Eliteuniversitäten : Die Wirtschaft soll zahlen

Annette Schavan will mit neuem Elitewettbewerb marktnahe Forschung fördern. Zur Finanzierung der Projekte muss die Wirtschaft ihren Teil beitragen.

Tilmann Warnecke/Amory Burchard
Schavan
"Die Wettbewerbe ergänzen sich sehr gut": Bildungsministerin Annette Schavan -Foto: dpa

Derzeit warten Wissenschaftler in ganz Deutschland gespannt auf die Entscheidung im Elitewettbewerb der Universitäten, die Mitte Oktober fällt. Falls die Forscher hofften, danach einmal tief durchatmen zu können, haben sie sich womöglich getäuscht. Bereits am 3. Dezember sollen sie die Antragsskizzen für einen neuen Großwettbewerb einreichen – den „Spitzencluster-Wettbewerb“ des Bundesforschungsministeriums. Mit der Initiative will Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) wie berichtet Großprojekte von Wissenschaft und Wirtschaft fördern, in denen Forschungsergebnisse schneller als bisher in marktreife Produkte umgesetzt werden.

Eine Jury wird aus den Anträgen bis zu 15 Cluster – übergreifende Projekte, in denen Forscher und Unternehmen kooperieren – auswählen. Die Sieger erhalten über fünf Jahre bis zu 40 Millionen Euro. Insgesamt ist der Wettbewerb mit 600 Millionen Euro dotiert. Die Bundesgelder kommen aus der Hightech-Initiative.

Die neue Ausschreibung gleicht dem aktuellen Elitewettbewerb. Die „Spitzencluster“ sollten „auf bestehenden Clustern aufbauen und sich durch eine hohe Innovationsdynamik auszeichnen“, sagte Schavan gestern. Auch die „Exzellenzcluster“ im Elitewettbewerb sollen Unis, außeruniversitäre Institute und Unternehmen vereinen – und wie in der neuen Initiative aus einer Region kommen. Die Fördersummen liegen ähnlich hoch – im Elitewettbewerb werden Cluster mit 32,5 Millionen Euro für fünf Jahre gefördert –, zudem ist das Vergabeverfahren praktisch identisch (siehe Kasten).

Könnte es also sein, dass die neue Initiative eine Nachbesserung der Exzellenzinitiative ist, weil sich die Wirtschaft entgegen den Vorgaben von Bund und Ländern bisher weitgehend zurückgehalten hat? Die Wettbewerbe seien „zeitlich parallel geplant“ worden, hieß es gestern. Sie würden sich „sehr gut ergänzen“, sagte Schavan. Während der Elitewettbewerb das „Wissenschaftssystem“ fördere, ginge es jetzt um die Verbesserung des „Technologietransfers“. Wichtig für die Jury sei, ob durch die Cluster „Wachstum und Arbeitsplätze geschaffen werden“. „Wer die größte Marktnähe hat, wird die größten Chancen haben“, sagte Arend Oetker, der Präsident des Stifterverbands, der den Wettbewerb mitentwickelt hat. Die finanzielle Beteiligung der Unternehmen sei „essenziell“: Sie müssten mindestens 50 Prozent der Kosten für ein Projekt tragen.

Anträge stellen können neben Unis auch Firmen und außeruniversitäre Institute. Als Erfolg versprechende Themengebiete nannte Schavan Gesundheits- und Mobilitätsforschung sowie die Materialwissenschaften – Bereiche, die auch Berlin als Zukunftsfelder identifiziert hat. Es sei vorstellbar, dass sich im Elitewettbewerb erfolgreiche Cluster erneut bewerben. SPD-Forschungsexperte Jörg Tauss entgegnete, eine „Doppelförderung der gleichen Cluster aus öffentlichen Töpfen“ müsse ausgeschlossen werden.

Für Berlin, „das seine industrielle Basis noch nicht wiedergefunden hat“, sieht Akademiepräsident Günter Stock, der am Konzept der Spitzencluster beteiligt war, große Chancen. Mit diesem „Wettbewerb für wissensbasierte neue Industrie“ etwa in der Biotechnologie könne die Region die vorhandenen Kräfte von der Forschung bis zur Industrie stärker auf ein Ziel konzentrieren. Der Senat wolle alle Berliner Beteiligten an einen Tisch holen, um erfolgreiche Bewerbungen zu unterstützen, sagte ein Sprecher.

Kurt Kutzler, Präsident der Technischen Uni, ist dagegen skeptisch, ob es gelingen wird, die Wirtschaft für Beteiligungen von bis zu 40 Millionen Euro an den Vorhaben zu gewinnen. Er hoffe aber, dass die TU ein Unternehmen wie die Telekom für einen Antrag mit TU und Charité in der Telemedizin begeistern könne. Forscher könnten das „digitale Krankenhaus“ oder die Versorgung von Patienten mit Informations- und Kommunikationstechnologie entwickeln. Kutzler will sich aber „nicht festlegen, dass sich die TU bereits in der ersten Runde bewirbt“.

Der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, setzt auf das von den drei Berliner Unis getragene Matheon, das „Mathematik für Schlüsseltechnologien“ erforscht. Es könnte zu einem „Spitzencluster“ mit starker Wirtschaftsbeteiligung ausgebaut werden. Der neue Wettbewerb sei „ein gutes Experiment“, um zu sehen, ob sich das Modell der Fraunhofer-Gesellschaft auf die Hochschulen übertragen ließe: Fraunhofer-Projekte werden grundsätzlich von der Wirtschaft und vom Bund gemeinsam finanziert.

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