Wissen : „Eine erfreuliche Dynamik“

Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, zur Kritik am Elitewettbewerb der Universitäten

Herr Strohschneider, der ehemalige DFG-Präsident Winnacker hat vor der ersten Entscheidung im Elitewettbewerb gesagt, Deutschland könne sich nur zwei oder drei Eliteunis leisten. Muss also jetzt im zweiten Durchgang die Zahl der Siegerinnen möglichst klein gehalten werden?

Es gibt keine festgelegte Zielzahl. Entscheidend ist wie im letzten Jahr die Qualität. Alles andere ist Kaffeesatzleserei.

An den Universitäten wächst die Sorge, durch den Elitewettbewerb könnte die Mehrheit der Hochschulen bald zu einem „schäbigen Rest“ verkommen. Können Sie das nachvollziehen?

Die Exzellenzinitiative hat in der Forschung eine erfreuliche Dynamik in Gang gesetzt. Sie macht Leistungsunterschiede sichtbar, an bestimmten Stellen werden diese auch verschärft. Das ist politisch so gewollt. Genauso wichtig ist es aber, die Leistungsfähigkeit auch der anderen Hochschulen zu stärken. Und Qualitätsprobleme in der Lehre können mit der Exzellenzinitiative nicht gelöst werden.

Würde es helfen, wenn bei einer möglichen Neuauflage des Elitewettbewerbs die Lehre mit eingeschlossen wäre?

Darüber kann man diskutieren, muss aber dabei bedenken, dass Leistung in der Lehre schwieriger zu bewerten ist als in der Forschung. Allerdings könnte man Konzepte für gute Lehre zum Kriterium bei einer nächsten Ausschreibung der Exzellenzinitiative machen.

Sollten die Länder den Eliteunis erlauben, höhere Studiengebühren zu nehmen und die Zulassungszahlen zu senken, um bessere Betreuungsverhältnisse zu schaffen?

Bessere Betreuung ist an allen Universitäten nötig, besonders für den Erfolg der Studienreform. Und wenn eine Universität schon Studienbeiträge erhebt, dann sollte sie damit die Betreuungsrelationen verbessern können.

In ihren Eliteanträgen planen die Universitäten, bestimmte Professoren von der Lehre über Jahre hinweg fast völlig freizustellen. Müssen nicht aber gerade die interessantesten Wissenschaftler schon Studienanfänger begeistern?

Unbedingt sollten bereits Studienanfänger die Möglichkeit haben, die herausragenden Vertreter ihres Studienfaches kennenzulernen. Eine andere Frage ist aber, ob mit Mitteln der Exzellenzinitiative neu geschaffene Professuren sofort kapazitätswirksam werden, ob die Universitäten also aufgrund der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts gezwungen werden, entsprechend viele neue Studienplätze zu schaffen. Dann ginge der Effekt der Qualitätsverbesserung gleich wieder verloren.

Innerhalb der Universitäten kann ein Erfolg im Elitewettbewerb zu einem Staubsaugereffekt führen. Wenn die Fördermittel nach fünf Jahren auslaufen, müssen die Unis die teuren Professuren aus dem Wettbewerb weiterfinanzieren. In einem Worst-Case-Szenario rechnet die Humboldt-Universität damit, dass dann 40 Professuren in anderen Bereichen gestrichen werden müssen. Halten Sie solche Effekte für problematisch?

Grundsätzlich sind Prioritätensetzungen wünschenswert, wenn Universitäten autonomer werden und strategisch planen. Aber eine Universität muss auch die langfristigen Effekte der Exzellenzinitiative bei ihren Planungen bedenken.

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, Mitglied im Kuratorium der Humboldt-Universität, hat gesagt, beim Elitewettbewerb müsse auch an das Zusammenwachsen von Ost und West gedacht werden. Müssen also auch regionalpolitische Argumente berücksichtigt werden?

Nein, sie sind sogar durch die Bund-Länder-Vereinbarung ausgeschlossen. Es darf nur nach den Kriterien wissenschaftlicher Exzellenz gefördert werden. Aber es bleibt eine wichtige Aufgabe, bei der Weiterentwicklung des ostdeutschen Wissenschaftssystems voranzukommen. Die Exzellenzinitiative ist ein Instrument für ein bestimmtes Problem, sie löst nicht alle Probleme.

