Dieter Lenzen : "Ich habe die Pflicht eines Gewählten getan"

Der scheidende FU-Präsident Lenzen erklärt, wie eine Uni erfolgreich geführt wird und warum dazu Streit mit dem Senat gehört.

Lenzen
Sucht neue Aufgaben. Dieter Lenzen, 62, seit 2003 Präsident der Freien Universität, wird am 1. März Präsident der Universität...Foto: Mike Wolff

Herr Lenzen, als Ihr Wechsel nach Hamburg durch die Presse bekannt wurde, herrschte an der FU ungläubiges Entsetzen. Mitten in der Vorbereitung auf den nächsten Exzellenzwettbewerb stürzen Sie die FU ins Ungewisse – nur, um an eine im Vergleich zweitklassige Uni zu gehen. Verstehen Sie es, wenn manche Angehörige der FU von Ihnen enttäuscht sind?



In Deutschlands Hochschulen ist es vielleicht noch nicht so üblich, dass Leiter ihren Arbeitsplatz wechseln und ihre Kompetenz auch in eine andere Einrichtung einbringen. Das ist in anderen Sektoren völlig selbstverständlich. Es darf aber ohnehin niemals so sein, dass eine Einrichtung von der Leitung abhängig wird. Das ist bei der Freien Universität aber auch nicht der Fall. Sie ist hervorragend und selbstbewusst und hat viele Leute mit Leitungskompetenz.

Hatten Sie befürchtet, an der FU nicht mehr wiedergewählt zu werden?

Ich hätte auf gar keinen Fall noch mal eine Wiederwahl angestrebt, denn das wäre dann ins 16. Jahr gegangen, wenn ich die Zeit als Vizepräsident mitzähle. Es ist ja nicht zufällig so, dass in vielen Universitäten nur zwei Amtszeiten erlaubt sind. Im nächsten Jahr hätte ich auf jeden Fall einen neuen Weg eingeschlagen.

Verlassen Sie Berlin vielleicht, weil Sie der Auffassung sind, die FU habe ihren Zenit überschritten?

Die Freie Universität findet sich, wenn man allein die Rankings sieht, national auf dem vierten Platz. Ich bin völlig sicher, dass sie diesen Platz verteidigen wird. Natürlich ist der Wettbewerb härter geworden. Aber es gibt auch neue Herausforderungen für die deutschen Universitäten, die sich nicht auf Exzellenz reimen.

Welche zum Beispiel?

Was jetzt ansteht, ist eine ernst gemeinte Revision des Bologna-Prozesses. Fehler, die von der Politik gemacht worden sind, müssen nun von den Hochschulen korrigiert werden. Ich hoffe sehr, dass der nächste Exzellenzwettbewerb das auch berücksichtigt. Pläne für die Lehre müssen eine große Rolle spielen.

Sie haben behauptet, die „Sozialisten und Sozialdemokraten“ in der Berliner Regierung hätten Sie mit „immer weiteren Kürzungen“ in die Flucht geschlagen. In Wahrheit ist die FU unter der CDU-Regierung von Eberhard Diepgen um fast die Hälfte ihrer Professuren gebracht worden. Mit den Hochschulverträgen von Wissenschaftssenator Zöllner hingegen wird erstmals seit Jahren nicht gespart. Es fließen zusätzlich jährlich 35 bis 40 Millionen Euro für die Forschung über die Einstein-Stiftung. Woher kommt Ihre Animosität?

Ich denke, wenn man einem Patienten schon einmal beide Beine abgetrennt hat, kann man sie nicht noch mal abtrennen. Insofern ist es kein Verdienst, wenn die Kürzungen nicht noch einmal dieselben Ausmaße annehmen. Im Übrigen hatte sich in West-Berliner Zeiten auch Speck angesammelt, so dass die Kürzungen unter Diepgen noch gar nicht an die Substanz gingen. Das war bei den Kürzungen von 2003 unter der rot-roten Koalition anders. Ich sage nur Klinikum Steglitz oder Streichung von zehn Fächern.

Ihre heftige Kritik am Senat könnte bundesweit auch das Image der FU beschädigen.

