Wissen : Die Zukunft der Ostsee in sechs Plastikkübeln

In speziellen Bassins untersuchen Kieler Forscher, wie Meeresorganismen auf den Klimawandel reagieren

Blasentang und Miesmuscheln. Martin Wahl und sein Team untersuchen in „Benthokosmen“, wie Bodenlebewesen aus der Ostsee mit wärmerem Wasser und weniger Sauerstoff zurechtkommen. Foto: dpa
Blasentang und Miesmuscheln. Martin Wahl und sein Team untersuchen in „Benthokosmen“, wie Bodenlebewesen aus der Ostsee mit...Foto: dpa

In einem Freiluftlabor an der Kieler Förde untersuchen Forscher des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar), wie sich das Leben am Boden der Ostsee in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird. So wollen sie ergründen, wie sich der Klimawandel auf die Organismen am Boden der Ostsee auswirkt. Das Team um den Ökologen Martin Wahl setzt dafür Schnecken, Muscheln und Algen den erwarteten Veränderungen aus. Dazu gehören steigende Temperaturen, erhöhte Kohlendioxidwerte, eine Zunahme an Nährstoffen, sinkende Sauerstoffkonzentrationen und weniger Licht am Meeresboden.

Alle diese Faktoren veränderten sich gleichzeitig, erläuterte Wahl bei der Vorstellung der 350 000 Euro teuren Anlage am Freitag. „Mithilfe unserer Experimente möchten wir herausfinden, wie diese Lebewesen auf den Klimawandel reagieren, ob sie sich anpassen können, wie sich die Zusammensetzung der Arten neu organisiert und ob sich damit die Funktionen und Dienste der Lebensgemeinschaft ändern“, sagte er.

Die Forscher vermuten, dass die in der relativ jungen Ostsee lebenden Arten widerstandsfähiger gegen die zu erwartenden Veränderungen sind als ähnlich wichtige Lebewesen zum Beispiel im östlichen Mittelmeer. Um das vergleichen zu können, haben sie zusammen mit israelischen Kollegen in Haifa die Finanzierung einer baugleichen Experimentieranlage beantragt. Zwar seien Ostsee und Mittelmeer gleichermaßen durch ihre Randlage und einen begrenzten Wasseraustausch gekennzeichnet, erläuterte Wahl. Das Mittelmeer verfüge aber über eine größere Artenvielfalt und eine größere Zahl an Arten, die ausschließlich dort vorkommen. Außerdem gebe es dort weniger Temperaturschwankungen als in der Ostsee. Folglich werde das Ökosystem an der israelischen Küste Veränderungen vielleicht schwerer verkraften können.

Die sechs „Benthokosmos“ genannten Behälter sind nahe der Kieler Uferpromenade aufgebaut. In drei Becken laufen bereits Untersuchungen, die übrigen drei sollen demnächst eingerichtet werden, sagte Jan Steffen vom IFM-Geomar. Für die Studien sammelten die Biologen Organismen aus der Kieler Bucht, etwa Blasentang, die eingewanderte Rotalge Gracilaria vermiculophylla, die Miesmuschel und die Meerassel Idotea baltica. „Diese Arten prägen das Ökosystem vor unserer Haustür“, sagte Wahl. Sie trügen zur Wasserqualität bei und böten für zahlreiche andere Arten Lebensraum und Nahrung. „Ihre Reaktion auf den Klimawandel könnte darum eine regelrechte Kettenreaktion mit Konsequenzen für die Belüftung des Wassers, die Stabilität der Küste oder den Fischbestand auslösen.“ Erste Ergebnisse der Tests werden für den nächsten Sommer erwartet. dpa/nes

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