• Edition zur Jüdischen Historischen Kommission: Der unverstellte Blick der ersten Stunde

Edition zur Jüdischen Historischen Kommission : Der unverstellte Blick der ersten Stunde

Die Jüdische Historische Kommission in Polen dokumentierte seit dem Sommer 1944 die Verbrechen des Nationalsozialismus und befragte Zeitzeugen. Eine Berliner Edition veröffentlicht jetzt erstmals eine Auswahl der Texte in deutscher Sprache.

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Gefangene des Vernichtungslagers Auschwitz bei der Befreiung.
Zeugnis ablegen. Gefangene des Vernichtungslagers Auschwitz bei der Befreiung. Auch die jüdischen Historiker, die ab 1944...Foto: AFP

Der Warschauer Fischhändler Ber Ryczywol schildert ergreifend „Wie ich die Deutschen überlebte“. Roza Bauminger berichtet über ihre Zeit als Zwangsarbeiterin in der Munitionsfabrik, der 14-jährige Berek Freiberg aus dem Vernichtungslager Sobibor. Diese Berichte gehören zum Vermächtnis der 1944 in Polen gegründeten „Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“. Ihre Gründer trafen sich im Sommer in Lublin, kurz nachdem die Rote Armee die Stadt erobert hatte. Gerade aus den nationalsozialistischen Lagern befreit, traten jüdische Historiker an, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren.

Die Kommission wollte die Strafverfolgung unterstützen, indem sie Beweise sicherte und sie begründete die Historiografie des Judenmords. Am 29. August 1944 nahm sie die Arbeit auf, im März 1945 übersiedelte sie nach Lodz und wurde 1947 nach Warschau verlegt.

An der Spitze der jüdischen Historikerkommission stand Filip Friedman. Er war 1901 in Lemberg geboren. 18-jährig ging Friedman nach Wien, wo er Geschichte und Judaistik studierte und 1925 mit der Dissertation „Die galizischen Juden im Kampfe um ihre Gleichberechtigung (1848–1868)“ den Doktortitel erwarb. Nach der Rückkehr in die polnische Heimat entfaltete Friedman, der sich zum Zionismus bekannte, eine rege Lehrtätigkeit in Lodz, Wilna und Warschau. Daneben forschte und publizierte er zur Geschichte der Juden in Polen und hatte bereits einen Namen als Historiker, als er unter deutscher Besatzung in den Untergrund floh. Er überlebte den Holocaust in Lemberg im Versteck. Ehefrau und Tochter wurden Opfer der Nationalsozialisten. Friedman, dem später der Ehrentitel „Vater der jüdischen Holocaustliteratur“ verliehen wurde, verließ Polen im Juli 1946. An der Columbia University New York lehrte er bis zu seinem Tod 1960 als Historiker.

Co-Direktor Michal Borwicz war Häftling und Partisan

Einer der Stellvertreter des Direktors war Michal Maksymilian Borwicz. Er hatte Philosophie an der Jagellonen-Universität in Krakau studiert und außer wissenschaftlichen Studien 1938 auch einen Roman publiziert. Im Holocaust war Borwicz zunächst Häftling im Lager an der Janowska-Straße in Lemberg. Im Herbst 1943 gelang ihm die Flucht nach Krakau. Er befehligte eine Partisaneneinheit und leitete dann bis zu seiner Emigration 1947 die Krakauer Abteilung der Kommission.