In der ersten Runde des Wettbewerbs wurde aus internen Unterlagen des Wissenschaftsrats bekannt, hinsichtlich der Freien Universität (FU) bestünden „besondere Risiken in der Unsicherheit langfristiger finanzieller Unterstützung durch das Land“. Haben Universitäten in armen Ländern schlechtere Chancen?

Nein. Das Land Berlin hat sich in diesem Jahr eindeutig hinter die Anträge seiner Universitäten gestellt und eine nachhaltige Unterstützung zugesichert.

Auch in der ersten Runde hat das Land zugesagt, seinen Anteil gemäß der Bund-Länder-Vereinbarung gegenzufinanzieren. Warum war damals trotzdem in den Gutachten über die FU mehrfach von „finanziellen Risiken“ die Rede?

Wichtig ist nur, dass in diesem Jahr keine solchen Risiken festgestellt wurden.

Berlin hat unlängst einen Masterplan für die Wissenschaft mit zusätzlichem Geld angekündigt. Kann das die Chancen der Unis im Elitewettbewerb verbessern?

Das Verfahren ist völlig neutral gegenüber solchen Absichtsbekundungen.

Berlins Wissenschaftssenator Zöllner plant auch eine Superuni, in der die besten Bereiche der Berliner Forschung zusammengeführt werden sollen. Könnte das den Erfolg im Elitewettbewerb gefährden? In der DFG sorgt man sich, die Universitäten könnten dadurch ausbluten.

In der Vereinbarung von Bund und Ländern zur Exzellenzinitiative steht eindeutig, dass in der dritten Förderlinie, also bei den Zukunftskonzepten, die Universitäten als Institution gefördert werden. Darum hat der Senator uns in einem Brief zugesichert, dass die exzellenten Wissenschaftler und Arbeitsgruppen in ihren Einrichtungen bleiben und zu deren Profilbildung beitragen werden.

In der ersten Runde im Oktober wurden Hochschulen zu Eliteunis erklärt, die anders als später von DFG-Chef Winnacker behauptet, mit einer wackligen Graduiertenschule oder einem wackligen Cluster in die Zielgerade eingebogen waren. Wäre es nicht sinnvoll, bei einer Wiederauflage des Wettbewerbs darauf zu verzichten, Erfolge bei Graduiertenschulen und Clustern zur Voraussetzung für einen Erfolg bei der dritten Säule zu machen – schon um den Anschein von Nachhilfe zu verhindern?

Sie scheinen über die erste Auswahlrunde mehr zu wissen als Personen, die selbst dabei waren.

Dem Tagesspiegel liegen die vertraulichen Tagungsunterlagen vor. Auch haben mehrere Wissenschaftler, die in der Kommission waren, das Verfahren kritisiert. Politiker haben sich beschwert, die Unipräsidenten in der Hochschulrektorenkonferenz mehr Transparenz gefordert.

Grundsätzlich macht eine Koppelung der Förderlinien als Nachweis exzellenter Forschung durchaus Sinn. Dennoch könnte man bei einer Neuauflage des Wettbewerbs darüber nachdenken, die Koppelung der Förderlinien zeitlich oder inhaltlich anders zu gestalten. Allerdings sollte man dafür die Erfahrungen mit den ersten beiden Förderrunden abwarten.

Der ehemalige DFG-Chef Winnacker und der Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Wedig von Heyden, haben gesagt, sie hielten Aachen, Freiburg, Heidelberg und die Humboldt-Universität für besonders starke Kandidatinnen. Welchen Unis räumen Sie besonders große Chancen ein?

Zum ersten Punkt: Sie wissen ja, dass Herr von Heyden nur einige Universitäten als Beispiele für die besonders starke Konkurrenz in der zweiten Runde genannt hat. Zu Ihrer Frage: allen acht.

Das Gespräch führten Anja Kühne und Tilmann Warnecke.

Peter Strohschneider, 52, ist Germanist in München. Seit 2006 ist er Vorsitzender des Wissenschaftsrats, der den Elitewettbewerb der Universitäten organisiert.

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