Eine Geschichte der Kindheit : Die Schutzbefohlenen

Gab es im Mittelalter keine Kindheit, kam das Kümmern erst mit der Moderne? Fest steht, dass Kinder bis heute fremdbestimmt sind. Eine kleine Geschichte der Kindheit.

Martina Winkler
Lichter in der Dunkelheit. Sind junge Menschen gezwungen, im Lager zu leben oder vor dem Krieg zu fliehen, geht viel von der Kindheit verloren.
Lichter in der Dunkelheit. Sind junge Menschen gezwungen, im Lager zu leben oder vor dem Krieg zu fliehen, geht viel von der...Foto: Emily Wabitsch/picture alliance-dpa

Große Kulleraugen, traumhafte Saltkrokan-Ferien oder skrupellose Ausbeutung – wer sich wissenschaftlich mit Kindheit beschäftigt, trifft auf zahlreiche Klischees. Nicht wenige davon haben wir lieb gewonnen, und sie bestimmen unser Welt- und Wertebild entscheidend mit. Und in den letzten Jahren scheint die Fixierung auf die Kindheit in der westlichen Welt weiter zugenommen zu haben, man denke nur an Debatten und Aufreger wie „Helikoptereltern“, „Tiger Moms“ oder die Noten in der Grundschule.

Kinder gab es in der Geschichte immer und überall, und bestimmte Aspekte sind und bleiben universal: Kinder werden hilflos geboren, wachsen, spielen und lernen. Dennoch ist Kindheit historisch und kulturell wandelbar. Was unter Kindheit verstanden wird und wie sie (meist von Erwachsenen) gestaltet wird, verändert sich immer wieder.

Auch die Definition dessen, wer Kind ist und wer nicht, erscheint nur auf den ersten Blick einfach. Zwar wird gern die in der UN-Kinderrechtskonvention formulierte Definition zitiert, ein Kind sei, wer das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet habe. Dennoch gibt es national und international zahlreiche zusätzliche Definitionen und Unterkategorien; so in Deutschland die strafrechtliche Zuordnung eines 14- bis 18-Jährigen als „Jugendlicher“, zugleich aber die familienrechtliche Kategorisierung aller Menschen unter 18 Jahren als „Kind“ sowie eine ausländerrechtlich relevante Festlegung der Grenze von 16 Jahren.

Geflüchtete Kinder - die Bürokratie tut sich immer wieder schwer

Den Sinn einer Knüpfung von Rechten, Ansprüchen und Beschränkungen an ein fixes Datum (den Geburtstag) kann man durchaus grundsätzlich anzweifeln. Besonders deutlich wird dieses Problem in Kriegs- und Nachkriegssituationen, wie beispielsweise angesichts der Lage von Kindern als displaced persons nach 1945.

Die Bürokratie von Flüchtlingshilfswerken und staatlicher Bevölkerungspolitik scheiterte in dieser Situation häufig nicht nur an der Frage, welcher Nationalität ein Kind zuzuordnen sei, sondern auch daran, ob ein Mensch überhaupt als „Kind“ zu kategorisieren und entsprechend zu behandeln sei. Nur zu häufig waren Dokumente verloren und das Geburtsdatum vergessen. Während oft jahrelange Mangelernährung die körperliche Entwicklung verlangsamt hatte, war vor allem die Psyche vieler Kinder, die Lager und Vertreibung erlebt hatten, „zu weit entwickelt“ – und entsprach nicht mehr der Norm. Diese Situation wiederholt sich ähnlich aktuell bei der oft bürokratisch schwierigen Zuordnung von Flüchtlingen aus Bürgerkriegsländern.

Dass Kindheit ein dringend zu historisierendes Konzept ist, hat bereits der Alltagshistoriker Philippe Ariès im Jahr 1960 festgestellt. „Ein Verständnis von Kindheit“, so Ariès, sei erst seit dem späten Mittelalter langsam zu beobachten. Wirklich erkennen wollte Ariès das, was er als Kindheit verstand – eine symbolische Kennzeichnung von Kindern durch besondere Kleidung, das Fernhalten vom Bereich des Sexuellen, eine öffentlich darstellbare besondere Emotionalität gegenüber den eigenen Nachkommen – erst ab dem 17. oder gar 18. Jahrhundert.

