Ebola in Westafrika : Nahaufnahme eines Virus

Das Erbgut von Ebola zeigt, wann der Erreger nach Westafrika kam und wie er sich in Sierra Leone verbreitete.

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Spurensuche. Aus den Blutproben Erkrankter können die Forscher wichtige Informationen über Ebola gewinnen.
Spurensuche. Aus den Blutproben Erkrankter können die Forscher wichtige Informationen über Ebola gewinnen.Foto: Stephen Gire

Die junge Frau litt unter hohem Fieber, bei einer Fehlgeburt hatte sie ihr Kind verloren und hörte nicht auf zu bluten. Die Mitarbeiter des staatlichen Krankenhauses in Kenema, Sierra Leone, waren alarmiert. Lassa-Fieber, dachten sie zuerst. Andererseits wussten sie seit März, dass im Nachbarland Guinea eine Ebola-Epidemie wütete. Irgendwann würde das Virus bei ihnen ankommen, befürchteten die Experten. Sie testeten verdächtige Blutproben längst nicht mehr nur auf Malaria oder Lassa. Am 25. Mai 2014 war es soweit. Die junge Frau war offiziell die erste Ebola-Patientin in Sierre Leone. Bis jetzt sind allein in diesem Land 1026 Menschen krank geworden, 422 starben. Es ist kein Ende in Sicht.

Eine Studie im Fachblatt „Science“ zeichnet nun anhand des Erbguts von 99 Ebola-Viren die ersten drei Wochen der Epidemie in Sierra Leone nach. Ein internationales Team um Pardis Sabeti von der Universität Harvard und dem Broad-Institut in Cambridge identifizierte 341 Veränderungen (Mutationen) im Virenerbgut, die sie von früheren Ebola-Ausbrüche in Zentralafrika unterscheiden. 55 Mutationen kamen während der aktuellen Epidemie hinzu.

„Das Virus verändert sich schneller als sonst“, schreibt Daniel Park vom Broad-Institut und Mitautor der Studie in einer E-Mail. „Aber die Muster wirken zufällig. Wir können daraus nicht schließen, dass sich nur Viren durchsetzen, die sich an den Menschen anpassen.“ Die kleinen Unterschiede ermöglichten es den Forschern allerdings, Übertragungsketten mit den Mitteln der Molekularbiologie zu belegen und Rückschlüsse auf den Ursprung des Virus zu ziehen.

Der Tod einer Kräuterheilerin brachte Ebola nach Sierra Leone

Als die Diagnose der jungen Frau feststand, besuchten Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums sofort alle, mit denen sie Kontakt hatte. Sie fanden 13 weitere Frauen, die unter ähnlichen Symptomen litten. Alle hatten zuvor in Guinea eine Kräuterheilerin zu Grabe getragen, die wahrscheinlich an Ebola gestorben war.

Vielleicht trug die traditionelle Heilerin sogar zwei Ebola-Varianten in sich. Die Forscher haben das Erbgut von zwölf Viren entschlüsselt, mit denen die Trauernden infiziert waren. Sie stammen aus zwei Virengruppen. „Eine andere Möglichkeit ist, dass nicht nur die Heilerin Ebola hatte, sondern auch ein Trauernder aus Guinea“, schreibt Park. „Durch den Kontakt untereinander und zum Leichnam könnten beide Varianten weitergegeben worden sein.“

Genau wird man das nie wissen. Sicher ist aber: Buschfleisch spielte bei dieser Epidemie kaum eine Rolle. Das Virus wurde nur ein Mal durch einen unglücklichen Zufall von einem Wildtier auf den Menschen übertragen. Seitdem verbreitet es sich von Mensch zu Mensch. „Die Vorstellung, dass in so einer Situation alle Wildtiere oder Flughunde voller Ebola sind, ist falsch“, sagt Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut in Berlin. „Man sollte besser vor Kontakt mit Erkrankten, vor unsicheren Bestattungen und unzureichend ausgestatteten Krankenhäusern warnen.“

Flughunde könnten das Virus nach Westafrika getragen haben

Die Forscher konnten auch einen Ebola-Stammbaum rekonstruieren. Demnach spaltete sich ein Vorfahr der Viren, die jetzt in Westafrika kaum einzudämmen sind, etwa 2004 von einer zentralafrikanischen Variante ab. „Einige Flughundarten haben ein extrem großes Verbreitungsgebiet, sie können Viren wie einen Staffelstab von Kolonie zu Kolonie weitergeben“, sagt Leendertz. „So kann es große Strecken zurücklegen.“

Hinweise darauf, dass Ebola schon länger in Westafrika kursieren könnte, hatten bereits Randal Schoepp und seine Kollegen vom Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der US-Armee gefunden. Sie unterstützen seit 2006 Sierra Leone bei der Bekämpfung des Lassa-Fiebers. Im Sommer haben sie die gesammelten Blutproben aus den letzten acht Jahren erneut analysiert. Sie fanden unter anderem Rift-Valley-Fieber, Gelbfieber, Marburg und Ebola-Zaire – also jenen Virusstamm, der seit Dezember 2013 die Menschen in Westafrika krank macht. Das berichteten sie im Fachjournal „Emerging Infectious Diseases“.

„Dieses Szenario ist nicht unwahrscheinlich“, sagt Stephan Becker, der das Hochsicherheitslabor der Universität Marburg leitet. „Aber die verwendeten Methoden sind nicht besonders verlässlich.“ Sie hatten kein Virenerbgut entschlüsselt, sondern nur nach Antikörpern gesucht. Das könne in die Irre führen. Die jetzt in „Science“ publizierten Ergebnisse dagegen sind Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen. „In Tierversuchen kann man jetzt zum Beispiel prüfen, ob und wie die Erbgutveränderungen zur Schwere der Epidemie beitragen“, sagt Becker.

Eine Forschergruppe um Erica Ollmann Saphire vom Scripps-Institut im kalifornischen La Jolla nutze die Daten bereits, schreibt Park. Sie prüfen, ob die Veränderungen die Wirkungsweise des experimentellen Antikörper-Cocktails ZMapp beeinträchtigen. Das Mittel war bekannt geworden, weil einzelne internationale Helfer damit behandelt wurden und sich erholten. Außerdem sollte man überprüfen, ob die Verlässlichkeit der üblichen Ebola-Tests durch die Mutationen beeinträchtigt wird, schreibt Park. „Diese Nahaufnahme des Erregers kommt zur rechten Zeit.“

Sheik Humarr Khan
Sheik Humarr KhanFoto: Pardis Sabeti

Insgesamt haben sich in Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria 3069 Menschen mit Ebola angesteckt, 40 Prozent davon allein in den letzten drei Wochen. Neun Monate könnte es noch so weitergehen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. „Es liegt noch ein außergewöhnlicher Kampf vor uns“, sagt die Erstautorin Pardis Sabeti. „Und wir haben schon viele Freunde und Kollegen verloren.“ Fünf der 60 Experten, die an der Studie mitgearbeitet haben, sind an Ebola gestorben, teilweise weil sie unter widrigen Umständen Kranke versorgt haben, teilweise weil sie kranke Angehörige hatten. Einer von ihnen ist Sheik Humarr Khan, der Chefvirologe des Landes. Die Studie und das unverzügliche Teilen der Erbgutsequenzen in öffentlichen Datenbanken sei auch ihrem Andenken gewidmet.

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