Wissen : „Die Politik hört auf uns“

Wie sich die Naturforscher durchgesetzt haben

Seit 20 Jahren wird über eine nationale Akademie diskutiert. Der ehemalige Wissenschaftsminister Jürgen Rüttgers hatte einen Entwurf vorgelegt, Bundeskanzler Kohl hatte in seiner Regierungserklärung die Gründung einer nationalen Akademie angekündigt, sein Nachfolger Bundeskanzler Schröder war auch an einer nationalen Akademie interessiert. Warum ist die Gründung bisher nicht gelungen?

Ursprünglich war noch unter Forschungsminister Heinz Riesenhuber die Leopoldina zu Beginn der 1990er Jahre gefragt worden, ob sie bereit wäre, die Rolle einer nationalen Akademie zu übernehmen. Damals war die Leopoldina kurz nach der Wiedervereinigung gerade erst in die internationale und nationale Gemeinschaft der Akademien zurückgekehrt. Die Leopoldina hatte sich zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut, eine solche Rolle zu übernehmen. Vor mehr als fünf Jahren war dann unter Federführung der Leopoldina ein Gremium eingesetzt worden, das sich Gedanken machte. Wir hatten immer die Gründung einer neuen Akademie der deutschen Wissenschaften vorgeschlagen – gemeinsam mit der Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und der Union der Akademien. Von diesem Konzept waren wir als Akademien überzeugt, dass es tragfähig sein könnte.

Aber es war nicht tragfähig?

Die Politik hat anders entschieden und sich gegen die Etablierung eines ganz neuen Gremiums ausgesprochen. Dass die Leopoldina die älteste ununterbrochen aktive Akademie der Welt ist, mit starkem naturwissenschaftlich-medizinischem Inhalt, hat ihr jetzt die Möglichkeit eröffnet, auch im internationalen Kontext die deutschen Akademien zu vertreten. Es gibt ein Bedürfnis, dass dort, wo es um konzertierte Aktionen geht, auch Deutschland mit seinem Rat vertreten sein sollte. Deswegen wird die Leopoldina auch künftig nicht alleine auftreten. Sie wird sich bei entscheidenden Themen beraten, sich einbinden lassen auch mit anderen Akademien in Deutschland, damit man zu einer Stellungnahme kommt, die auch wirklich in Deutschland von allen getragen wird.

Wird die Leopoldina bei der Politikberatung in Deutschland die international übliche Praxis anwenden, also ihre Empfehlungen verständlich und knapp, vielleicht auch mit Finanzierungsvorschlägen versehen, abgeben?

Mit Finanzierungsvorschlägen haben wir unsere Empfehlungen bisher noch nicht untersetzt. Aber die Leopoldina ist in der Lage und willens, sich auf nationalem Gebiet zu wichtigen Themen zu äußern. Wir haben dies innerhalb Deutschlands bereits in der Vergangenheit getan. Die Leopoldina hatte im Jahr 2003 ihre Jahresversammlung zum Thema Energie abgehalten, und auf dieser Grundlage entstand im gleichen Jahr ein Thesenpapier.

Können Sie weitere wichtige Themen für die Akademiearbeit nennen?

Wir haben eine Empfehlung zur Arzneimitteltherapie im Kindesalter veröffentlicht, eine Empfehlung zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Aids und Tuberkulose; wir haben uns zur Stammzellenforschung in Deutschland geäußert und damit einen Beitrag zur Novellierung des einschlägigen Gesetzes geleistet, die jetzt ansteht. Das werden wir fortsetzen, denn wir wissen, dass die Politik durchaus auf den Rat der Leopoldina hört.

Das Interview führte Uwe Schlicht.

JUTTA SCHNITZER- UNGEFUG (53)

ist Neurobiologin

und Generalsekretärin der Leopoldina,

der Deutschen Akademie der Naturforscher mit Sitz in Halle.

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