Elitewettbewerb : „Exzellenz gibt es nicht zum Nulltarif“

Nach dem Sieg: Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, erklärt, wie Deutschlands Wissenschaft noch besser werden kann

Humboldt strahlt. Nachdem die Uni den Exzellenzwettbewerb gewonnen hat, geht es nun um die Umsetzung des Zukunftskonzepts.
Humboldt strahlt. Nachdem die Uni den Exzellenzwettbewerb gewonnen hat, geht es nun um die Umsetzung des Zukunftskonzepts.Foto: HU/Out e.V.

Herr Olbertz, was bedeutet der Erfolg in der Exzellenzinitiative für die Humboldt-Universität?
Unsere Anerkennung, unsere Reputation und unsere Selbstgewissheit werden gestärkt. Wir hatten schon vorher riesige Potenziale, aber manchmal Probleme, sie sichtbar zu machen. In der wissenschaftlichen Welt zählen nicht nur der große Name und die Geschichte, sondern die wissenschaftlichen Ergebnisse heute. Weil wir da große Stärken haben, hat es immer wieder Erstaunen ausgelöst, dass wir 2006 und 2007 nicht Exzellenzuni geworden sind.

Warum hat die HU das erst jetzt geschafft?

Ich bin erst seit zwei Jahren an der HU, darum kann ich darauf nur begrenzt antworten. Vielleicht war die HU zu lange mit sich selbst beschäftigt. Offenbar gab es auch eine Kluft zwischen dem Präsidium und den übrigen Mitgliedern der HU. Man braucht aber nicht nur gute Ideen, sondern auch einen Schwung, der alle mitnimmt. Das haben wir diesmal besser gemacht.

Sie standen dem Exzellenzwettbewerb immer auch skeptisch gegenüber. Ändert sich das jetzt?

Ich war nicht skeptisch, ich habe nur auf Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen.

Die da wären?

Das freie Spiel der Kräfte im Exzellenzwettbewerb macht politische Entscheidungen nicht überflüssig. Der Wettbewerb hat die bestehenden Disparitäten in der deutschen Forschungslandschaft nicht nur sichtbar gemacht, er sorgt auch dafür, dass sie kumulieren. Man betrachte die Sogwirkung, die der Süden auf die besten Köpfe ausübt. Weiterhin entsprechen die Formate des Wettbewerbs, zum Beispiel die großen Verbünde, nicht durchgehend den Interessen der Wissenschaft. Die Geisteswissenschaften pflegen mitunter andere Formen des Erkenntnisgewinns als dies in den Naturwissenschaften der Fall ist. Und schließlich hat der Wettbewerb einen hohen Aufwand für die Präsentation von Forschungsvorhaben verlangt, den man auch gut für die Forschung selbst hätte treiben können.

Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind eine exzellenzfreie Fläche. Woran liegt das?

Jan-Hendrik Olbertz, HU-Präsident
Jan-Hendrik Olbertz, HU-PräsidentFoto: dpa

Es gibt in diesen Ländern exzellente Forschung, aber offenbar noch nicht in der notwendigen Dichte und Vernetzung. Die dort wachsenden Potenziale sind eben noch nicht auf dem Niveau der im Exzellenzwettbewerb erfolgreichen Regionen. Wir brauchen darum Förderprogramme, die zu einer besseren Ausgewogenheit der Forschungslandschaft führen – damit meine ich ausdrücklich keine Nivellierung. Die Länder können das allein nicht mehr leisten. Dafür aber muss der Föderalismus modernisiert werden.

Wie könnte das aussehen?

Die Aufgaben des Bundes und der Ländergemeinschaft müssen verbindlicher definiert werden. Damit Bund und Länder die großen Ziele einer starken und international wettbewerbsfähigen deutschen Forschungslandschaft in engem Schulterschluss verfolgen können, brauchen wir eine Grundgesetzänderung, die vor allem dem Bund neue Möglichkeiten öffnet. Für mich waren Bildung und Wissenschaft immer nationale Aufgaben.

Von den jetzigen elf Exzellenzunis sollen nur die neu hinzugekommenen fünf noch einmal in den Wettbewerb ziehen. Damit ist die Exzellenzinitiative zu Ende. Hat die Politik also endgültig von dem ursprünglichen Ziel Abstand genommen, so lange weiter auszusieben, bis Deutschland nur noch zwei bis drei Spitzenunis hat?

Das glaube ich nicht, wir sind ja noch nicht am Ende der Fahnenstange. Es ist richtig, jetzt erst einmal mit diesem Wettbewerbsformat zu pausieren. Die Unis müssen sich konsolidieren, man sollte sich auch in Ruhe die langfristigen Effekte der Exzellenzinitiative angucken. Wenn es keinen weiteren Exzellenzwettbewerb gibt, heißt das ja nicht, dass die Politik nun die Hände in den Schoß legt. Ich denke, es muss und wird in den großen wissenschaftlichen Zentren am Ende zwei bis fünf Unis mit dem Rang von Bundesuniversitäten geben. Das Vorbild wäre für mich die ETH in der Schweiz. Der Exzellenzwettbewerb ist also nur ein Stadium im Umbau des deutschen Hochschulsystems.

Im Jahr 2017 laufen die Bundesmittel der Exzellenzinitiative aus. Was erwarten Sie von Berlin?

Dass es sich nicht nur in die Sonne stellt und sich freut und lobt. Wenn wir den jetzigen Standard halten wollen, können wir uns nicht erst im Herbst 2016 Gedanken machen, wie es weitergeht. Wir müssen jetzt sofort damit anfangen. Die Verhandlungen über die neuen Berliner Hochschulverträge stehen ja an. Mir ist wohl bewusst, dass das Land nach 2017 nicht in voller Höhe für die Verstetigung der exzellenten Forschung einspringt. Die Humboldt-Universität wird die Hälfte der zusätzlichen Mittel selbst aufbringen müssen, indem sie ihre Prioritäten neu ordnet. Das ist auch in Ordnung, denn die Unis sollen sich in der Exzellenzinitiative ja neu profilieren. Aber die andere Hälfte muss vom Land Berlin kommen. Exzellenz ist nicht zum Nulltarif zu haben. Senat und Abgeordnetenhaus müssen die Hochschulen als Riesenmotor für Wachstum und kulturellen Fortschritt betrachten, dessen Treibstoff absolute Priorität hat.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

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