Empirische Sozialforschung : Das Lebensgefühl der Deutschen

Mann/Frau, Ost/West: Seit 25 Jahren läuft die groß angelegte Umfrage Sozioökonomisches Panel. Für Wissenschaftler ist sie eine riesige Schatzkiste - und eine neue Quelle für Armutsforschung.

Eva-Maria Götz
Gotha
Neuer Horizont. Im Jahr nach dem Mauerfall kam die Umfrage auch in die DDR. Im Bild eine Familie in Gotha im Februar 1990. -Foto: Ullstein

Wer als Kleinkind mindestens ein Jahr lang einen Kindergarten besucht, hat beim Schulbeginn in Sachen Leistung die Nase vorn. Aber aufgepasst: Fettleibigkeit gefährdet den Schulerfolg, vor allem bei Jungen. Die Übergewichtigen hinken bei der sprachlichen und sozialen Entwicklung hinterher. Also auf zum Sportplatz – immerhin 20 Prozent der Jungen spielen bereits im Verein Fußball. Die sind fit und gehören damit auch eher zu den Menschen, die sich als „zufrieden“ bezeichnen, was sich günstig auf die spätere Partnersuche auswirkt. Denn zufriedene Menschen heiraten öfter und die Ehen halten länger.

Dies sind schlaglichtartig einige Ergebnisse völlig unterschiedlicher wissenschaftlicher Studien, die alle eines gemeinsam haben: Sie basieren auf Daten, die in Deutschland mithilfe des Sozioökonomischen Panels „SOEP“ ermittelt wurden.

Für Wissenschaftler auf der ganzen Welt ist das SOEP eine riesige Schatzkiste, in der das Material und die Zahlen für ihre Recherchen liegen. Das SOEP, das am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin angesiedelt ist, gehört zur Spitze der soziologischen Forschungseinrichtungen in Europa. Der Wissenschaftsrat bewertete seine Forschungsqualität kürzlich mit „exzellent“.

„Im Prinzip interessiert uns das gesamte Alltagsverhalten“, erklärt der Gert G. Wagner, Professor am DIW und an der Technischen Universität Berlin sowie seit 1989 Leiter des SOEP. „Wir wollen die Strukturen des Alltags erkennen.“ Vom frühen Kindesalter über die Zeit der Erwerbstätigkeit bis hin zum Ruhestand untersucht das SOEP-Team die Wichtigkeit dieser einzelnen Lebensbereiche und die damit verbundene Zufriedenheit. „Ist Ihr Einkommen aus Ihrer Sicht gerecht?“ oder „Wie beurteilen Sie Ihre heutige Stelle im Vergleich zur letzten“ lauten etwa Fragen zur Berufstätigkeit. Die Interviewten haben für die Antwort eine mehrstufige Skala zur Verfügung, auf der sie zwischen „verbessert“ und „verschlechtert“ differenziert auswählen können.

Um relevante Aussagen zu treffen, fragen die Mitarbeiter des mit dem SOEP zusammenarbeitenden Instituts „TNS Infratest Sozialforschung“ alle zwölf Monate nach. Bereits 1000 ausgefüllte Fragebögen würden als repräsentativ gelten, SOEP ist mehr als zwanzigmal so umfangreich. Im vergangenen Jahr haben 21 232 Personen in 11 689 Haushalten mitgemacht. Für klassische Meinungsumfragen zum Konsum- oder Politikverhalten werden die Befragten in der Regel einmalig vom Zufallsgenerator ausgewählt und dann angerufen. Das SOEP hingegen befragt seine einmal zufällig ausgewählten Testpersonen langfristig und möglichst persönlich. Es gibt etwa 2500 Personen, die schon seit 25 Jahren dabei sind, darunter über 1000 „SOEP- Enkel“, bei denen schon die Eltern mitgemacht haben. Und viele haben in SOEP-Familien hineingeheiratet. Wer langfristig an so einer detaillierten Untersuchung teilnimmt und weiß, dass alle Daten strikt vertraulich behandelt werden, hat sich entschlossen, ehrlich und ausführlich zu antworten. Und nur so kann durch eine langfristige Beobachtung eine filigrane Landkarte des Lebensgefühls in Deutschland entstehen.

