Wissen : Ein Monument so hier und da

Intelligente Baustoffe, null Emissionen und ein perfektes Verkehrskonzept sind nicht alles. Eine lebenswerte Stadt braucht Einzigartigkeit

Jan Oliver Löfken

„Stahl, Brot, Frieden“ – unter diesem Leitspruch legte die DDR-Regierung am 18. August 1950 den Grundstein für Eisenhüttenstadt. Am Reißbrett entworfen sollte die urbane Retorte vor allem dem Wohl der Arbeiter und deren Familien dienen. Mit Wohnblöcken in direkter Nachbarschaft der Hochöfen, mit nah gelegenen Läden, Restaurants und Theater galt das einige Jahre später in „Stalinstadt“ umbenannte Projekt den Planern als Ideal städtischen Lebens. „Eisenhüttenstadt ist ein klassisches Beispiel für sozialistische Stadtplanung“, sagt Sebastian Seelig, Stadtplaner an der Technischen Universität Berlin. Heute schrumpft und verfällt das oft als „Schrottgorod“ verballhornte Vorzeigeprojekt.

„In einer attraktiven Stadt ist es wichtig, dass sich die Einwohner mit ihr identifizieren können“, sagt Vittorio Magnago Lampugnani, Experte für Geschichte des Städtebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Durchaus hilfreich sind dabei Monumentalbauten, wie sie St. Petersburg mit seinen absolutistischen Prunkbauten besitzt. Eisenhüttenstadt fehlten dagegen solche repräsentativen Großbauten.

Für diese These finden sich nicht nur aus der Zeit des Absolutismus, sondern auch aus jüngerer Zeit Belege. Sei es Antoni Gaudís Kathedrale „Sagrada Família“ in Barcelona, der Eiffelturm in Paris oder das Opernhaus in Sydney. Zur Zeit ihrer Entstehung war keines dieser Bauwerke wirtschaftlich sinnvoll, sie haben sich aber alle im Laufe der Jahrzehnte zu den bedeutendsten Symbolen und Touristenmagneten ihrer Stadt entwickelt. Ein Wert, der sich heute nicht mehr in Euro oder Dollar bemessen lässt.

Erfolgsgarantien gibt es jedoch auch für eine Stadtplanung, die auf diese Art von Leuchttürmen setzt, nicht. „Stadtplanung ist so komplex wie Hirnchirurgie“, sagt Sebastian Seelig. Und immer neuen Herausforderungen müssen die urbanen Siedlungen gerecht werden. So erfordert der Klimawandel ökologisches Bauen, um den Energiehunger einer Stadt zu senken. Doch die Wende hin zur energieneutralen Stadt, wie sie gerade im Emirat Abu Dhabi mit „Masdar City“ versucht wird, ist nur ein Aspekt der Stadt der Zukunft. Seine Bedeutung bleibt umstritten. Nach Ansicht des britischen Architekten Norman Foster könnte allein das Ziel, in einer Null-Emission-Stadt zu leben, durchaus ausreichen, damit sich die Bewohner mit ihrer Stadt identifizieren. Doch ob Masdar City tatsächlich zum Erfolg wird, bleibt fraglich. „Schon weniger komplexe Projekte sind in der Praxis gescheitert“, sagt Stadtplaner Roberto Sanchez-Rodriguez von der Universität von Kalifornien in Riverside. „Der ökologische Aspekt der Stadt ist nur eine Dimension“, merkt Stadthistoriker Vittorio Lampugnani skeptisch an.

Dass bei der modernen Stadtplanung die Ökonomie noch weit vor der Ökologie steht, zeigen andere Beispiele, von denen einige ebenfalls auf große Symbolbauten verzichten: Mit Hafen, Finanzbezirk, Forschungszentren für Pharmaunternehmen und Petrochemie legt etwa Saudi-Arabien in der Retortenstadt „King Abdullah Economic City“, die seit 2005 an der saudi-arabischen Küste des Roten Meeres entsteht, zwar die Grundlage für eine halbe Million neue Arbeitsplätze. Doch drängt sich mit dieser einseitig wirtschaftlichen Ausrichtung der Vergleich mit Eisenhüttenstadt auf.

Die boomende Wirtschaft ist der Motor für neun „New Towns“ im Ballungsraum Shanghai. Für eine davon, Lingang New City, zeichnet das Hamburger Architektenbüro von Gerkan, Marg und Partner verantwortlich. Seit 2003 entsteht 60 Kilometer von Shanghai entfernt eine Planstadt für bis zu 800 000 Menschen. Geplante Fertigstellung: 2020. Dafür wurde das bis zu drei Meter tiefe Meer zugeschüttet. Die Stadt ist in konzentrischen Ringen angeordnet, in denen Stadtviertel aus dem Boden schießen.

Auch in Lingang steht das Funktionelle mit Wohnungen, Einkaufspassagen, Büros und einem ausgeklügelten Ringbahn-Netz im Mittelpunkt. Dennoch verzichten Meinhard von Gerkan und Kollegen nicht auf einen städtebaulichen Höhepunkt. „In Lingang New City ist der Mittelpunkt der Stadt ein kreisrunder See. Er prägt die Stadt und verleiht ihr Identität“, sagt Bernd Pastuschka, Sprecher des Architekturbüros. In die Mitte dieses Sees mit 2,5 Kilometer Durchmesser sollte auf einer kleinen künstlichen Insel eine 300 Meter hohe Stahlnadel als Vision entstehen, aus deren Spitze Wasser sprüht. Eine Gestaltungssatzung begrenzt die Gebäudehöhen, so dass Selbstdarstellungsbedürfnisse von Investoren das Stadtbild nicht dominieren können. „Damit erhält die geplante Stadt die Chance, ihre Einheit in der Vielfalt zu erlangen“, sagt Pastuschka.

Nicht nur nagelneue Planstädte haben Chancen auf symbolträchtige Bauten. Jede Stadt, so unattraktiv sie heute auch sein mag, kann durch einzelne spektakuläre Gebäude mit herausragender Architektur gewinnen. „Das Guggenheim-Museum von Frank Gehry in Bilbao ist ein solches Gebäude mit stadtprägender Wirkung“, sagt Lampugnani. Seit der Fertigstellung 1997 nahmen die Besucherzahlen der baskischen Stadt rapide zu. Leider bringen die lokalen Entscheider allzu selten so viel Mut auf wie die Stadtpolitiker Bilbaos.

„Im 19.Jahrhundert war man mutiger, es haben auch weniger Leute reingeredet“, sagt Vittorio Lampugnani. Als herausragende Beispiele nennt er den gelungenen Stadtumbau von Paris mit den breiten Boulevards, entworfen von Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann. Oder eben die 1882 in Barcelona von Antoni Gaudí begonnene Kathedrale „Sagrada Família“, die noch immer auf ihre Fertigstellung wartet. Aber Lampugnani gibt die Hoffnung auf eine moderne, fantasievolle Stadtplanung nicht auf. „Man braucht ein radikales Konzept und muss es stringent, möglichst ohne Abstriche durchsetzen. Dabei darf man nicht immer nur das Allerbilligste auswählen.“ Wer weiß, vielleicht finden sich dann auch mutige Planer und willige Geldgeber für ein spektakuläres Bauwerk in Eisenhüttenstadt. Jan Oliver Löfken

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