Kindheit als historisches Phänomen

Die These, es habe im Mittelalter keine Kindheit gegeben, ist von der mediävistischen Forschung ausführlich und überzeugend widerlegt worden. Was von Ariès’ Argumentation dennoch bleibt, ist die Grundaussage, dass Kindheit sich verändert und als historisches Phänomen betrachtet werden muss. Eine andere, in populären Darstellungen sehr beliebte, in der Wissenschaft aber scharf kritisierte These ist die von Lloyd de Mause. Dieser hatte behauptet, Kindheit sei bis in die Moderne hinein vor allem ein Albtraum von Gewalt gewesen, und Schutz und Liebe eine moderne Erfindung. Obwohl „Liebe“ historisch schwer zu messen ist, gibt es doch genügend Quellen, aus denen wir erkennen können, dass Eltern sich zu allen Zeiten um ihre Kinder sorgten und um sie trauerten – umgekehrt sind Gewalt und Vernachlässigung in der Moderne keinesfalls abgeschafft. Die Vorstellung von einer sich stetig verbessernden Kindheit gehört zu den vielen Mythen der Kindheitsgeschichte und ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Dennoch beginnt mit den religiösen Konflikten des 16. und 17. Jahrhunderts etwas Neues: Die moderne Geschichte der Kindheit. Insbesondere die protestantischen Bewegungen der Reformationszeit brachten eine starke Betonung der Form- beziehungsweise Erziehbarkeit des Kindes mit sich, die Aufklärung dann betonte Disziplinierung und Bildungsbedarf. Diese Prägungen blieben im 19. Jahrhundert und bis in die Gegenwart erhalten. Sie wurden aber um ein weiteres, typisch romantisches Moment ergänzt: „Das Kind“ galt nun – anders als das mit der Erbsünde belastete Kind der Frühneuzeit – als rein, naturnah und unschuldig und damit nicht mehr nur als tabula rasa für aufklärerische, erwachsene Bildungsambitionen, sondern als wissend und weise in seiner eigenen Art.

Die Vorstellungen einer "glücklichen Kindheit"

Für das 19. Jahrhundert haben viele Studien den Wegen nachgespürt, auf denen solche Ideen vom unschuldig-reinen Kind die Ebene des Elitendiskurses verließen und zu einem in der westlichen Welt allgemein akzeptierten „Wissen“ wurden. Diese Wege verliefen weitgehend parallel zur Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Vorstellung von einer „glücklichen“ Kindheit gehörte zum Selbstdarstellungsprojekt des aufstrebenden Bürgertums. Anders als der seine Kinder in ihrer Entwicklung beschränkende Adel, anders auch als das bildungsferne Proletariat mit seinen „Schmuddelkindern“, schien nur der Bürger mit seinem Verständnis von Bildung, Arbeit und Moral eine für seine eigenen Kinder und die Kinder einer ganzen Nation richtige Erziehung gewährleisten zu können.

Die normierte moderne Kindheit ist somit zu einem großen Teil eine bürgerliche Kindheit. Dieser Umstand bildet die Grundlage für verschiedene Prozesse und Dynamiken, welche die Kindheit in zunehmendem Maße definierten: Sakralisierung und Emotionalisierung, zunehmende Einbeziehung in moderne Konzepte wie den Wohlfahrtsstaat, zugleich eine starke Privatisierung, außerdem Nationalisierung und schließlich Pathologisierung.

Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert fühlte sich die Öffentlichkeit immer mehr zuständig für die junge Generation. Staatsbürokratie und Vereine – beide vor allem bürgerlich bestimmt – wandten sich dabei vor allem „Problemkindern“ zu, wie etwa Arbeiterkindern und Kindern unverheirateter Mütter. Fürsorge für Kinder war somit auch eine Strategie zur Sozialdisziplinierung. Aber auch das Leben der Bürgerkinder wurde zunehmend institutionalisiert. Ob Kindergarten oder Kinderzimmer: Die Zuordnung von bestimmten Räumen, Tätigkeiten und Zeitregimen wurde zu einem zentralen Element der Konstruktion von Kindheit.

