Wissen : Die Stimme Deutschlands

Die Leopoldina soll im Ausland sprechen und die Politik beraten – gemeinsam mit der Berliner Akademie

Uwe Schlicht

Die älteste Akademie der Wissenschaften der Welt wird Nationalakademie in Deutschland. Die Vorentscheidung zugunsten der „Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina“ in Halle verkündete Bundesforschungsministerin Annette Schavan, bevor am Montag die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern in der BLK (Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung) einen entsprechenden Beschluss fassen sollen. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Jürgen Zöllner (SPD), gab bekannt, dass diese Entscheidung mit ihm abgestimmt worden sei.

Die Leopoldina wurde im Jahr 1652 in Schweinfurt gegründet und verlegte im Jahr 1878 ihren Sitz nach Halle. Zurzeit gehören der Leopoldina weltweit 1250 Mitglieder an, darunter 33 Nobelpreisträger. Auch Gerhard Ertl aus Berlin, der jetzige Chemie-Nobelpreisträger, ist Mitglied der Leopoldina.

Einzelheiten über die künftige Rolle der Leopoldina sind noch nicht geklärt. Bisher waren als jährliche Kosten für die Gründung einer neuen nationalen Akademie 3,8 Millionen Euro veranschlagt worden. Bekannt ist lediglich, dass der Bund 80 Prozent der Kosten übernehmen will und das Sitzland der Leopoldina 20 Prozent tragen muss.

Über die Organisationsform gibt es noch keine Klarheit. Denn Schavan stellt sich die herausragende Rolle der Leopoldina als Repräsentantin der deutschen Wissenschaft im Ausland und als Institution der Politikberatung in Deutschland so vor, dass die Leopoldina eng mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der neu gegründeten Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) zusammenarbeitet. Wenn man das richtig deutet, würde die Leopoldina ihre naturwissenschaftlich-medizinische Kompetenz einbringen, die Berlin-Brandenburgische Akademie die Sozial- und Geisteswissenschaften vertreten und die Acatech die Ingenieurwissenschaften.

Ungeschmälert soll die Rolle der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft bleiben, die seit Jahrzehnten enge Verbindungen zum Ausland pflegen und die deutsche Wissenschaft auch international vertreten. Nur unter dieser Bedingung wollten die Spitzenorganisationen der Forschung einer nationalen Akademie zustimmen.

Die Generalsekretärin der Leopoldina, Jutta Schnitzer-Ungefug, erklärte dem Tagesspiegel, „nur mit Bordmitteln“ könne die Leopoldina ihre neue Aufgabe nicht finanzieren (siehe auch nebenstehendes Interview). Die Bildung von Arbeitsgruppen für die Politikberatung koste zusätzliches Geld. Als Themen für die nationale Politikberatung, die zurzeit auf der Agenda der Leopoldina stehen, nannte die Generalsekretärin Probleme einer alternden Gesellschaft. Diese Arbeitsgruppe leitet der Historiker Jürgen Kocka, ehemaliger Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin. Als weiteres Thema wird an den Problemen der Fertilität gearbeitet. Dabei geht es auch um Familienpolitik angesichts zurückgehender Geburtenzahlen. Leiter dieser Arbeitsgruppe ist der Familienforscher Hans Bertram von der Humboldt-Universität.

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, sieht in der Entscheidung zugunsten der Leopoldina „eine hervorragende Wahl und eine Ehre für Sachsen-Anhalt und Halle“. Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, erklärte: „Die Leopoldina, älteste europäische Akademie ihrer Art, hat sich gerade in den letzten Jahren zu einer Wissenschaftsorganisation mit internationaler Präsenz und Ausstrahlung entwickelt.“

Jahrelang hatte sich die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) selbst Hoffnungen gemacht, die Rolle einer nationalen Akademie zu übernehmen. Bereits Akademiepräsident Dieter Simon hatte mit dieser Absicht die anderen regionalen Akademien in Deutschland gegen sich aufgebracht und die Leopoldina in Halle brüskiert, als er diese zum Juniorpartner einer nationalen Akademie machen wollte. Der jetzige BBAW-Präsident Günter Stock war immer ein Vorkämpfer für eine nationale Akademie. Er zeigte sich jetzt von der Entscheidung „außerordentlich überrascht“. Er sei irritiert, dass keinerlei Einzelheiten bekannt seien. Bisher habe die Berlin-Brandenburgische Akademie mit der Leopoldina „sehr gut zusammengearbeitet“, aber die künftige Zusammenarbeit dürfe „nicht ins Belieben der Leopoldina gestellt werden“. Eine Politikberatung allein auf der Grundlage der Naturwissenschaften sei nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr müssten auch die Geistes- und Sozialwissenschaften einbezogen werden. Und auf diesem Gebiet liege die Stärke der Berlin-Brandenburgischen Akademie.

Die Union der neun Regionalakademien erklärte durch ihren Präsidenten Gerhard Gottschalk: „Die Bevorzugung der Leopoldina verstößt gegen föderale Bildungsstrukturen in Deutschland und stößt ihre Partner vor den Kopf.“ Die Politik wäre gut beraten, jetzt gemeinsam und in Ruhe eine Alternative zu bedenken.

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