Die FU hat ihr gutes Image ja, weil sie trotz dieser Bedingungen erfolgreich war. Dieser Erfolg ist der Erfolg der gesamten FU-Besatzung und nicht der Wissenschaftspolitik. Mit der Einstein-Stiftung ist doch eingetreten, was ich vor zwei Jahren vorausgesagt habe. Diese Mittel werden uns entzogen. Im Herbst haben wir das gesehen, als uns nicht ausgegebenes Geld aus der Stiftung ganz gestrichen und anderen Ressorts zugewiesen wurde. Man muss sich überlegen, ob es immer so weitergehen kann, dass die Wissenschaftler mit Drittmittelanträgen um ihre Grundausstattung kämpfen müssen. Als ich 1978 nach Berlin kam, war es selbstverständlich, dass ich drei wissenschaftliche Mitarbeiter und eine ganze Sekretärin bekam und vernünftige Räume. Das kann heute keine der Berliner Universitäten bezahlen. Das heißt, dass die Wissenschaftler eigentlich zu Antragswissenschaftlern werden und sich um das Kerngeschäft immer weniger kümmern können. Das Bundesverfassungsgericht hat schon in den siebziger Jahren festgestellt, dass zur Wahrnehmung der Wissenschaftsfreiheit eine Mindestausstattung gegeben sein muss, sonst gibt es die Wissenschaftsfreiheit nur auf dem Papier. An dieser Grenze sind wir jetzt angekommen.

An der FU hat man befürchtet, Sie könnten mehrere Ihrer Stabsmitglieder mit nach Hamburg nehmen und so die Leitung vorübergehend schwächen.

Diese Befürchtung ist nicht berechtigt. Es gibt Geld für zusätzliche Stellen, aber das Personal dafür wird bundesweit gesucht. Bisher sind nur zwei Mitarbeiter vorgesehen.

Sie haben schon durchblicken lassen, dass die Uni Hamburg sich zu einer internationalen Universität entwickeln soll. Genau das ist der Plan für die FU. Werden Sie also für den Antrag im Exzellenzwettbewerb Ideen aufgreifen, die für die FU entwickelt worden sind?

Definitiv nicht. Es ist nicht möglich, ein und dasselbe Konzept auf zwei Universitäten anzuwenden, übrigens auch nicht mit ein und demselben Führungsstil zwei unterschiedliche Einrichtungen zu leiten. Man muss sich auf Kultur und Geschichte, auf Potenziale und Wünsche einer Einrichtung einlassen. Da ist die Lage an der FU ganz anders als in Hamburg.

Der Antrag der FU im Elitewettbewerb sah die Einrichtung neuer Gremien vor, die den Forschern die Arbeit erleichtern sollen, sowie den Aufbau internationaler Büros. Es scheint so, als habe die FU den Antrag bereits umgesetzt. Ist der geringe Umfang der Pläne nicht riskant, wenn es jetzt um eine Anschlussfinanzierung geht?

Für alle Projekte in allen drei Wettbewerbslinien gilt, dass man nicht einfach noch mal dasselbe beantragen kann, sondern dass man sich neue Elemente überlegen muss. Damit haben wir selbstverständlich schon begonnen.

In Berlin galten Sie nicht nur beim Senator, sondern auch in der Wissenschaft als Störenfried, der uniübergreifende Kooperationen bei DFG-Projekten verhindern will. Was waren Ihre Motive?

Ich war kein Störenfried, ich habe mich für die Universität eingesetzt, für die ich die Verantwortung getragen habe. Die Berliner Politik musste einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Freie Universität, die eigentlich schon mal zur Abwicklung freigegeben war, erfolgreich war. So habe ich getan, was die Pflicht eines Gewählten ist, nämlich die Einrichtung nach Kräften so zu fördern und zu verteidigen, damit die Menschen, die einen gewählt haben, darin auch eine wissenschaftliche Zukunft haben.

Intern wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten sich in Berufungen eingemischt und die Gremien übergangen. Wie demokratisch kann eine Hochschule geführt werden?

