werten der NC für viele Masterfächer verlaufen werde. Studenten mit schlechteren Noten befürchteten, „keine Chance auf einen Platz“ zu haben. „Sie versuchen, mit dem ersten Abschluss einen Job zu finden.“

„Bachelorabsolventen werden auf dem Arbeitsmarkt keinen Erfolg haben und dann an die Unis zurückkommen“, sagt HU-Studentenvertreter René Held. Die Unis halten dagegen: Studien zeigten, dass die Akzeptanz des Bachelors bei Firmen zunehme. Zumindest darauf können sich beide Seiten einigen: Ob die Hochschulen genügend Masterplätze anbieten, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wie viel der Bachelor im Berufsleben wert ist.

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