Wissen : Ein Dichter ohne Land

Die Humboldt-Uni ehrt den jüdischen Arzt und Schriftsteller Hans Keilson

Uwe Schlicht
Keilson
Der Schriftsteller Hans Keilson mit Verlegerin Friede Springer die Hand. Der Autor und Psychotherapeut Keilson erhielt den mit...Foto: doa

Der Dichter und Arzt Hans Keilson wurde früh aus dem Land seiner Muttersprache vertrieben. 1933 hatte er mit 24 Jahren seinen Erstlingsroman beim S. Fischer-Verlag veröffentlicht, im Jahr darauf wurde sein Buch über Jugenderlebnisse in der Zwischenkriegszeit von den Nationalsozialisten verboten. Sein Medizinstudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität und der Charité konnte Keilson 1934 wegen des Berufsverbots für Juden nicht abschließen. 1936 emigrierte er in die Niederlande. 1940, nach dem Überfall der deutschen Truppen, ging Keilson in den Widerstand. Am Mittwoch, zwei Tage, bevor er für sein Werk den „Welt“-Literaturpreis erhielt, hat die Humboldt-Universität (HU) als Nachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universität Keilson die Humboldt-Medaille verliehen, ihre höchste Auszeichnung.

HU-Präsident Christoph Markschies zitierte zwei gegensätzliche Aussagen Keilsons über sein Verhältnis zu Deutschland: „Geh’ nicht nach Haus’, dort erwarten dich Trümmer.“ Und: „Eine Fußspur durchzieht noch den Sand der Mark.“ In den Niederlanden hat Keilson sein Medizinstudium wieder aufgenommen. Er wurde Psychoanalytiker und hat unter anderem Berichte über die traumatischen Erlebnisse von Erwachsenen und Kindern in den Niederlanden und in Israel veröffentlicht, die die Zeit der Judenverfolgung überlebt haben.

Die Ehrung Keilsons fällt in das deutsch-israelische Wissenschaftsjahr 2008, das zugleich das Jahr des 60. Jubiläums der Staatsgründung Israels ist – und des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht. Aus diesem Anlass wird in 14 Tagen in Jerusalem ein vom Bund und vom israelischen Staat gefördertes Minerva-Zentrum für Geistes- und Kulturwissenschaften eröffnet. Außerdem soll erstmals ein Förderpreis für den wissenschaftlichen Nachwuchs verliehen werden. Er ist mit 200 000 Euro dotiert und soll zwei deutsch-israelische Forscherteams fördern. Alternierend wird dieser Preis künftig jährlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie den Natur- und Lebenswissenschaften ausgeschrieben.

Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan charakterisierte bei dem Festakt in der HU das israelische Wissenschaftsverständnis als einzigartig. Seit der Staatsgründung genössen Wissenschaft und Forschung Vorrang. Auf diese Weise komme die ganze Intellektualität Israels zum Ausdruck. Die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen „sind ein großes Geschenk für uns und keinesfalls selbstverständlich“, sagte Schavan.

Ähnlich äußerte sich Markschies: Vor 200 Jahren sei die Universitätsgründung Wilhelm von Humboldts in Berlin ein Modell für viele Neugründungen von Universitäten in aller Welt geworden – auch der hebräischen Universität in Jerusalem. Im internationalen Ranking stehe die Uni heute weit vor der HU, sagte Markschies. Albert Einstein, der nach 1933 Deutschland verlassen hat, vermachte kurz vor seinem Tod seinen wissenschaftlichen Nachlass der Uni Jerusalem. Das dortige Einstein-Zentrum präsentierte jetzt seine jüngsten Forschungsergebnisse in Berlin. Auf diese Weise habe es Einstein symbolisch nach Berlin zurückgebracht.

Der Leiter des Einstein-Zentrums, Hanoch Gutfreund, erinnerte daran, dass Einstein sich nach 1945 geweigert hatte, Deutschland zu besuchen und die Mitgliedschaft in einer deutschen Akademie der Wissenschaften anzunehmen. Hätte er länger gelebt, so hätte er wahrscheinlich Deutschland besucht, um dort einem anderen Land zu begegnen als dem von 1933. Uwe Schlicht

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