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Ehrung aus Stockholm : Zellforscher aus Deutschland bekommt Medizinnobelpreis

Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an James Rothman, Randy Schekman und den in Deutschland geborenen Thomas Südhof. Ausgezeichnet werden die Wissenschaftler für ihre Forschung über Transportprozesse in Zellen.

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James Rothman, Randy Schekman und Thomas Südhof erhalten den Medizinnobelpreis.
James Rothman, Randy Schekman und Thomas Südhof erhalten den Medizinnobelpreis.

Der Deutsche Thomas Südhof zählt zu den diesjährigen Trägern des Medizin-Nobelpreises. Mit seinen beiden US-Kollegen James Rothman und Randy Schekman werde er für grundlegende Erkenntnisse über die Transportsysteme der Zellen ausgezeichnet, teilte das Nobelpreis-Komitee in Stockholm am Montag mit. Die drei Wissenschaftler hätten „das Rätsel gelöst, wie die Zelle ihr Transportsystem organisiert“.

Alle drei Wissenschaftler forschen an US-Universitäten. Sie bekommen den Nobelpreis für „ihre Entdeckungen der Mechanismen, die den Vesikeltransport regulieren, ein wichtiges Transportsystem in unseren Zellen“, heißt es in der Begründung des Nobelpreis-Komitees. Vesikel sind kleine Bläschen, die unter anderem Neurotransmitter, wichtige Botenstoffe im Körper, transportieren. Die Forschungsergebnisse seien von Bedeutung für das Verständnis einer Reihe von Krankheiten, so etwa neurologische Leiden sowie Diabetes, schrieb das Komitee.

Die Preisträger im Überblick:

Thomas Südhof wurde 1955 in Göttingen geboren. Nach dem Abitur strebte er ebenfalls den Beruf seiner Eltern an, die beide Ärzte waren und begann zunächst in Aachen ein Medizinstudium. Nach einem Wechsel zurück nach Göttingen promovierte er 1982 in Medizin sowie in Neurochemie. 1983 ging Südhof an das University of Texas Southwestern Medical Center  in Dallas, wo er am Labor von Joseph Goldstein und Michael Brown als Post-doc forschte. Die beiden Chefs waren bereits damals berühmt für ihre Arbeiten zum Cholesterin-Stoffwechsel und wurden 1985 mit dem Nobelpreis geehrt. Sie überzeugten Südhof, die angestrebte klinische Karriere zugunsten der Grundlagenforschung aufzugeben. Bald wandte sich dieser der Frage zu, wie Synapsen im Detail funktionieren.

„Ich erinnerte mich an die Zeit als Medizinstudent, als ich Patienten kennenlernte, die von Neurodegeneration oder akuter Schizophrenie betroffen waren“, berichtet  Südhof einem Autoren der Stanford-Universität, nachdem der Forscher  mit dem Lasker-Preis ausgezeichnet wurde. Die Erinnerung an diese Patienten sei ein starker Antrieb dafür gewesen, diese Krankheiten zu erforschen. „Wir wissen ziemlich genau, wie man Brücken oder Flugzeuge baut. Doch was mentale oder neuropsychiatrische Störungen betrifft, da stehen wir noch ganz am Anfang“, erinnert er sich an die Gedanken, die ihn damals umtrieben.

Mehr als zwei Jahrzehnte erforschte er in Dallas den Stofftransport in Nervenzellen. Dabei gelangen ihm auch die Entdeckungen, für die er jetzt mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Bereits 2010 erhielt er den Kavli-Preis in Neurowissenschaften und nun im September den Lasker-Preis.

Südhof, der seit fünf Jahren an der Universität Stanford in Kalifornien Professor ist, gilt als sehr bescheiden und zugleich besessen davon, Zusammenhänge tiefgründig zu verstehen. „Er ist der produktivste Wissenschaftler, den ich je gesehen habe“, sagt etwa sein Stanford-Kollege  Robert Malenka. „Seine Beiträge zur  Forschung  sind umwerfend, ohne ihn würden wir zehn Jahre zurück liegen.“ Auf nahezu 500 Studien ist er als Koautor aufgeführt.

