Editionsprojekt : Die Bibliothek des Grafen

Die FU ediert eine wertvolle Sammlung mit Schriften der jüdischen Mystik. Das Interesse an der Materie ist groß.

Elisabeth Binder

Der Stoff wäre perfekt für einen der modernen Sakro-Thriller. Es ist aber glücklicherweise doch ein Fall für die Wissenschaft geworden – für das Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin, das nun an einem besonderen Editionsprojekt arbeitet.

Doch der Reihe nach: Einer der brillantesten Gelehrten der Renaissance, Giovanni Pico della Mirandola, lernt Ende des 15. Jahrhunderts in Padua Elia Delmedigo kennen, einen aus Kreta stammenden Juden, der sein Interesse für jüdische Mystik weckt. Von jener alten Tradition hatte bis dahin kein Christ auch nur eine Seite gelesen. Doch obwohl Pico Blut geleckt hatte, konnte er seinen Wissensdurst bei dem neuen Freund und Rabbi nicht stillen. Der war nämlich ein Anhänger des philosophischen Rationalismus und glaubte im Grunde seines Herzens, dass die Lektüre kabbalistischer Bücher Zeitverschwendung ist.

Doch der Graf von Mirandola hatte doch noch Glück. Er traf Flavius Mithridates, einen in Sizilien geborenen jüdischen Konvertiten, der zum Priester geweiht und an den päpstlichen Hof in Rom berufen wurde. Dieser konnte viele Sprachen, Lateinisch, Griechisch, Arabisch, Hebräisch, und er wiederholte immer wieder, dass die Mysterien des Evangeliums in den Schriften der jüdischen Mystik angedeutet und die Juden mithin ahnungslose Träger des christlichen Wortes seien.

Der gelehrte Graf und der konvertierte Priester lernten sich 1485 kennen, vermutlich in Florenz. Der Priester brauchte Schutz, weil er in ein mysteriöses Verbrechen verwickelt worden war und der Graf hatte Geld genug, um Schutz zu gewähren. Gemeinsam starteten sie eines der ehrgeizigsten Übersetzungsprojekte der europäischen Geschichte. All die Handschriften zur jüdischen Mystik, die Pico für teures Geld auf der gesamten Halbinsel zusammengekauft hatte, sollte Mithridates übersetzen. Pico hatte ehrgeizige Pläne. Er wollte das kabbalistische Material für ein großes Streitgespräch in Rom verwenden, in dem er den Gelehrten des ganzen Landes 900 philosophische Thesen vorstellen wollte. Er hatte nichts weniger geplant, als eine perfekte Harmonie zwischen antiker Philosophie, mittelalterlicher Lehre und christlicher Theologie zu finden. Außerdem war er der Erste, der die Kabbala mit unter die humanistischen Wissenschaften aufnahm.

Seine Thesen wurden 1486 zwar gedruckt, doch aus dem erhofften großen Auftritt wurde nichts. Im Gegenteil, die kirchlichen Autoritäten klagten den Autor der Verbreitung magischer und judaisierender Lehren an. Pico musste nach Frankreich fliehen, wurde sogar für kurze Zeit eingesperrt. Auch Flavius Mithridates wurde festgenommen. Dessen Spur verliert sich 1489 in Viterbo.

Die Bücher aber blieben. Sie wurden beschlagnahmt und beim „Meister des päpstlichen Hauses“ in Verwahrung gegeben. Während sich im Verlauf der Jahrhunderte das kabbalistische Korpus in einen kulturellen Mythos wandelte, blieben sie gut verwahrt in der Biblioteca Vaticana. Nur wenige Gelehrte bekamen die rund 3500 Seiten zu sehen, die in einer fast unleserlichen Handschrift beschrieben sind. Sie enthalten in lateinischer Sprache alle wichtigen Texte der sefardischen Mystik in einer außergewöhnlich kongenialen Übersetzung und stellen insofern ein wertvolles Erbe für die gesamte europäische Kultur dar.

Einer berühmten Genealogie zufolge, reichen diese kabbalistischen Bücher bis auf Esra zurück und gehen nicht nur den Texten des Evangeliums, sondern auch den Schriften Platons voran, so dass vor diesem Hintergrund ein Band entsteht, das die Kabbalisten mit den Mysterien des Moses verbindet, die auf diese Weise die göttliche Offenbarung glaubwürdig bezeugen. Für Pico stellte das Hebräische einen Schlüssel zur Schöpfung dar, und mit seinem ehrgeizigen Projekt hat er eine neue Saison der vormodernen Suche nach Wahrheit eröffnet. Seine Schriften gehören zwar zu den faszinierendsten Dokumenten der italienischen Renaissance, erstaunlicherweise aber auch zu den bislang am wenigsten studierten.

Das wird sich nun ändern. Das Institut für Judaistik der Freien Universität und das Istituto Nazionale di Studi sul Rinascimento in Florenz versieht die Werke aus Picos Bibliothek nun mit einer englischen Übersetzung und bringt sie in Einzelbänden heraus. Das Interesse an der Materie ist groß: Zu den Unterstützern gehören das italienische Kulturministerium und der Turiner Verleger Nino Aragno. Elisabeth Binder

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