Wissen : Die will nicht spielen

In Dörfern und Städten werden die meisten Singvögel ein Opfer der Hauskatzen

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In die Krallen bekommen. Hauskatzen haben einen starken Jagdinstinkt und setzen der Vogelwelt in Wohngebieten stark zu. Foto: picture-alliance/dpa Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb
In die Krallen bekommen. Hauskatzen haben einen starken Jagdinstinkt und setzen der Vogelwelt in Wohngebieten stark zu....Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Vielleicht einmal in der Woche bringt meine Katze mir einen erbeuteten Vogel“, erzählt so mancher Gartenbesitzer. Begeistert sind die wenigsten Katzenhalter von dieser Jagdleidenschaft ihrer Schützlinge. Maßnahmen gegen den plötzlichen Vogeltod im Katzenmaul aber fallen ihnen selten ein. Schließlich liegt es nun einmal in der Natur der vierbeinigen Jäger, Mäusen und Vögeln nachzustellen. Ausschalten lässt sich dieser Jagdtrieb kaum. Manche Vogelliebhaber befürchten deshalb, dass die Beliebtheit von Katzen der Vogelwelt ziemlich zusetzt. Der Biologe Ragnar Kinzelbach von der Universität in Rostock hat das mit einer Doppelstudie überprüft.

Bereits 1996 begannen er und seine Mitarbeiter damit, nahezu täglich einen zwei Kilometer langen Streifen quer durch eine ältere Siedlung mit kleinen Häusern und schönen Vorgärten abzugehen. Dabei notierten sie alle Vögel, die ihnen über den Weg flogen oder hüpften: Welche Arten leben dort, wie viele Paare brüten gerade? Das erste Ergebnis dieser Volkszählung bei Vögeln lag nach zehn Jahren vor und zeigte eine alarmierende Tendenz: „Die dort vorkommenden Vogelarten hatten sich zwar nicht verändert, aber die Zahl der brütenden Paare hatte sich in einem Jahrzehnt ungefähr halbiert“, fasst Ragnar Kinzelbach zusammen.

1996 hatten die Forscher auch begonnen, ein größeres Gartengrundstück in Rostock unter die Lupe zu nehmen. Das Ergebnis war nicht weniger alarmierend: Während 1996 noch sieben Vogelarten auf diesem Grundstück brüteten, legte dort 2006 mit einem Amselpaar nur noch eine einzige Art Eier an Stellen, die Katzen erreichen können.

Mit solchen Zahlen lässt sich allerdings die Hauskatze kaum als Verursacher der dramatischen Rückgänge überführen. Schließlich gibt es in einer Siedlung einige Gefahren, die einen Vogel das Leben kosten können. Manche Flugkünstler donnern gegen Glasscheiben und sterben an den erlittenen Verletzungen. Einige Vögel geraten auch unter Autoräder oder sterben bei Kollisionen mit Blechkarossen. Es sind aber nicht nur die Berichte der Gartenbesitzer über die von ihren Katzen erwischten Vögel, die Forscher vermuten lassen, dass die Jäger auf vier Samtpfoten doch einen erklecklichen Anteil der verschwundenen Vögel auf ihrem Gewissen haben.

So haben Peter Marra vom Smithsonian Zugvogelzentrum in der US-Hauptstadt Washington und seine Kollegen 69 gerade flügge gewordene Küken von Katzendrosseln Dumatella carolinensis mit kleinen Sendern ausgerüstet, um ihr weiteres Schicksal verfolgen zu können. In der Online-Ausgabe des „Journals of Ornithology“ berichteten die Forscher kürzlich, dass Katzen für den Tod sehr vieler dieser Jungvögel in den Vororten von Washington verantwortlich sind.