In Berufungen hat sich das Präsidium nur bei Rechtsproblemen eingebracht. Beispielsweise ist es nicht erlaubt, dass Menschen an der Entscheidungsfindung beteiligt sind, die ein persönliches Verhältnis zu Bewerbern haben, etwa Doktoreltern waren oder gemeinsam mit dem Kandidaten publiziert haben. Was die Gremien angeht: Ich habe in meiner Amtszeit niemals erlebt, dass das Präsidium Beschlüsse des Kuratoriums, des Aufsichtsorgans der FU, missachtet hat. Genauso war der Umgang mit dem Akademischen Senat, dessen Kompetenzen in der Grundordnung festgeschrieben sind. Womöglich gibt es bei manchen Leuten aber auch eine gefühlte Zuständigkeit für weitere Aufgaben.

Sie standen im Ruf, Prinzipien des Managements auf die Uni übertragen zu wollen, schließlich sind Sie auch Mitglied der als neoliberal geltenden Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Ist die FU in Ihrer Amtszeit eine unternehmerische Uni geworden?

Ich war nie Mitglied der Initiative und auch kein Berater, wie es auf deren Homepage hieß. Ich habe lediglich Vorträge gehalten, wie anderswo auch. Allerdings war ich Mitglied des Fördervereins Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, dessen Aufgabe es war, das Bewusstsein und Verständnis der Bürger für wirtschaftliche Zusammenhänge zu stärken. Dort bin ich aber nicht mehr Mitglied. Im Übrigen bedeutet Management an der Hochschule einfach, dass wir effizient mit öffentlichen Mitteln umgehen. Deswegen arbeiten wir aber nicht wie Unternehmen.

Bei mancher Kritik genießen Sie bundesweit gleichwohl großen Respekt. Was sind die Verdienste Ihrer Amtszeit?

Darüber sollen andere urteilen. Mir war aber wichtig, dass wir früh unsere Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt haben. Darum können wir jetzt den nächsten Schritt machen und Fehler korrigieren. In der Forschung hat die FU schon als vom Exzellenzwettbewerb noch nicht die Rede war, eine Clusterstruktur entwickelt, auf die wir dann aufbauen konnten. Das Präsidium konnte auch Einfluss auf bauliche Maßnahmen nehmen, um dazu beizutragen, dass die FU eine Campus-Universität wird. Ich denke etwa an das neue Hotel mit Seminarräumen. Im Moment gestaltet die FU gemeinsam mit einem Investor das ehemalige Gebäude des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu Apartments für Studierende und Doktoranden, besonders aus dem Ausland, um. Wichtig war mir auch das Thema Gleichstellung.

Warum?

Ein Schlüsselerlebnis für mich war eine Berufung in den Naturwissenschaften, wo eine exzellente Frau nur auf Platz drei gesetzt wurde. Die Begründung der Professoren: Sie ist zwar exzellent, aber wir wissen nicht, ob sie es auch bleibt. Das ist lächerlich. Es gibt viele höchst qualifizierte Frauen. Und damit die Fachbereiche einen Anreiz haben, die Gleichstellung zu verwirklichen, haben wir Zielvereinbarungen. Das ist dann ein Instrument aus dem Management – ist es deshalb schlecht? Wir berufen heute zur Hälfte Frauen.

Was würden Sie heute anders machen?

Gern hätte ich als nächstes großes Feld die Verwaltungsstrukturen weiterentwickelt. Die Hierarchieketten sind zum Teil unheimlich lang. Das führt dazu, dass an der Basis, wo an der FU hochengagierte junge Leute arbeiten, kaum Entscheidungen getroffen werden. So fehlt dort das Gefühl, selbst mitgestalten zu können. Man sollte weniger steile Hierarchien haben und in Teams im Sinne des lean managements entscheiden. Das Personal sollte in Weiterbildungen lernen, sich als Entscheidungsträger und nicht als Vollzugsbeamte wahrzunehmen.

Wo wird die FU in fünf Jahren stehen?

Ich bin kein Prophet. Aber ich wünsche mir, dass sie stabil ihren Erfolgskurs verfolgt, so dass ihre Existenz nie wieder in Frage gestellt wird.

Und die Uni Hamburg?

Die Universität Hamburg wird massiv unterschätzt. In fünf Jahren wird sich das geändert haben. Dann kann sie in vollem Selbstbewusstsein ihre großen Stärken zeigen.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

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