DNA-Tests : Mit den Genen googlen

Heute startet 23andme in Deutschland: Ein Start-up, das private DNA-Tests über das Internet anbietet – und eine spannende Geschichte hat. Sie erzählt von Anne Wojcicki, die Linda Avey kennenlernt und den Google-Mitgründer Sergey Brin heiratet.

Thomas Knüwer,Roland Julius Endert
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DNA-Test: Mit 23andme nun auch über's Internet möglich. -Foto: ddp

MünchenSie muss lustig gewesen sein, die jüngste Verwaltungsratssitzung des kalifornischen Biotech-Start-ups 23andme. „Wir hatten so viel Spaß“, erzählt Anne Wojcicki, eine der Gründerinnen: „Das Treffen brach völlig auseinander.“ Jeder habe seine Gene mit denen der anderen verglichen. Und jene, die noch keinen Test gemacht hatten, seien richtig neidisch gewesen.

Ein Vergleich der Gene, bei dem sich Erwachsene aufführen wie Kinder beim Vergleich ihrer Panini-Fußball-Sammelbilder – klingt nach Science Fiction? Von wegen. Ab heute ist dieses Szenario auch in Deutschland Realität. Denn auf dem Podium des Zukunftskongresses „Digital Life Design“ in München werden Wojcicki und ihre Mitgründerin Linda Avey den Deutschland-Start von 23andme verkünden. Und das, worüber der Verwaltungsrat des kalifornischen Start-ups sich so amüsiert hat, ist der Service, den die beiden anbieten: persönliche DNA-Tests.

Kunde schickt Speichelprobe

Für solch einen Test senden die Kunden eine Speichelprobe an das Unternehmen. Vier Wochen später erhalten sie den Zugang zur Webseite der Firma, auf der sie eine detaillierte und doch für Normalbürger angeblich verständliche Analyse der Ergebnisse finden.

Klingt einfach – wirft aber tiefgreifende Fragen auf. Will man wissen, was dieser Test ergibt? Welche Wahrscheinlichkeit es in den eigenen Genen für Alzheimer gibt, zum Beispiel. Ein Traum für Hypochonder?

Avey warnt vor zu viel Testhörigkeit: „Die Ergebnisse sind nicht binär, es gibt nicht ja oder nein. Der Zufallsfaktor spielt noch immer eine Rolle.“ Auch Familiengeschichten könnten umgeschrieben werden, lassen sich doch Verwandtschaftsverhältnisse analysieren, ja sogar unbekannte Onkel und Tanten finden. Und sogar aus welchen Regionen bestimmte Gene kommen, kann der Test zeigen.

Die eigentliche Idee des persönlichen DNA-Tests stammt von Avey. Als Managerin beim Biotechunternehmen Affymetrix grübelte sie ein Jahr lang über dem Projekt. Zwei Dinge brauchte sie, das war klar: Geld und Rechenkraft. Wer das hat? Google. Zu einem Essen mit einem Verantwortlichen des Suchmaschinenriesen kam die Biotechanalysten Wojcicki hinzu – und die beiden verstanden sich auf Anhieb.

Zum Ja-Wort auf die Sandbank

In Übersee war ihr Start-up eine der am heißesten diskutierten Neugründungen. Nicht nur wegen des Geschäftsmodells, denn 23andme hat einige Konkurrenten – sondern wegen Wojcickis Privatleben. Ihre Schwester Susan vermietete eine Garage an einen jungen Web-Firmengründer namens Sergey Brin. Und der startete eine Suchmaschine namens Google. Im vergangenen Jahr heirateten Wojcicki und Brin in einer streng geheimen Zeremonie auf einer kleinen Bahamas-Insel. Angeblich schwamm das Paar zum Ja-Wort auf eine Sandbank. Sie trug einen weißen Schwimmanzug, er einen schwarzen.

„Jeder versteht, warum Sergey mit ihr zusammen ist“, sagt einer, der die beiden kennt: „Anne ist kein Milliardärs-Groupie – sie ist Sergey ebenbürtig.“ Fröhlich und zupackend sei sie, als „Ideenfabrik“ beschrieb ihre Mutter sie gegenüber der „New York Times“. Und sie kann was einstecken: Während der Uni-Zeit in Stanford spielte sie Eishockey. So verkraftete sie auch das Ableben ihrer ersten Gründung Catalytic Health, die günstige Medikamente in arme Ländern liefern wollte.

