Wissen : Eltern haben Angst vorm Staat Klaus Hurrelmann

zur „Bildungsrepublik“

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Foto: promo
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Deutsche Eltern zögern oft, ihre Kinder der Kita und Ganztagsschule zu überlassen. Sie denken, sie seien zu Hause schon deshalb besser aufgehoben, weil in der Bildung offenbar ständig gespart wird. Diese Wahrnehmung führt zu einem politischen Teufelskreis, meint der Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance. In Deutschland, einem „korporatistischen Wohlfahrtsstaat“, habe die soziale Sicherung des Bürgers für die Politik ein größeres Gewicht als die Bildungspolitik, sagte der Erziehungswissenschaftler jetzt auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Bildungsverwaltung (DGBV) in Erfurt.

Bei der Transferleistung an Eltern „ist Deutschland Weltspitze“, meint Hurrelmann. Mit Sozialpolitik würden aber nicht unbedingt die Kinder erreicht. Der im Grundgesetz festgeschriebene Vorrang der Eltern laufe auf ein Erziehungsmonopol der Eltern hinaus: „Ziel ist der Schutz der Eltern vor den staatlichen Eingriffen“, sagt Hurrelmann. Deutschland sei so fixiert auf das Elternrecht, dass erst in jüngster Zeit Milliardeninvestitionen in die frühkindliche Erziehung möglich geworden seien. Noch vor fünf Jahren wären solche Investitionen als bildungsfeindlich eingestuft worden, meint Hurrelmann. Dabei sei in Europa schon vor 40 Jahren die Errichtung von Ganztagsschulen ein Thema gewesen. In Deutschland aber habe das „schrecklich lange gedauert“. Nun habe Deutschland endlich die Chance ergriffen, in den Ganztagsschulen alle Förderleistungen zu bündeln. Hurrelmann rät, „mehr Geld aus der Sozialpolitik in Ganztagsschulen zu transferieren“.

Weitere Hindernisse in der Bildungspolitik sieht er darin, dass die Verantwortungen segmentiert seien. Vielfach sei es unklar, wer was zu sagen habe, weil sich Bund, Länder und Gemeinden über Zuständigkeiten stritten. Der Kindergarten habe seine eigene Ausbildungstradition und falle in die Zuständigkeit der Sozialpolitik der Kommunen. Die Grundschule für Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren besitze ihr eigenes Personal und werde von den Kultusverwaltungen der Länder finanziert. Abgeschottet von der Grundschule würden die weiterführenden Schulen organisiert. Kein Wunder, dass an jeder Übergangsstufe Reibungsverluste entstünden. Die „Sektorierung“ setze sich fort, wenn die Erzieher für Spiele und frühkindliche Entwicklung im Kindergarten zuständig seien, die Lehrer für die Ausbildung in den Schulen und die Sozialarbeiter für die Familienprobleme: „Was haben wir von einer hohen Professionalisierung, wenn es an der Verzahnung fehlt?“, fragte Hurrelmann. Der Streit über die Zuständigkeiten sei auch ein Hindernis auf dem Wege zu mehr Autonomie der Schulen. Eltern und Kommunen sollten stärker als bisher in den Schulen mitgestalten können.

Hurrelmann fordert, die Bildungskosten nicht mehr länger als konsumptive Ausgaben zu betrachten, sondern als Investitionen in die Zukunft. Um die Kommunen stärker in die Gestaltung der Schulen einzubinden, müsse mehr Geld von der obersten Ebene des Staates dorthin verlagert werden. „Aber das dauert auch noch 20 Jahre.“ Uwe Schlicht

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