Wissen : Ein Unternehmen für Pioniere und Abenteurer

Informatiker der TU Berlin helfen der Universität Kabul auf die Beine

Patricia Pätzold

Teufelszeug – das waren für die Taliban-Milizen sämtliche Informationsmedien, die Nachrichten, Bilder und Musik aus der ungläubigen Welt verbreiten. Radio, Fernsehen und Internet wurden kurzerhand verboten. Als einziger erlaubt: der Talibansender „Voice of Sharee“, gleichzeitig der einzige Sender ohne Musik weltweit. Diese Politik war verheerend für ein Land, dessen Analphabetenrate eine der höchsten der Welt ist. Ein Wissenschaftlerteam der TU Berlin baut jetzt an der Universität Kabul ein Rechenzentrum auf, um Afghanistans Gelehrten Zugang zum Wissen des 21. Jahrhunderts zu eröffnen. Es ist ein Unterfangen für Pioniere und Abenteurer.

„Es reicht natürlich nicht, nur Computer ins staubige Afghanistan zu bringen“, sagt der Informatiker Nazir Peroz, Leiter des TU-Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation (ZIIK), der das Unternehmen leitet. „Eine gutmeinende Hilfsorganisation hat kürzlich in Kabul ein Internetcafé eingerichtet: Zehn nagelneue, hochmoderne Computer verstauben auf schicken, stabilen Tischen. Denn es ist niemand da, der sie bedienen, geschweige denn installieren kann. Es gibt noch nicht mal Strom. Ich hätte weinen können, als ich das sah."

Peroz und seine Leute sind nun angetreten, die technischen Voraussetzungen für den Anschluss an die Welt zu schaffen. Selbst gebürtiger Afghane, reagierte Peroz auf einen Hilferuf des Präsidenten der Universität Kabul, Mohammad Akbar Popal. Vor der Machtübernahme der Taliban hatte die Hochschule rund 10 000 Studierende, davon 40 Prozent Frauen. Nach der Wiedereröffnung 1998 fehlten sie freilich vollständig, natürlich auch die Dozentinnen.

Im März dieses Jahres machte sich der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) mit einer Delegation von Hochschulvertretern, zu denen Peroz gehörte, vor Ort ein Bild von der Situation. Der Informatiker Peroz war wegen der andauernden Kriege über 20 Jahre lang nicht mehr in seinem Heimatland gewesen. Es bot sich ein Bild der Verwüstung: Über 70 Prozent der Universitätsgebäude waren zerstört. Während der Kriegswirren hatte das Gelände mehrmals den Besitzer gewechselt und wurde total verwüstet. Fenster und Türen fehlten. Die wenigen Bücher, die Raub und Zensur überstanden haben, sind veraltet. Kupferkabel wurden aus den Wänden gerissen und auf den Basaren verkauft. Die Universität muss um 14 Uhr schließen, damit sich sowohl Professoren als auch Studierende als Schuh- oder Gemüseputzer, als Taxifahrer oder Englischlehrer ihren Lebensunterhalt verdienen können. Denn die Universität kann keine Gehälter zahlen, die zum Leben reichen.

Nachdem er dem DAAD ein Konzept zum Aufbau des Rechenzentrums vorgelegt hatte, war Peroz mit drei Assistenten und zwei Studenten im August wieder für zwei Wochen vor Ort. Sie maßen Räume aus, erstellten Skizzen und Listen des benötigten Materials. Jedes der 55 Kabuler Institute soll zwei Computer und einen Drucker, aus Spenden oder von einem Sponsor finanziert, erhalten. „Doch zunächst brauchen wir Strom“, erläutert Peroz. „Wir planen derzeit, von dem DAAD-Geld einen Diesel-Generator für die Stromversorgung des Campus zu kaufen.“

Die spätere Installation will Peroz Informatikstudenten als Aufgaben der Diplomarbeiten übertragen. Während der Installation muss ohnehin jemand sechs Monate am Stück vor Ort sein. „Unsere Assistenten können in den Semesterferien nach Afghanistan gehen und jeweils zehn Leute ausbilden, erst dann kann man an die technische Ausstattung gehen.“ Interesse gebe es am Institut bei Mitarbeitern und Studenten genug. Christian Pothmann, Informatikstudent im achten Semester, hat die Delegation im August begleitet: „Ich habe gesehen, wie die Kinder auf der Straße Wasser verkaufen, wie Studenten Schuhe putzen, nur um studieren zu können.“ Manche Intellektuelle machten einen gebrochenen Eindruck. „Sie mussten Monate im Gefängnis verbringen, nur weil ihr Bart zu kurz war.“ Doch grundsätzlich scheinen die Afghanen lebensfroh zu sein und wissbegierig, berichtet er. „Doch sie haben keine Chance an das Wissen der Neuzeit heranzukommen, weil die technischen Voraussetzungen fehlen.“

Mohammad Akbar Popal, der erst dieses Jahr zurückgekehrte Präsident, sorgt dafür, dass ein Gästehaus für die Helfer in der Nähe gebaut wird. Der afghanische Bildungsminister, Sharif Faez, knüpft auf jedem Kontinent ein Netzwerk von Helfern für den Wiederaufbau. Europäischer Koordinator ist Peroz. Dessen Wissen um den Aufbau von wissenschaftlichen Strukturen in Entwicklungsländern kommt nicht von ungefähr. Das Zentrum für internationale Kommunikation führt schon seit Jahren Aufbauprojekte in Entwicklungsländern durch.

Außer den Informatikern hatten mehrere hohe Verwaltungsangestellte der TU im August an einer Tagung zum Wiederaufbau der Universitäten in Afghanistan teilgenommen. 16 afghanische Dozenten kamen im September zur Ausbildung vier Wochen nach Berlin. Auch ein Projekt des TU-Instituts für Telekommunikationssysteme wird dem Land helfen: Im Rahmen eines Semesterprojekts haben Studierende das Konzept eines Übersetzungsportals erarbeitet, das Sprachbarrieren im Internet überwindet. Immerhin sind fast 70 Prozent der Seiten im weltweiten elektronischen Netz auf Englisch, 30 Prozent teilen sich Japaner, Koreaner und Europäer. Die übrigen fast 5000 Sprachen der Welt kommen so gut wie nicht vor, Paschtunisch oder Persisch erst recht nicht.

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