Avey dagegen, auch Biologin von Haus aus, ist 14 Jahre älter als ihre 33-jährige Partnerin und eher ruhig, zurückhaltend, nüchterner, vielleicht, weil sie aus dem ländlichen South Dakota stammt. Über 20 Jahre arbeitet sie schon in der Biotech- und Pharmabranche. Schon immer hat sie interessiert, wie die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien verständlich dargestellt werden können. Sie ärgerte sich, dass auf Partys alle mit ihrem Mann, einem Merrill-Lynch-Manager, reden wollten und nicht mit der scheinbar langweiligen Wissenschaftlerin, die sogar ein Kinderbuch über Genetik geschrieben hatte.

Genanalyse für Alle

Viel Vermittlungsarbeit wird auch bei 23andme nötig sein, dessen Name sich auf die 23 Chromosomenpaare eines Menschen bezieht. Nicht nur gegenüber Konsumenten, sondern auch gegenüber der Wissenschaft. Die ist gar nicht so erfreut über das neue Angebot. Genanalyse stehe erst am Anfang, die Ergebnisse der Analyse seien deshalb mit Vorsicht zu genießen, warnen Experten. In der Tat: Erst 2003 wurde das gesamte menschliche Erbgut entschlüsselt. „Es wird einen Tsunami neuer Forschungsergebnisse geben“, sagt Avey, „und wir sind bereit.“ Die Analysen von 23andme sollen ständig aktualisiert werden, Kunden sollen also nicht nur einmal auf die Seite kommen, sondern immer mal wieder draufschauen.

In einer Welt, in der Menschen Zugang zu fast jeder Art von Wissen haben, ist dieser Test vermutlich genau das, was viele möchten. „Ich finde die Idee großartig und faszinierend“, sagt zum Beispiel Wikipedia-Gründer Jimmy Wales: „Das könnte bald Allgemeingut werden.“

1 000 Dollar kostet es – auch für deutsche Kunden. „Greifen Sie zu bei dem Dollar-Kurs“, lacht Wojcicki. Wie viele Kunden gibt es schon? „Ordentliche Umsätze“ mache 23andme in den USA. Das war’s. Über finanzielle Details schweigen beide.

Als es im Jahr 2006 ernst wurde mit 23andme, investierte erst Brin privat, dann Google. Doch mit dem Einstieg der Firma wurde Brins Privatkredit abgelöst – das sorgte für Kritik. Aber Google ist nicht der einzige Investor: Auch der bekannte Mehrfachgründer Martin Varsavsky ist an Bord, außerdem die Biotechfirma Genentech, Mohr Davidow Ventures und New Enterprise Associate.

„Google ist natürlich ein spektakulärer Investor“, sagt Wojcicki heute. Und es sei ein Vorbild in Sachen Management: „Wir wollen Google in gewissen Bereichen sein.“

Verdient die Pharmaindustrie mit?

Und hier beginnt, was manchen ein Grummeln in der Magengegend bereiten könnte. Denn 23andme liefert nicht nur eine Analyse der Gene – sondern auch die Möglichkeit, diese weiterzugeben und sich zu vernetzen. Gleichzeitig können die Analyseergebnisse – anonymisiert – bei Pharmaindustrie und Wissenschaft landen. Das erinnert an Google: Auch hier werden Daten anonymisiert gesammelt, aufbereitet und vermarktet – und auch hier gibt es die Sorge, ob ein Unternehmen nicht zu viel über seine Kunden weiß.

„Wir sind die Anwälte unseres Kunden und tun alles, um die Geheimhaltung zu sichern“, sagt Wojcicki. Und Avey ergänzt: „Jetzt kommt eines dieser Gutmenschenzitate, aber es stimmt: Wir wollen doch nur forschen und die Welt verbessern.“ Ach so! Und Geld verdienen? „Geld verdienen und die Welt verbessern ist doch kein Widerspruch.“

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