Die Kindheit wird verwissenschaftlicht

Die Kindheit wurde verwissenschaftlicht: Bis zum 20. Jahrhundert hatten sich auf Kinder konzentrierte Wissenschaftsdisziplinen ausgebildet, insbesondere die Pädagogik und die Kinderheilkunde. Anders als Fachärzte anderer Richtungen spezialisierten sich Kinderärzte (und zunehmend auch -ärztinnen) nicht auf eine Art von Krankheit, sondern auf einen spezifischen, essentialisierten Patienten: das Kind. Nicht unähnlich der Frau erlebte also auch das Kind eine fundamentale Form der Pathologisierung und wurde von Anfang an engmaschig überwacht und an Standards gemessen. Gesundheitlich, aber ebenso seelisch und moralisch erschien „das Kind“ als grundlegend gefährdet. Der Historiker und Erziehungswissenschaftler Jeroen Dekker beschreibt das gesamte 20. Jahrhundert als eine Geschichte der Ausweitung dieses Konzepts von „Children at risk“. Aus der Neubewertung der Kindheit als besonders schützenswerter Lebensabschnitt entwickelte sich die Frage, wer kompetent und berechtigt war, über Kinder und Kindheiten zu entscheiden.

Zu den entscheidenden Akteuren zählten dabei die Familie und der Staat, hinzu kamen Vereine, staatliche Institutionen, „die Nation“, Pädagogen und Ärzte. Wie komplex sich solche Konflikte zuweilen gestalteten, zeigt das Beispiel der irischen Anti-Impfbewegung. Diese baute auf den Zweifeln vieler Eltern am medizinischen Sinn der Pockenimpfung auf und kombinierte damit über Jahrzehnte hinweg nationale, antistaatliche, antibritische, sozialistische, religiöse und liberale Themen. Die Frage nach der Impfung wurde zur Chiffre für nationale Ambitionen und gegen – als koloniale Übergriffe verstandene – staatliche Politik.

Die Geschichte der Konstruktion von Kindheit ist zu einem großen Teil die Konstruktion kindlicher Passivität. Kinder sind zu einem beträchtlichen Teil dadurch definiert, was sie nicht tun dürfen oder wo sie sich nicht aufhalten sollen. Ob Wirtshäuser, Fabriken, neuerdings für Erwachsene reservierte Ferienresorts oder die sprichwörtliche Straße, von der Kinder ferngehalten werden sollen – falsche Orte für Kinder gibt es viele und möglicherweise immer mehr. Das so zentrale Konzept der „Unschuld“ ist unmittelbar mit der Forderung nach „Schutz“ verbunden: Schutz des besonderen, unschuldigen Kindes vor der normalen, für Kinder aber gefährlichen Welt der Erwachsenen.

Ein Bild von Passivität

Im Bewusstsein dieser Problematik wurde die UN-Kinderrechtskonvention erweiternd ausgestaltet zur Alliteration von protection, provision, participation. Trotz einiger Kritik kann sie so als Meilenstein für eine stärkere Teilhabe von Kindern gesehen werden. Besonders deutlich umgesetzt wurde dies im britischen Recht. Dieses betont seit 1989, Entscheidungen beispielsweise vor Sozialgerichten dürften nicht mehr nur ein abstraktes „Kindeswohl“ berücksichtigen, sondern das Gericht müsste auch den konkreten Willen des betroffenen Kindes anhören. Verschiedene weitere Begriffe, darunter citizenship und agency, adressieren ein fundamentales Problem der modernen Kindheit: Welche Handlungsrahmen haben Kinder in der Gesellschaft?

Die Forderungen nach „Kinderrechten“ oder „Kindeswohl“ setzen meist ein Kindheitsbild der Passivität voraus und machen so paradoxerweise einen Akteursstatus der Kinder selbst zumindest problematisch. Aktuell wird dies deutlich in den globalen Debatten über Kinderarbeit: Wie berechtigt ist die westliche vollständige Ablehnung von Kinderarbeit? Würde man hier die Scheuklappen des traditionellen Kindheitskonzepts ablegen, könnte das fundamental neue Perspektiven für Geschichte und Gegenwart eröffnen. In der Kindheitsgeschichte und Kindheitssoziologie werden entsprechende Wege bereits deutlich.

Martina Winkler ist Professorin für die Kulturgeschichte Ostmitteleuropas an der Universität Bremen. Der Artikel basiert auf einem Beitrag für die Internetenzyklopädie Docupedia. Im Juli erscheint von Winkler das Buch „Kindheitsgeschichte. Eine Einführung“ (Vandenhoeck).

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