Diskussion um Berliner Islam-Institut : Eine Chance für progressive Muslime

Warum der liberale Islam im Theologie-Institut der Humboldt-Universität vertreten sein muss, erklärt Nushin Atmaca vom Liberal-Islamischen Bund in einem Gastkommentar.

Von Nushin Atmaca
Die Toreinfahrt eines historischen Universitätsgebäudes. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Vor dem Tor. Bislang sollen nur fünf konservative Islam-Verbände im Beirat für das geplante Institut für Islamische Theologie an...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion über die Islamische Theologie an der Humboldt-Universität steht die Beteiligung islamischer Organisationen im neunköpfigen Beirat. Die dafür vorgesehenen fünf Sitze sind den bereits am Entstehungsprozess beteiligten, traditionellen Verbänden vorbehalten. Progressive Zusammenschlüsse wie der Liberal-Islamische Bund (LIB) sind bislang ausgeschlossen – obwohl es durchaus gewichtige Gründe gäbe, sie einzubeziehen.

Die Nichtbeteiligung liberaler Organisationen wird oftmals mit der im Vergleich zu den weitaus älteren, konservativeren Verbänden geringen Mitgliederzahl begründet. Allerdings darf die Frage nach der Repräsentativität nicht ausschließlich an Zahlen festgemacht werden, sondern es müssen ebenso inhaltliche Aspekte in den Blick genommen werden: Die Islamische Theologie sollte, möchte sie als ernst zu nehmende Wissenschaft betrachtet werden, ein weites Spektrum unterschiedlicher Lesarten abdecken. Dazu gehören auch progressive Zugänge, die sich dezidiert offen zeigen gegenüber der Verschiedenartigkeit menschlichen Lebens in einer pluralen Gesellschaft.

Nur wenn Pluralität zugelassen wird, entsteht ein inspirierendes Umfeld

Manche mögen sich fragen, wie „islamisch“ solche Ansätze seien. Ein Blick auf die Geschichte zeigt indes, dass in den letzten 100 bis 150 Jahren eine Verengung des islamischen Denkens stattfand. An die Stelle einer Vielzahl von Meinungen und Ansätzen, die sich meist gegenseitig akzeptierten, ist der Glaube an die eine Lehre getreten. Aber nur wenn bei der Etablierung der Islamischen Theologie an deutschen Universitäten Pluralität zugelassen wird – in Bezug auf Inhalte, Personal und die Besetzung des Beirats –, kann ein fruchtbares und inspirierendes Umfeld entstehen. Allein ein solches Umfeld würde neugierigen und reflektierten Geistern einen geschützten Raum bieten, in dem sie sich entfalten können.

Die Debatte um die Zentren hat paternalistische Züge

Das Resultat dieser freien Entfaltung sollte selbstverständlich nicht von vornherein festgelegt sein: Häufig wird die Einrichtung der Islamischen Theologie in der politischen Debatte als ein „integrationspolitischer Akt“ betrachtet. Die Hoffnung, die sich hier offenbart – endlich wird die Muslime der Islam gelehrt, den wir uns wünschen! – weist paternalistische Züge auf. Sie entmündigt die Lehrenden und Studierenden, indem sie ein bestimmtes Ergebnis erwartet. Dies ist der Akzeptanz des Studiengangs gerade in traditionelleren Milieus hinderlich, da der Eindruck erweckt wird, die Politik bastele sich hier „ihren“ Islam.

Islamische Denktraditionen, die Eigenverantwortlichkeit zugestehen

Statt als Integrationsleistung sollte die Islamische Theologie daher vor allem als als eine in diesem Land noch junge Wissenschaft behandelt werden, deren Erfolg nicht nur daran gemessen wird, wie viele Imame und islamische Religionslehrerinnen ausgebildet werden. Ebenso muss es um die Anschlussfähigkeit ihrer wissenschaftlichen Leistung gehen. Um diese zu garantieren, sind in Berlin vier Hochschullehrende als Beiratsmitglieder vorgesehen. Aber warum sollte nicht auch das Potenzial genutzt werden, das organisierte liberale Muslime wie der Liberal-Islamische Bund (LIB) mitbringen?

Zum Selbstverständnis sich als liberal verstehender Muslime gehören zwei für die universitäre Islamische Theologie wichtige Aspekte. Wir wollen an islamische Denktraditionen, die den Verstand als wichtige und unumgängliche Erkenntnisquelle anerkennen und dem Individuum damit Eigenverantwortlichkeit zugestehen, anknüpfen und sie fortentwickeln. Engagiert sind wir auch für den Austausch mit progressiven muslimischen Aktivistinnen und Wissenschaftlern. Die daraus resultierenden Erfahrungen sowie die bestehenden Netzwerke können einen wichtigen Beitrag zum wissenschaftlichen Profil der Studiengänge leisten.

Mit drängenden Fragen unserer Gesellschaft auseinandersetzen

Zudem sind es heute gerade progressive muslimische Stimmen, die sich mit drängenden Fragen unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Dabei steht die tiefere Bedeutung religiöser Textquellen im Vordergrund: Es geht um ein „Über-Setzen“ von Prinzipien in die heutige Zeit, nicht um die Wahrung einer als unveränderlich deklarierten Form. Für eine anwendungsorientierte Theologie ist dieser Bezug auf die Lebenswirklichkeit unerlässlich. Der Dialog, der sich zwischen „Praktikern“, Lehrenden und Studierenden über eine Beteiligung liberaler Akteure ergeben würde, wäre für alle Seiten gewinnbringend.

Die Forderung, Zusammenschlüsse wie den LIB einzubeziehen, zielt nicht auf die Verdrängung bereits involvierter Verbände. Vielmehr geht es darum, liberale Stimmen zu berücksichtigen, um islamische Vielfalt adäquat abzubilden. Davon, können die Islamische Theologie und alle daran Beteiligten nur profitieren.

Die Autorin ist Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds und Mitarbeiterin des Berliner Leibniz-Zentrums Moderner Orient (ZMO).

Den Debattenbeitrag des Gründungsbeauftragten des Islam-Instituts an der HU lesen Sie hier.

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