Dokumentation „Examined Life“ : Zupackende Philosophen

Acht Denker erklären in einem großartigen Film das Leben in der modernen Gesellschaft.

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Ganz unten. Filmemacherin Astra Taylor hat Slavoj Žižek gebeten auf einer Müllhalde über menschliche und politische Abgründe nachzudenken. Foto: National Film Board of Canada/Suhrkamp
Ganz unten. Filmemacherin Astra Taylor hat Slavoj Žižek gebeten auf einer Müllhalde über menschliche und politische Abgründe...

Kaum eine wissenschaftliche Disziplin muss sich den Vorwurf der Abstraktheit öfter gefallen lassen als die Philosophie. Texte und Gedanken sind so schwer verständlich und komplex, dass sie für weltfremde Denker geschrieben zu sein scheinen. Nun macht sich ein kürzlich auf DVD erschienener Film auf, das Gegenteil zu beweisen: die Dokumentation „Examined Life“ der kanadischen Filmemacherin Astra Taylor. „Erforschtes Leben“ – ein Zitat aus Platons „Apologie des Sokrates“ – umreißt das Projekt dieses sehenswerten Films. Acht Philosophen und Philosophinnen zeigen sich darin, wie sie das Leben nicht nur geistig zu durchdringen, sondern sich ihm körperlich auszusetzen, es zu erspüren versuchen.

„Philosophie wird oft als eine entkörperlichte, mentale Übung verstanden, eine Übung in totaler Abstraktion. Sie ist kalt, rational und berechnend. Doch es gibt auch diese körperliche Seite der Philosophie, und die ist warm“, sagt Taylor über ihren Film, der bereits 2009 in den amerikanischen Kinos lief und nun in der Suhrkamp-Filmedition mit deutschen Untertiteln erhältlich ist.

Die körperliche, warme Seite der Philosophie in ihr Recht zu setzen, gelingt Taylor zunächst durch einen einfachen Trick: Sie filmt ihre Protagonisten – bekannte zeitgenössische Denker wie Martha Nussbaum, Peter Singer, Slavoj Žižek und Judith Butler – nicht in ihren Büros vor der obligatorischen Bücherwand, brustaufwärts und mit starrem Kamerablick, sondern in zehnminütigen Sequenzen beim Spazierengehen an ganz unterschiedlichen Orten. Während sie von den philosophischen Fragen erzählen, die sie umtreiben, sitzen sie schwitzend im Auto, spazieren durch den New Yorker Central Park an raufenden Hunden vorbei, rudern ein kleines Boot, wandeln durch die Straßen San Franciscos.

So ergibt sich eine ganz unmittelbar spürbare Versinnlichung des Gedachten. Peter Singer läuft die New Yorker 5th Avenue entlang und hält inne vor dem Edelkaufhaus Bergdorf Goodman: „Könnten wir für ein Paar Designerschuhe nicht mehreren Kindern in der Dritten Welt eine Schulausbildung ermöglichen?“ Die blinkenden und blitzenden Insignien des Kapitalismus um ihn herum unterlaufen den moralisierenden Ton seiner Überlegung. Leuchtreklame, ein Prada-Schaufenster, Menschenmengen mit Einkaufstüten, die Ampel springt um. „In angewandter Ethik geht es um die Entscheidungen, die wir treffen, und eine dieser Entscheidungen, die wir immer wieder neu zu treffen haben, lautet: Wofür gebe ich mein Geld aus?“ Philosophie frage immer wieder danach, ob das Leben Sinn habe. „Vielleicht bekommt es diesen Sinn, wenn wir uns einer Sache verschreiben, die Welt verbessert haben dadurch, dass und wie wir gelebt haben“, überlegt Singer.

Taylor, die 2005 bereits mit ihrem Film „Žižek!" bekannt wurde, erobert mit ihrer Dokumentation ganz selbstverständlich den öffentlichen Raum und erklärt unsere Alltagswelt zu einem Ort, der von philosophischen Fragen immer schon durchdrungen ist. Wo könnte man der Liebe besser auf die Spur kommen als im vor Lebendigkeit brodelnden Manhattan? Ließe sich irgendwo wahrhaftiger über unsere menschlichen und politischen Abgründe reden als auf der Müllhalde, inmitten einem Berg aus Dreck und Verwesung, in den Tylor Slavoj Žižek stellt? Sparsame, aber klug gesetzte Schnitte geben jedem Protagonisten Raum, um die eigenen philosophischen Überlegungen vorsichtig, immer im Fragemodus, zu entspinnen. Jeder Schritt ein Gedanke, jede Geste eine Nuance der These.