„Was mich am meisten überrascht, ist, wie auch große Veränderungen von den meisten gut verarbeitet werden“, sagt Gert G. Wagner. So hätten sich die meisten Menschen aus der ehemaligen DDR mit den neuen Lebensverhältnissen arrangiert. „Wir haben ganz neue Ergebnisse, die zeigen, die Menschen sind zwar im Durchschnitt unzufriedener. Aber wenn man nach Glücksgefühlen oder Anlass für Ärger fragt, dann gibt gar keine großen Unterschiede zwischen Ost- und West.“

Die Wiedervereinigung hatte das SOEP vor gewaltige Herausforderungen gestellt, denn plötzlich waren die Stichproben nicht mehr bundesweit repräsentativ. Die erste Erhebung in Ostdeutschland fand im Juni 1990 statt. „Im Nachhinein sieht das ja alles ganz einfach aus, aber das war ja eine fremde Welt“, erinnert sich Wagner. Einer der ersten SOEP-Macher aus dem Osten war Eckhard Priller, damals noch Soziologe an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er schmeckte den Fragebogen sozusagen vor und achtete darauf, dass bestimmte Begrifflichkeiten den anderen Verhältnissen angepasst wurden. Statt nach dem „Ehrenamt“ wurde nach dem „gesellschaftlichen Engagement“ gefragt, die Kategorien Schule und Ausbildung völlig verändert.

In der Kategorie „Zufriedenheit“ spielte die Frage nach der Versorgungslage eine große Rolle. Priller erinnert sich bis heute an die Aufgeschlossenheit, mit der die ersten Befragungen von DDR-Bürgern aufgenommen und an die Ernsthaftigkeit, mit der die umfangreichen und oft ins Private zielenden Fragen beantwortet wurden. Der Rücklauf betrug über 70 Prozent. „Die Menschen waren überzeugt, dass ihre Antworten Einfluss auf die künftige Gestaltung der Gesellschaft haben würden“, sagt Priller, der heute beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) arbeitet. Bis heute ist die Ost-West- Differenzierung eine Grundvariable der soziologischen Auswertung. So wie Mann/Frau unterscheidet, unterscheidet man Ost/West.

Seit auch Psychologen die Daten analysieren, wird die Schlüsselrolle der Beschäftigungssituation immer deutlicher. „Es ist extrem, welch tiefen Einschnitt eine einmal erlebte Phase der Arbeitslosigkeit bewirkt. Neben schweren körperlichen Gebrechen gibt es nichts, was so langfristige Folgen hätte, auch wenn die Betroffenen schon längst wieder Arbeit gefunden haben“, sagt SOEP-Chef Wagner.

Wirtschaft und Handel können sich diese Daten nur indirekt zunutze machen, indem sie sie analysieren lassen. Sich beteiligen und einzelne Fragen beisteuern oder die Untersuchungen kaufen, können Außenstehende nicht. Die erhobenen Daten stehen ausschließlich Wissenschaftlern zur Verfügung und dienen auf diesem Weg auch der Politikberatung. So fließen sie in den Armutsbericht der Bundesregierung ein. Dass schon von Anfang an auch Migranten nach ihren Lebensumständen befragt wurden, liefert heute wichtige Grundlagen für die Integrations- und Zuwanderungspolitik.

Die multidisziplinäre Zusammenarbeit ist seit 25 Jahren ein Qualitätsmerkmal des SOEP und soll noch ausgebaut werden: Erziehungswissenschaftler und Psychologen entwickeln neue Fragen zu Sozialverhalten und -kompetenz in der frühesten Kindheit.

Wenn vom 8. bis 11. Juli in Berlin das 25-jährige Jubiläum gefeiert wird, werden die eigentlichen Hauptpersonen fehlen – die Befragten. Der Datenschutz verlangt, dass sie absolut anonym bleiben.

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