Wissen : Die neuen Erben

Geisteswissenschaftler erforschen, welche kulturellen Folgen das Altern der Gesellschaft hat

Elke Kimmel

Selbst wenn Berlin, wie jüngst das Statistische Landesamt berichtete, beim Nachwuchs aufholt – bundesweit hält die Debatte um das „Aussterben“ der Deutschen an. „Wir möchten untersuchen, welchen Regeln und Einschränkungen diese Diskussion gehorcht“, sagt Sigrid Weigel, Professorin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin. „Denn die kulturellen Hintergründe und die historische Entwicklung von Begriffen wie ’Erben’ und ’Generation’ werden bislang zu wenig beachtet.“ Weigel ist eine der Leiterinnen des Projektes „Generationen in der Erbengesellschaft – ein Deutungsmuster soziokulturellen Wandels". Das mit 900 000 Euro von der Volkswagen-Stiftung geförderte Gemeinschaftsprojekt von ZfL, European University Institute Florenz (EUI) und der Uni Zürich wurde jetzt in Berlin vorgestellt.

Ein Ziel ist, die derzeitige Demografiediskussion, die sich vor allem mit der ungenügenden Fertilität der Deutschen beschäftigt, zu ergänzen. Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit seien zwar in aller Munde, würden aber häufig aus reinem Kalkül eingesetzt. Ihre historische Dimension würde geleugnet.

Weigel sieht in dem interdisziplinären Projekt – beteiligt sind Kultur- und Literaturwissenschaftler, Soziologen und Juristen – eine Chance, den Rückstand gegenüber den Naturwissenschaftlern aufzuholen. So will Weigel untersuchen, wie die Reproduktionsmedizin gesellschaftlich eingebettet ist und welche „kulturellen Rückwirkungen“ sie hat. Diskussionen um Methoden der künstlichen Befruchtung werden „bislang allein aus der Perspektive der Bioethiker heraus gesehen – wir bringen kulturwissenschaftliche Fragestellungen ein“, sagt Weigel. So müsse man künftig damit umgehen, dass Verwandtschaft auch andere Bedeutungen als bislang haben könnte.

Wie mit der kulturellen Erbmasse auf globaler Ebene umgegangen wird, erforscht Stefan Willer vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. „Die zukünftige kulturelle Weltgesellschaft wird oft als globale Erbengemeinschaft verstanden“, sagt er. Streit sei wahrscheinlich: Was ist erhaltenswert und wie muss man sich darum kümmern? Wohin das führt, zeigen die Auseinandersetzungen um das Dresdner Elbtal.

Erbrechtliche Grundlagen beeinflussen auch die Nachfolge in Familienfirmen, mit denen sich das Team um den Soziologen Martin Kohli auseinandersetzt. Wie finden Jungunternehmer in die väterlichen oder mütterlichen Strukturen hinein? Wie kommen die „Alten“ damit klar, dass die Nachkommen möglicherweise das Erbe nicht angemessen behandeln? Eine wichtige Frage – in Deutschland wird in naher Zukunft jedes zweite der 350 000 Familienunternehmen an die nächste Generation weitergegeben. Ulrike Vedder und Jörg Thomas Richter befassen sich mit der literarischen Verarbeitung solcher Konflikte im Generationenroman der Gegenwart – für sie ist das „gefühlte Demographie“. Elke Kimmel

Mehr im Internet:

www.generationenforschung.de

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