Die riesigen Hallen eines Flughafens sind einer der besonders luziden Räume, die die Dokumentation bereist. Kaum ein Ort nimmt sich in seiner pragmatischen Glashallenästhetik so sehr zurück wie ein Flughafenterminal und versinnbildlicht doch gleichzeitig so prägnant unsere globalisierte Welt. Letztere wird dann auch, inmitten wuselnder Reisender, zum Thema des Moralphilosophen Kwame Anthony Appiah. „Allein am Flughafen begegnen wir so vielen Menschen auf einmal, wie unsere Vorfahren in ihrem ganzen Leben nicht gesehen haben“, sagt Appiah. Es sei eine der bedeutendsten Herausforderungen für unser modernes Leben, darüber nachzudenken, wie wir Menschen untereinander weltweit gegenseitige Verantwortung übernehmen können.

Die Kamera fixiert Appiah vor zwei Rolltreppen stehend stehend, eine fährt hinauf, eine hinab, plötzlich sind alle Reisenden aus dem Bildfeld verschwunden, Leere. „Wir müssen die Vielfalt der Werte anerkennen, die uns überall auf der Welt leiten. Sie sind eine Reflexion dessen, dass wir Menschen sind und alle gemeinsam eine moralische Grunddisposition teilen“, sagt Appiah. Seine Worte hallen nach, sind auch Appell. „Unerforschtes Leben ist nicht lebenswert“, heißt es bei Platon – eine radikale Aufforderung an uns, sich den Fragen des Lebens auszusetzen, nicht blind zu werden für die Menschen in den Flughafenterminals dieser Welt.

Dass sich Philosophie in diesem Film so authentisch und verletzlich zeigt, ist zwar auch ein Effekt der künstlerischen Inszenierung Taylors. Epische Bilder wechseln sich ab mit lebhaften Montagen, fein abgestimmte Musik begleitet die Übergänge zum neuen Ort, unaufdringlich spinnt sich zwischen den einzelnen Sequenzen ein Netz verbindender Themen und Begriffe. Doch verdankt sich dieser Effekt nicht zuletzt der geradezu durch den Bildschirm hindurch spürbaren Präsenz der einzelnen Philosophen. Die lackierten Fußnägel in den schwarzen Sandalen von Avital Ronell, während sie über ethisches Verhalten gegenüber Obdachlosen spricht. Der Wind, der Martha Nussbaum ins Gesicht weht, als sie von der Bedeutung des Rousseau’schen Gesellschaftsvertrags erzählt. Die Schweißperle, die Cornel West auf der Stirn steht, als er leidenschaftlich vom Mut spricht, dessen das Philosophieren bedarf. Die Intensität von Taylors Dokumentation verdichtet sich gerade in jenen Augenblicken, in denen wir das Leben in der Philosophie erforschen.

Zu den eindringlichsten und auch amüsantesten Szenen gehört die Sequenz mit Judith Butler, in der die Theoretikerin mit Sunaura Taylor (der Schwester der Regisseurin) durch San Francisco läuft beziehungsweise fährt, denn Letztere sitzt aufgrund einer angeborenen Gelenk- und Muskelsteife im Rollstuhl. Butler befragt ihre Weggefährtin über Schwierigkeiten und Stigmatisierungen, die mit einer derartigen körperlichen Einschränkung einhergehen, als sie an einem kleinen Second-Hand-Laden vorbeikommen und Sunaura Taylor sich für einen knallroten Pullover interessiert. Behutsam hilft die Philosophin ihrer Gesprächspartnerin in das Kleidungsstück: „Er ist irgendwie sportlich und elegant.“

Als sie ihren Spaziergang fortsetzen, sagt Sunaura Taylor: „Unsere behinderten Körper erinnern uns Menschen daran, dass unsere Körper altern und sterblich sind.“ Dann verliert die Kamera die beiden aus dem Blickfeld.

Astra Taylor: Examined Life. 88 Minuten. Engl. Originalfassung mit dt. Untertiteln. Filmedition Suhrkamp 2010. 19,90 €

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