Wissen : Ein Katastrophen-Institut für Berlin

Die Freie Universität könnte bedrohte Forschungsstelle aus Kiel übernehmen

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Otsuchi, Japan, im Mai. Die Kieler Forschungsstelle befasst sich mit der Rolle von Menschen in Katastrophen. Foto: AFP
Otsuchi, Japan, im Mai. Die Kieler Forschungsstelle befasst sich mit der Rolle von Menschen in Katastrophen. Foto: AFPFoto: AFP

Berlins Wissenschaftslandschaft könnte bald um ein wichtiges Institut reicher sein. Möglicherweise übernimmt die Freie Universität die Katastrophenforschungsstelle (KFS) der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Im hohen Norden steht die Einrichtung auf der Streichliste – und die FU ist interessiert.

Die Entscheidung, das Institut abzuwickeln, traf die Kieler Unileitung bereits 1999 unter dem Spardruck der Landesregierung. Doch bis heute existiert die Forschungsstelle weiter und leistet weithin anerkannte Arbeit. Bundesweit ist die 1987 gegründete und bei den Sozialwissenschaften angesiedelte KFS führend, wenn es darum geht, die Rolle und den Einfluss des Menschen bei Stör- und Unfällen zu beleuchten. Es gibt zwar einige wenige andere Hochschulen, an denen man sich ebenfalls mit Katastrophen beschäftigt, doch das Hauptaugenmerk gilt in der Regel technischen Fragen, wie etwa an der Uni Potsdam. Nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan können sich KFS-Leiter Martin Voss und sein kleiner Mitarbeiterstab derzeit kaum vor Anfragen retten. In der Vergangenheit kümmerte man sich etwa um die Havarie der Pallas 1998 in der Nordsee, um das Unglück bei der Loveparade 2010 in Duisburg oder um die Zukunft Freiwilliger Feuerwehren.

Der heutige CAU-Präsident Gerhard Fouquet, der sich vor zehn Jahren noch als Dekan für die KFS starkgemacht hatte, muss nun das Aus verantworten. Auch wenn das Thema Katastrophen weltweit immer mehr Konjunktur bekommt, will das CAU-Präsidium seinen Abwicklungsbeschluss nicht revidieren, sagt Kanzler Frank Eisoldt. „Jede Forschungseinrichtung der Universität braucht eine fachliche Anbindung an eine Professur.“ Die aber ist seit dem Jahr 2000 nicht mehr vorhanden. Um die KFS zu erhalten, müssten an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät Stellen gestrichen werden, was dort aber Studiengänge gefährden würde.

Die Arbeit der KFS hat zuletzt jährlich Drittmittel von rund 850 000 Euro eingebracht, die laut Eisoldt aber gänzlich für die Projektfinanzierung genutzt werden mussten. Es bleibe eine Deckungslücke für Personal und Infrastruktur. Dabei handele es sich um eine „niedrige sechsstellige Summe“.

Während das Wissenschaftsministerium in Schleswig-Holstein sich darauf zurückzieht, nicht in die Hochschulautonomie eingreifen zu wollen, wird in der Landespolitik über die Rettung der KFS gestritten. Ein Fürsprecher ist der liberale Abgeordnete Jens-Uwe Dankert, der die Oppositionsparteien inzwischen auf seiner Seite weiß. Nicht zuletzt durch Dankerts Engagement ist die geplante Abwicklung der Forschungsstelle von Ende Mai noch einmal um vier Monate verschoben worden. „Der Verzicht auf die KFS wäre ein verheerendes Signal“, sagt Dankert. CAU-Kanzler Eisoldt versichert: „Wenn eine dritte Seite, etwa auch die Landesregierung, die Kosten dauerhaft finanzieren würde, dann würden wir unsere Entscheidung überdenken.“

Doch hinter den Kulissen wird dem Vernehmen nach trotz der starren Haltung des CAU-Präsidiums auch universitätsintern versucht, die KFS zu retten. So liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, eine Umstrukturierung von den Sozialwissenschaften zur Wirtschaftspädagogik vorzunehmen.

Mit Interesse verfolgt man das Kieler Geschehen an den Unis in Berlin, Freiburg und Siegen. Diese Hochschulen haben bereits ihr Interesse an Übernahme der KFS signalisiert, ist zu hören. An der FU wird dies zwar bestätigt, wegen „laufender Abstimmungen“ wollte man sich aber nicht weiter äußern. Nach Informationen des Tagesspiegels liegen aber fertige Pläne in der Schublade, die KFS am Institut für Meteorologie anzusiedeln. Dieter Hanisch

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