Eingespart : Wie die Unis überflüssig werden

Die Fachhochschulen sehen sich selbst als einzige Überlebende der nächsten großen Sparrunde.

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„Mit dem Rücken zur Wand“. Unis sind Auslaufmodelle, meinen Experten. Foto: dpa
„Mit dem Rücken zur Wand“. Unis sind Auslaufmodelle, meinen Experten. Foto: dpaFoto: dpa

Noch reden alle darüber, wie der Studentenberg zu bewältigen ist. Die Bildungspolitiker und Hochschulen bereiten sich auf über 400 000 Studienanfänger pro Jahr vor. Doch nach 2018 wird alles anders: Dann ist der Ansturm der doppelten Abiturientenjahrgänge bewältigt und die vom Geburtenrückgang betroffenen Jahrgänge kommen in das Studentenalter. Statt 800 000 Geburten pro Jahr sind es dann nur noch 600 000, und die Zahl der Studienanfänger dürfte auf 300 000 zurückgehen. Der Geburtenrückgang wird die Hochschullandschaft bald radikal verändern.

Was passiert, wenn den Hochschulen die Massen fehlen und die Finanzminister begehrlich auf frei werdende Gelder blicken? Eine neue Sparwelle wird auf die Hochschulen zukommen, auf Hochschulen, die schon heute in Konkurrenz zueinander stehen. Vor allem könnte das Verhältnis zwischen den beiden Hochschultypen, den Universitäten auf der einen Seite, den Fachhochschulen auf der anderen Seite, in Bewegung geraten.

Bislang bekommen die Fachhochschulen nicht das von ihnen so begehrte Promotionsrecht, weil die Universitäten ihren Status nach wie vor über die Promotion und die Habilitation definieren. Allerdings blicken die Universitäten ängstlich auf die Fachhochschulen, die es in den neuen Bachelorstudiengängen besser verstehen, ihre Studenten auf die Berufspraxis vorzubereiten als die Universitäten. Mögliche Entwicklungen des Verhältnisses von Fachhochschulen und Universitäten standen im Mittelpunkt einer Tagung in Berlin-Karlshorst. Sowohl die Redner als auch die Zuhörer kamen von Fachhochschulen aus ganz Deutschland.

Martin Leitner vom Hochschul-Informations-System (HIS) erwartet, dass Universitäten und Fachhochschulen sich zunehmend einander anähneln. Er prophezeit eine Zukunft mit „amorphen Hochschulen“: Innerhalb der einzelnen Universitäten und Fachhochschulen kommt es zu einer Differenzierung, die sich bereits heute abzeichnet. So bildet sich an Fachhochschulen in manchen Bereichen eine starke Forschung heraus, die den Vergleich mit Universitäten nicht scheuen muss. An den Universitäten hat aber schon heute nicht immer jedes Fach die „kritische Masse“ für gute Forschung.

Genau so sieht es Joachim Metzner, Präsident der Fachhochschule Köln, einer der größten FHs in Deutschland. Wenn die Fachhochschulen nicht aus dem Auge verlieren, dass ihre Forschung wichtig für die Umsetzung in der Berufspraxis ist, können sie dabei nur gewinnen. Mit ihrer genauen Ausrichtung auf die Innovationsbedürfnisse der Industrie seien die starken Fachbereiche an den Fachhochschulen dann nämlich durchaus eine Konkurrenz zu den Universitäten, erst recht, weil sich diese eher in der Grundlagenforschung profilieren. Neben den forschungsstarken Fachbereichen an Fachhochschulen steht auch in Zukunft die reine Berufsvorbereitung. An der Fachhochschule Köln gibt es auch eine große Fakultät mit dem Charakter einer Berufsakademie, die dem Konzept einer dualen Ausbildung (im Betrieb und an der Fachhochschule) folgt.

„Das System Fachhochschulen und Universitäten geht in Deutschland zu Ende“, glaubt auch der ehemalige Rektor der Fachhochschule Wiesbaden, Clemens Klockner, einer der einflussreichsten Vertreter der Fachhochschulen. Steuert die Entwicklung damit erneut auf das Modell Gesamthochschule zu, das in den 1970er Jahren entwickelt wurde? „Nein“, sagt Klockner, „weil der Begriff Gesamthochschule im Wissenschaftsrat verpönt ist.“ Er plädiert darum für ein „Zwischensystem“, aus dem sich die neue Hochschule entwickeln könne. Forschungsnahen Studiengängen an den Fachhochschulen sollte das Promotionsrecht auf eine begrenzte Zeit – zum Beispiel fünf Jahre – eingeräumt werden. Klockner, der an den jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu den Fachhochschulen mitgearbeitet hat, kritisierte das Gremium, weil es auch diesmal keine neuen Lösungen vorgeschlagen, sondern das Promotionsrecht allein als Sache der Universitäten definiert habe.

Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, bescheinigte den deutschen Fachhochschulen zwar, dass sie international zu einem Markenzeichen geworden seien. Aber zu dem Streitpunkt Promotionsrecht steuerte sie keine neuen Gedanken bei. Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner will die weitere Entwicklung erst noch drei Jahre beobachten, bevor er das Promotionsrecht für Fachhochschulabsolventen durchsetzen will.

Viel nüchterner beurteilt Frank Becker von der Siemens AG die Situation. Er wünschte sich von den Fachhochschulen auch ohne eigenes Promotionsrecht mehr Selbstbewusstsein. In der Industrie sei das Promotionsrecht kein Thema. Für Siemens seien die Absolventen der Universitäten und der FHs gleich wichtig. 53 Prozent der Akademiker kämen von den Fachhochschulen, 90 Prozent hätten bei Siemens keinen Doktortitel.

Joachim Metzner erklärte, ab 2020 würden die Universitäten bei zurückgehenden Studienanfängerzahlen „mit dem Rücken zur Wand stehen und wegen des Praxisbezugs um die Fachhochschulen werben“. Sollten die Fachhochschulen dann zu Universitäten werden, machen letztere sich „überflüssig“. Vorerst plädiert Metzner aber für gemeinsame Plattformen von forschungsstarken Fachbereichen an Fachhochschulen mit ebenso starken Universitätsbereichen, um in Lehre und Forschung ein Vertrauensverhältnis zu fördern. Auf der Basis übereinstimmender fachlicher Interessen könnten dann gemeinsame Promotionen gefördert werden.

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