Die Milch macht's : Wenn Katzen trinken, setzen sie hohe Physik ein

Katzen halten beim Trinken intuitiv die Balance zwischen Kohäsion, Adhäsion, Massenträgheit und Gravitation. Das zeigen die Bilder einer Hochgeschwindigkeitskamera.

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Katzen trinken sinnvoll - und deutlich eleganter als Hunde.
Katzen trinken sinnvoll - und deutlich eleganter als Hunde.Foto: dpa

Normalerweise beschäftigen sich die Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit ziemlich vertrackten Problemen wie fliegenden Robotern oder Energietransport in Nanostrukturen. Sie sind gut darin, 50 Nobelpreisträger hat das MIT hervorgebracht. Ob die neueste Entdeckung von Pedro Reis diese Ehre erhält, darf bezweifelt werden. Öffentliche Aufmerksamkeit ist ihm dennoch gewiss, spätestens seit das angesehene Fachjournal „Science“ seine Publikation zur Top-Geschichte dieser Woche machte: Wie Katzen trinken.
Dass die Tiere eleganter daherkommen als etwa Hunde, ist weitgehend Konsens. Treudoofer Blick gegen allwissendes Blinzeln. Auch beim Trinken sind Katzen ungleich vornehmer als die domestizierten Wölfe. Hunde hängen ihren Zungenlappen gierig ins Nass, bilden damit eine Art Kelle und schlabbern drauflos, in der Hoffnung, möglichst viel Flüssigkeit in die Mundhöhle zu bugsieren.

Katzen hingegen halten intuitiv die Balance zwischen Kohäsion, Adhäsion, Massenträgheit und Gravitation, berichten Reis und sein Team in der Online-Ausgabe von „Science“. Die Bilder ihrer Hochgeschwindigkeitskamera zeigen folgenden Ablauf: Die Katze überdehnt ihre Zunge, formt sie zu einem J und berührt die Flüssigkeitsoberfläche lediglich mit der Zungenspitze. Da die Haut feucht ist, kann sie rasch Kontakt zur Milch herstellen. Nun reißt die Mieze ihre Zunge nach oben, mit bis zu 78 Zentimeter pro Sekunde, wie die Forscher gemessen haben. Dabei wird die Milch in Gestalt einer schmalen Säule „mitgezogen“. Eine fragile Angelegenheit, denn die Schwerkraft wirkt dagegen. Und ginge die Zunge zu schnell nach oben, würde die Säule abreißen. Das demonstrierten die Wissenschaftler mit einem Glaskolben, der als Zungen-Analogon in ihrem Labor auf und ab fuhr. Hat die Zungenspitze den Mund erreicht, wird sie langsamer, bis die Katze – schwupps – das Mäulchen schließt. Milch drin, ohne zu kleckern.

Bei den untersuchten Hauskatzen erreichten mit jedem Milchlift rund 0,1 Milliliter Flüssigkeit das Tier. Es muss also ziemlich loslegen, um seinen Durst zu stillen. Viermal lecken pro Sekunde erlaubt das komplexe Zusammenspiel der physikalischen Kräfte im Falle von Felis catus. Bei Tigern oder Jaguaren ist alles eine Nummer größer. Diese Tiere können langsamer lecken, um Gravitation und Massenträgheit in der Waage zu halten.

Am Ende seiner Erklärungen schafft Reis sogar noch den Bogen zur MIT-Kernkompetenz. Die erstaunlichen Fähigkeiten der Zunge ließen sich vielleicht auf flexible Organe ohne starre Bauteile von Robotern übertragen, schreibt er.

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