Diskussion : Gott, das Nichts

Kosmisch: In Adlershof diskutierten Theologen und Naturwissenschaftler über Anfang und Ende des Universums.

Hartmut Wewetzer
Galaxie
Am Ende wird der Himmel dunkel, nichts bleibt übrig. -Foto: dpa

"Der Weltraum. Unendliche Weiten" - so lauteten die legendären ersten Worte der Fernsehserie "Raumschiff Enterprise". Aber es sind nicht nur unendliche Weiten, sondern auch unendliche Zeiten, die den Kosmos ausmachen. Unter dem Motto "Sternenstaub und Schöpfungsmythos" diskutierten am Montagabend Naturwissenschaftler und Theologen bei einer Veranstaltung des Wissenschaftsstandorts Adlershof und der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Adlershof über Anfang und Ende der Welt.

Wenn es um die Entstehung des Alls geht, dann haben die Erklärungsmodelle der Physik vielerorts die Religion abgelöst. Der Urknall ersetzte einen biblischen Gott, der Himmel und Erde schuf. Ja, der große Knall am Anfang sei selbst schon zu einem Mythos geworden, sagte der Astrophysiker und Buchautor ("Das Schicksal des Universums") Günther Hasinger, Direktor am Garchinger Max-Planck-Institut für Plasmaphysik.

Das expandierende Wissen über die Entwicklung und Zusammensetzung des Universums lässt für Unerklärliches immer weniger Raum. Bleibt da noch Platz für Gott? Hasinger wies die Vorstellung zurück, Gott sei ein Lückenbüßer, eine Art großer Unbekannter, der in der ersten Sekunde des Universums die Weichen stellte. Nach dieser Sekunde könne die Physik die kosmische Evolution erklären.

"Am Schluss bleibt nichts übrig"

Hasinger setzte die Entwicklung des Alls bis zur Gegenwart mit einem Jahr gleich. Am 1. Januar ereignete sich der Urknall, am 29. September begann das Leben. Am 31. Dezember, sechs Minuten vor Mitternacht, betrat der Mensch die Bühne, und zwölf Sekunden vor Jahresende zeigten sich die Weltreligionen.

Bischof Wolfgang Huber konnte dem kosmischen Geschehen durchaus etwas Vertrauenerweckendes abgewinnen. "Wir können uns einrichten in der Welt", sagte er. "Das hat Sinn, das ist gut."

Für Christoph Markschies, Theologe, Pfarrer und Präsident der Humboldt-Universität, ist die Physik nur ein "Beschreibungssystem", der Schöpfungsglaube stehe gleichberechtigt daneben. Man sei nicht gezwungen, sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Genauso wie man Wein nach seiner chemischen Zusammensetzung, dem Geschmack oder der Lage beurteilen könne.

Vielleicht sei Gott ja das Nichts

Dann setzte der Physiker Hasinger sein kosmisches Tagebuch unerbittlich fort: Am 22. Februar des nächsten Jahres werde das Wasser auf der Erde zu kochen anfangen, Anfang März werde es auf der Erde 3000 Grad heiß, weil die Sonne sich zu einem "roten Riesen" aufblähe. Schließlich, in ferner Zukunft, werde der Himmel dunkel. "Ein kaltes, einsames Ende", sagte Hasinger. "Am Schluss bleibt nichts übrig."

"Diese Apokalypse macht uns nicht unmittelbar Angst", konterte Bischof Huber. Der christliche Glaube bestehe darin, auf eine "neue Erde" zu hoffen, auf der dann Gerechtigkeit herrschen werde.

Auch der Theologe Markschies hielt dagegen. Zwar sei im "Beschreibungssystem" der Physik nichts Tröstliches, doch "das Auseinandertreten von Etwas und Nichts" im Kosmos sei nicht "blind und zufällig" erfolgt.

Triumphiert am Ende der Zeit ein gütiger Gott oder die große Leere? Hasinger brachte beide Betrachtungsweisen in einer riskanten Spekulation unter: Vielleicht sei ja Gott das Nichts.

0 Kommentare

Neuester Kommentar