Nur rund ein Drittel dieser Jungvögel überlebte die ersten Wochen nach dem Verlassen des Nestes. Räuber hatten 79 Prozent dieser Todesfälle verursacht. Ratten und Krähen hatten etliche dieser totgebissenen jungen Katzendrosseln auf dem Gewissen, häufigster Übeltäter aber waren Hauskatzen, die 47 Prozent aller von Tieren erwischten Jungvögel erbeutet hatten. Bei einem Teil dieser Katzenjagden hatten die Forscher den Täter auf frischer Tat ertappt, bei den restlichen Fällen konnten sie Hauskatzen mit einem Indizienbeweis überführen: Den toten Vögeln war der Kopf abgebissen worden, den Körper aber hatte der Räuber verschmäht. Das ist typisch für Hauskatzen, die meist gut gefüttert werden, aber dennoch ihren Jagdtrieb ausleben.

Die meisten Jungvögel wurden bereits in der ersten Woche nach dem Verlassen des Nestes erwischt. In dieser Zeit betteln sie ihre Eltern noch lautstark um Futter an, haben aber noch nicht gelernt, welche Gefahren außerhalb des Nestes lauern. Für eine durch die Vorgärten schleichende Katze ist das natürlich eine willkommene Beute, sei es in den Vororten von Washington oder von Rostock.

Eine in Großbritannien durchgeführte Studie brachte ganz ähnliche Ergebnisse: Die meisten Jungvögel werden nie erwachsen, Katzen haben in den Siedlungen sehr viele von ihnen auf dem Gewissen. Ragnar Kinzelbach ist daher fest davon überzeugt, dass die Situation in deutschen Städten ähnlich ist. Der letzte Beweis dafür, dass Katzen die Ursache der sinkenden Vogelzahlen sind, fehlt aber, weil man in Deutschland kaum Forschungsgelder für solche Studien bekommt und Wissenschaftler, die solche Zusammenhänge untersuchen, Mangelware sind. Ragnar Kinzelbach ist übrigens längst emeritiert, seine Studien über Vogelpopulationen in Rostock hat er neben seinen „offiziellen“ Projekten durchgeführt.

„Natürlich sind Katzen nicht die einzige Ursache, wenn Vogelarten aus europäischen Siedlungen verschwinden und Brutpaare dezimiert werden“, erklärt der Forscher. Fensterscheiben und Straßenverkehr sind genau wie in den USA auch hierzulande eine wichtige Todesursache. Außerdem finden viele Arten kaum noch Nistmöglichkeiten, wenn Häuser chic renoviert oder saniert werden, um Heizenergie zu sparen. Natürlich könnte man schon bei der Renovierung oder beim Neubau eines Energiesparhauses Nistmöglichkeiten einplanen. Die wenigsten Bauherren, Eigentümer und Architekten aber denken an solche Möglichkeiten.

In europäischen Städten haben viele Vogelarten eine Reihe weiterer Probleme. Katzen aber scheinen einen deutlichen Einfluss auf die Singvögel zu haben. Wer die Vogelgesänge auch in ein paar Jahren noch in den Gärten hören möchte, sollte also den Katzen die Vogeljagd verleiden. Aber wie? Einsperren ist keine Lösung. Katzen brauchen Auslauf, alles andere ist Tierquälerei. Vielleicht sollte man also versuchen, die Zahl der Katzen zu reduzieren? Ein großes Problem sind verwilderte Hauskatzen, die freigelassen werden, weil der Wurf junger Kätzchen zwar süß ist, aber alle Freunde schon ein Haustier haben. Würden Kater konsequent sterilisiert, könnte dieses Problem verringert werden. Hilfreich wäre auch eine Meldepflicht für Katzen. Die gibt es für Hunde ja schon lange. Verbunden mit einer „Katzensteuer“ würde sie die Zahl der Würfe vermutlich deutlich reduzieren. Denn wer möchte schon gern Gebühren für sieben neugeborene Kätzchen zahlen? Verbunden mit Vaterschaftstests für Kater können solche Gebühren eine Sterilisierungswelle anschieben.

Ragnar Kinzelbach nennt eine weitere Maßnahme, die den Vogeltod durch Hauskatzen verhindert: „Man könnte den Katzen kleine Glöckchen um den Hals binden!“ Das leise Gebimmel stört Mensch und Haustier kaum. Vögel aber sind sofort gewarnt, wenn die Katze durchs Gebüsch schleichen möchte, das Glöckchen den Jäger aber enttarnt.

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