Digitalisierung in Berlin : „Es fehlen große Firmen“

Martin Grötschel über die Digitalisierung in Berlin.

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Martin Grötschel ist TU-Professor für Mathematik, Präsident des Konrad-Zuse-Zentrums und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Martin Grötschel ist TU-Professor für Mathematik, Präsident des Konrad-Zuse-Zentrums und Präsident der Berlin-Brandenburgischen...Foto: TU Berlin/Presse/Dahl

Herr Grötschel, wenn es um Digitalisierung geht: Was sind schon jetzt Stärken Berlins?
Die Basiskompetenzen, die Grundlagenforschung, da ist Berlin schon stark. Wir haben hier exzellente Leute für Datennetzwerke, im Bereich Big Data ist eines von zwei bundesweiten Kompetenzzentren in Berlin. Oder denken Sie an das „High Performance Scientific Computing“ – also das Hochleistungsrechnen für die Wissenschaft, was wir am Zuse-Zentrum betreiben. Eine besondere Stärke Berlins sind auch die Digital Humanities.

Darunter versteht man die systematische Verwendung von digitalen Ressourcen in den Geisteswissenschaften.

Damit haben wir vor 15 Jahren angefangen, als es das Wort dafür noch gar nicht gab. Berlin hat große Aktivitäten bei der Digitalisierung von Kulturgütern, bei der digitalen Lexikografie. Letzteres wird langsam zu einem Alleinstellungsmerkmal. Die deutsche Sprache lexikalisch zu bearbeiten, können sich Verlage heutzutage gar nicht mehr leisten.

Woran fehlt es Berlin noch?

Was fehlt, sind große Firmen. Wir haben viele Start-ups. Wir müssen hier die Produktion stärker mit IT zusammenbringen.

Ist die Wissenschaft beim Thema IT also besser als die Wirtschaft aufgestellt?

In der Wissenschaft sind wir vielleicht sichtbarer. Die kleinen Firmen sind oft gut, aber man kennt sie nicht so. Der Nährboden ist auf jeden Fall bereitet. Wir haben in Berlin bereits viele Bausteine, die müssen jetzt zusammengeführt werden.

Was muss die Berliner Politik leisten?

Der Senat muss ein Commitment bei dem Thema abgeben. Er sollte nicht mit der Gießkanne fördern, sondern sich auf Stärken konzentrieren. Letztlich sollte sich Berlin selber eine Richtung geben. Das Thema Open Access ist ein gutes Beispiel. Hier hat die Wissenschaftsverwaltung eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Wissenschaft, Politik und den Bibliotheken gegründet, die Leitlinien zum freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen erarbeiten soll.

Ist es denn überhaupt planbar, Berlin zu einem Weltzentrum der Digitalisierung zu machen?

Die Vision ist wichtig. Ich zitiere bei solchen Gelegenheiten immer gerne Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“

Was erwarten Sie sich von der großen IT-Konferenz an der TU Berlin?

Wir müssen es schaffen, dass das Thema tatsächlich von herausgehobenen Persönlichkeiten vorangetrieben wird. Ein Triumvirat aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu benennen – das würde den Prozess sehr beschleunigen.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

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