Der Schatzmeister Jozef Wulf war das wohl umtriebigste leitende Mitglied. 1912 in Chemnitz in einer polnisch-jüdischen Familie geboren, in Krakau aufgewachsen, hätte er Rabbiner werden sollen, beendete aber weder das Studium der Judaistik (und der Landwirtschaft) in Krakau noch das der Philosophie in Nancy und Paris. Unter deutscher Besatzung ging er in den Untergrund, leistete Widerstand und wurde ins KZ Auschwitz deportiert. Im Sommer 1947 emigrierte Wulf zusammen mit seinem Kollegen Michal Borwicz über Schweden nach Paris, wo sie ein „Centre pour l’Histoire des Juifs Polonais“ gründeten. Seit 1952 lebte Wulf in Berlin. Er kämpfte vergeblich für eine internationale Dokumentationsstätte des Holocaust im Haus der Wannsee-Konferenz. Auf dem Feld, für das er seine innerste Berufung verspürte, der Historiografie des Judenmords, blieb er Autodidakt, der zwar bahnbrechende Arbeiten vorlegte, die aber politisch wenig erwünscht und von den Historikern wegen ihrer methodischen Mängel wenig gewürdigt wurden. Tief enttäuscht setzte er 1974 seinem Leben ein Ende.

Mehr als 7000 Interviews über die jüdische Katastrophe

Die Historikerkommission hatte bald 100 Mitarbeiter und 25 Filialen. Sie dokumentierten die jüdische Katastrophe durch authentische Zeugnisse. Mehr als 7000 Interviews mit Überlebenden des Holocaust wurden geführt. In knapp drei Jahren publizierte die Kommission 39 Bücher und Broschüren in polnischer oder jiddischer Sprache. Im deutschsprachigen Raum sind sie kaum beachtet worden. Die zwölf Texte, die jetzt in einer Edition des Berliner Metropol Verlags und im Verlag Dachauer Hefte erscheinen, sind mehr als eine historische Kostbarkeit. Sie bieten den unverstellten Blick der ersten Stunde auf die Katastrophe des Holocaust.

Zuvor wurden nur zwei Publikationen im deutschen Sprachraum rezipiert: Mordechai Gebirtigs jiddische Lieder und Gedichte „Es brennt“, die vom Pogrom in Przytyk 1936 handeln, erfuhren eine literarische Karriere, die seit der Erstveröffentlichung in Krakau 1946 bis heute anhält. Leon Weliczkers in Lodz 1946 veröffentlichtes Tagebuch über die grausige Arbeit im Sonderkommando 1005 („Enterdungsaktion“) erschien 1958 in der DDR.

Nicht weniger eindringlich sind – neben den Berichten des Fischhändlers oder des 14-Jährigen Sobibor-Insassen – die Beschreibungen des Untergangs der Juden von Lemberg, der Zerstörung des Ghettos Bialystok oder der Tragödien in Wilna und Warschau. Es sind Texte, in denen Zeitzeugen erstmals ihre Erfahrung schilderten, Intellektuelle die Ereignisse reflektierten oder Historiker berichteten.

Charlotte Knobloch: Eine Zeitenschwelle in der Erinnerungskultur

Charlotte Knobloch spricht von einer Zeitenschwelle in der Erinnerungskultur: Der Holocaust entschwindet seiner zeitlichen Genossenschaft, aus Zeitgeschichte wird Geschichte. Die Dokumente bilden die Brücke von der „Erlebnisgeneration“ zur „Erkenntnisgeneration“.

Mit dem Umzug nach Warschau 1947 endete die Geschichte der Kommission nur formal. Das Zydowski Instytut Historyczny (Jüdisches Historisches Institut), in dem die Kommission aufging, arbeitet dort bis heute mit ihren Büchern, Erinnerungstexten und Interviews. Das Instituts- und Museumsgebäude in der Ulica Tlomackie 3/5 hatte vor der nationalsozialistischen Okkupation die Warschauer Jüdische Bibliothek und das Institut für Judaistik beherbergt und wurde dann Sitz des von der deutschen Besatzungsmacht etablierten Judenrats.

Der Autor ist neben Frank Beer und Barbara Distel Mitherausgeber der Edition „Nach dem Untergang: Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944–1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“ (Metropol Verlag u. Verlag Dachauer Hefte, Berlin/Dachau 2014, 656 S., 29,90 Euro). Das Buch wird am Dienstag, 21. Januar, ab 18 Uhr in der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Cora-Berliner-Str. 1, Mitte) vorgestellt.

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