DLR-Chef Wörner : "Wir brauchen Raumschiffe"

Der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt dringt auf bemannte Flugsysteme, um international mitzuhalten.

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Foto: p-a/dpa

Von heute an treffen sich die zuständigen EU-Minister in Den Haag, um über künftige Projekte der europäischen Raumfahrtagentur Esa zu beraten. Sie gehören zur Leitung der deutschen Delegation. Mit welchen Zielen reisen Sie zu dem Treffen?



Zunächst ist es für uns ganz wichtig, dass bei dieser Ministerratskonferenz die Esa als europäische Weltraumagentur erhalten bleibt und bestätigt wird. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Mehrere Länder, allen voran Frankreich, wollen die Esa dichter an die EU heranbringen. Das wäre für Deutschland keine gute Lösung. Von den jetzt 18 Mitgliedstaaten bringen wir rund ein Viertel des Esa-Budgets auf. Nach den Esa-Regeln kommt das eingebrachte Geld über Aufträge für die heimische Raumfahrtindustrie langfristig wieder zurück. Die EU hingegen arbeitet nach einem länderübergreifenden Wettbewerb. Da besteht die Gefahr, dass wir künftig weniger Aufträge bekommen, sowohl für die Industrie als auch für die hiesigen Wissenschaftler.

Wohin sollte sich die Esa inhaltlich ent wickeln?

Wir sollten einerseits Dienste für die Erde anbieten, zum Beispiel die Erdbeobachtung mit modernen Satelliten, wie wir sie im Projekt GMES verfolgen. Ziel ist ein europäisches Netzwerk zur Erfassung und Auswertung von Umweltdaten, etwa zur Boden- und Wasserqualität, oder Veränderungen der Vegetation und des Klimas. Weiterhin sollten wir gemeinsam das Navigationssystem „Galileo“ etablieren und in der Telekommunikation weiterkommen.

Das sind vorrangig praktische Anwendungen. Wie geht es mit der Forschung weiter?


Highlights sind die geplanten Flüge von Forschungssonden zum Merkur (2013) und Mars (2016). Diese Flüge sind wichtig, auch wenn manche sagen: Was interessiert mich, was auf fernen Planeten passiert? Bei solchen Missionen gibt es immer verblüffende Ergebnisse. So wurde zum Beispiel der Treibhauseffekt nicht auf der Erde entdeckt, sondern auf der Venus.

Sie haben sich immer wieder für ein europäisches Transportsystem eingesetzt, das Menschen ins All bringen kann. Wann wird es so weit sein?

Während der Ministerkonferenz werden wir hoffentlich einen weiteren Schritt in Sachen Raumtransport vereinbaren. Bislang gibt es ein unbemanntes Frachtraumschiff, das ATV. Da dieses automatisch an der Internationalen Raumstation ISS ankoppelt, entspricht es in weiten Teilen bereits den hohen Sicherheitskriterien der bemannten Raumfahrt. Das ATV ist aber so konstruiert, dass es nach dem Abkoppeln von der ISS in der Erd atmosphäre verglüht. In Den Haag wollen wir eine Studie vereinbaren, die herausfinden soll, unter welchen Voraus setzungen wir Europäer Material – etwa Experimente der ISS – sicher zur Erde zurückbringen können; also ein ATV, das rückkehrfähig ist. Wir wollen wissen: Ist das technisch machbar, zu welchen Kosten und in welchem Zeitraum? Über weitere Schritte, auch in Richtung bemannte Raumfahrt, kann man dann später kompetenter entscheiden.

Wann können wir mit einem Materialtransport zurück zur Erde rechnen?


Das wäre mit Sicherheit innerhalb der nächsten fünf Jahre möglich.

Und wann kommt das europäische Raumschiff für bemannte Flüge?


Ich muss klar sagen: Ein bemanntes Flugsystem steht noch nicht auf der Tages ordnung. Wenn es aber gelingt, Material zur Erde zurückzubringen, können wir auch über einen Personentransport diskutieren. Ich bin überzeugt, dass wir in Europa das Potenzial dazu haben – und dass wir die bemannten Systeme langfristig benötigen, um international nicht den Anschluss zu verlieren. Gerade Länder wie Indien und China machen in der Raumfahrt zurzeit große Fortschritte. Noch ist nichts entschieden. Doch ich bin zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahrzehnt eine positive Entscheidung über den Bau eines europäischen bemannten Raumschiffs fällen werden.
Andere Länder wie Italien engagieren sich nicht so stark in der Esa und investieren mehr in nationale Projekte. Sollten wir als Deutsche nicht genauso handeln? So hätten wir zum Beispiel Geld für die Mondsonde Leo, die bislang nicht im Bundeshaushalt für 2009 berücksichtigt ist und vielleicht niemals gebaut wird.

Natürlich ist ein großes Budget für nationale Projekte gut. Die Franzosen beispielsweise geben in die Esa ähnlich viel wie wir Deutschen, haben aber für nationale Projekte in der Raumfahrt dreimal so viel Geld zu Verfügung. So viel werden wir von der Bundesregierung nicht bekommen. Dafür aber nun den Esa-Beitrag zurückzufahren, halte ich für völlig falsch. Wenn man sich ansieht, an welch spannenden Esa-Projekten wir maßgeblich beteiligt sind – zum Beispiel das Weltraumlabor Columbus sowie die geplanten Merkur- und Marsmissionen –, dann halte ich das Geld für sehr gut angelegt. Dass Leo eventuell zurückgestellt ist, finde ich sehr schade. Ich hoffe immer noch, dass wir Möglichkeiten finden, die Mondsonde zu bauen – möglicherweise als Konjunkturfördermaßnahme –, und dass sie vielleicht schon 2013 abhebt.

Die Fragen stellte Ralf Nestler.

Johann-Dietrich Wörner (54) ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er sieht die europäische Raumfahrtagentur Esa bedroht.

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