Der Erfolg hat seinen Preis.  Zehnstundentage im Institut sind normal. Hinzu kommt Familienzeit: Südhof hat – nach vier erwachsenen  Kindern aus einer früheren Beziehung – zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren gemeinsam mit seiner Frau Lu Chen, einer Stanford-Professorin für Psychiatrie. Das von ihm sehr geschätzte  San Francisco Sinfonieorchester kann er darum nur selten erleben.

Einige Verwirrung löste nun die Frage nach seiner Staatsbürgerschaft aus. Südhof sagte am Montag, er sei sich nicht sicher, ob er neben der amerikanischen auch noch die deutsche habe. Seinen Pass habe er nie verlängert. „Die deutsche Staatsangehörigkeit kann nicht aberkannt werden“, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge am Montag der dpa. Das heiße, wenn er die deutsche Staatsangehörigkeit nicht selbstständig abgelegt habe, sei er weiterhin deutscher Staatsbürger. Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Washington hingegen hält es für fraglich, dass Südhof neben der amerikanischen weiterhin noch die deutsche Staatsbürgerschaft hat. „Wenn er vor 2000 US-Bürger geworden ist, ist es extrem unwahrscheinlich, dass er die deutsche Staatsangehörigkeit behalten konnte.“ Nach 2000 hätte er eine Beibehaltungsurkunde bei den deutschen Behörden beantragen müssen.

Randy Schekman

Der zweite Preisträger, Randy Schekman, wurde 1948 in St Paul (Minnesota) geboren. Er studierte an der Universität von Kalifornien in Los Angeles sowie in Stanford. Auch er kommt aus einem „Nobel-Labor“. Sein Doktorvater Arthur Kronberg hatte den begehrten Preis im Jahr 1959 erhalten. Schekman arbeitet seit 1976 an der Universität von Kalifornien in Berkeley, wo er Professor für Molekularbiologie ist.

Der Wissenschafter will trotz des Nobelpreises weiterarbeiten wie zuvor. „Ich konnte gestern noch gut in meinem Büro arbeiten und ich kann es morgen hoffentlich auch noch“, sagte Schekman der Nachrichtenagentur dpa. „Die Arbeit macht uns allen enorm Spaß und ich möchte keine Sekunde im Labor missen.“ Der Amerikaner sagte, dass er vom Nobelpreis völlig überrascht worden sei. „Ich war gerade aus Deutschland zurückgekommen und hatte meiner Frau stolz die Warburg-Medaille gezeigt, die ich gerade in Frankfurt bekommen hatte“, sagte Schekman.

James Rothman

„Weil ich völlig fertig vom Flug war, bin ich ziemlich früh ins Bett gegangen. Um 1.30 Uhr kam dann der Anruf.“ Er habe die Stimme des Vertreters des Nobelkomitees erkannt. „Es ist ein Kollege, mit dem ich schon zusammengearbeitet habe. Vielleicht hätte ich sonst gedacht, jemand will mich auf den Arm nehmen.“ Er habe erst einmal seine Gedanken ordnen müssen. „Und damit bin ich noch immer nicht ganz fertig.“ Stärker als die Freude sei die Überraschung gewesen: „Mein erster Gedanke war: Mein Gott! Und das war auch mein zweiter Gedanke.“

James Rothman, der dritte Preisträger, wurde 1950 in Haverhill (Massachusetts) geboren. 1976 erwarb er den Doktorgrad in Biochemie an der Harvard Medical School und ging dann zum Massachusetts Institute of Technology. 1978 wechselte Rothman nach Stanford, wo er mit der Erforschung der Zellvesikel begann. Er arbeitete auch an der Princeton University und der Columbia University. Seit 2008 ist er Professor an der Universität Yale, wo er das Department für Zellbiologie leitet.

Die drei Preisträger teilen nicht nur den Medizin-Nobelpreis. Rothman bekam 2010 zusammen mit Südhof den Kavli-Preis für Neurowissenschaften und 2002 zusammen mit Schekman den Lasker-Preis für grundlegende Forschung in der Medizin. Diese Auszeichung wiederum wurde Südhof vor gut zwei Wochen in New York verliehen. (mit dpa/afp)

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