Wissen : Ende in Etappen

Der Historiker Christopher Clark in Potsdam: Wie sich die Nazis das Preußentum einverleibten

Eva-Maria Götz

Ob er nicht auch einem Trugschluss unterliege wie so viele vor ihm, wenn er zwischen dem „echten Preußen“, dem Staatsgefüge mit seiner modernen Verfassung und hohen Ethik einerseits und dem „verfälschten Preußentum“ der Nationalsozialisten andererseits unterscheide, wurde Christopher Clark am Ende des Abends aus dem bis auf den letzten Platz gefüllten Plenum gefragt.

„Die Frage trifft ins Mark“, antwortete der britische Historiker und gab zu: „Wenn man sich mit Preußen beschäftigt, gerät man in Gefahr, sich in das frühe Preußen zu verlieben und den letzten Teil seiner Geschichte nicht genug zu integrieren.“ Doch genau um diesen letzten Teil ging es vor kurzem im Potsdamer Einsteinforum. Wann genau der Niedergang und das Ende Preußens begann, ist Interpretationssache. War es schon die Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1871, war es die Neuordnung des Reiches vom 30. Januar 1934 oder der Auflösungsbeschluss der Alliierten vom 25. Februar 1947, die dem legendären Staat den Garaus machte?

Wahrscheinlich war es ein langsames Sterben in Etappen. Eine wichtige Stufe auf dem Weg nach unten war ganz sicher der 21. März 1933, in die Annalen eingegangen als der „Tag von Potsdam“, als Reichspräsident von Hindenburg in Paradeuniform Seite an Seite mit Adolf Hitler durch das fahnengeschmückte Potsdam zog und symbolkräftig das neue „Dritte Reich“ mit Preußens Glanz und Gloria verband. Fortan bedienten sich die Ideologen und Propagandisten nach Belieben aus der Requisitentruhe der Geschichte: man strickte sich eine Historie, in der viel „strahlendes Heldentum“, „germanische Substanz“ und „soldatischer Todesmut“ vorkam. Die ausgeprägte Sozialethik aber und die Tatsache, dass Preußen ein funktionierender Vielvölkerstaat gewesen war, wurden diskret verschwiegen. Von Schinkel inspirierte Säulen und Portale fanden Eingang in die neoklassizistische Architektur, im Kino wurde der Mythos um Friedrich den Zweiten und seinen Vater zum Familienkitsch mit Happy End umgeschrieben (Originalzitat: „Der König mordet nicht – sein Wille ist Gesetz“). Hitlers Identifikation mit dem Sonderling aus Sanssouci ging so weit, dass, so Clark: „der einzige Wandschmuck im Führerbunker, in dem Hitler die letzten Tage seines Lebens verbrachte, 16 Meter unter den Straßen von Berlin, das Portrait Friedrichs des Großen von Anton Graff war“. Trotz Friedrichs Homosexualität und seiner unerschütterlichen Antipathie gegen alles Deutsche. Unterstützt wurde die Geschichtsklitterung von berufener Stelle. „Es gab“, meint Christopher Clark, „nicht eine einzige ostpreußische Adelsfamilie, die nicht mindestens ein NSDAP-Mitglied in ihren Reihen hatte, ob nun aus pragmatischen Gründen oder auch aus echter Faszination.“

Aber auch die Gegner waren Preußen: Ministerpräsident Otto Braun , ein Sozialdemokrat alter Schule, autoritär und dem preußischen Tugendkanon verpflichtet. Oder Albert Grzesinski, Gewerkschaftler, Innenminister und überzeugter Demokrat, der bis zuletzt versuchte, die Nationalsozialisten mit Mitteln des Rechtsstaates zu bekämpfen. Oder Polizeipräsident Bernhard Weiß, der aus dem Exil schrieb: „Gleichwohl ob die gegenwärtigen Machthaber mich anerkennen oder nicht, ich werde mich auch im Exil stets so verhalten, wie es der Würde eines preußischen Beamten entspricht.“

Doch letzten Endes, so Clark, war der Übergriff der Nationalsozialisten auf die Archetypen und Attribute Preußens erfolgreich. Wenn es auch nicht einen einzigen Anhaltspunkt gibt, dass Preußen stärker als Bayern, Hessen oder Österreich an den Verbrechen dieser Zeit beteiligt war, bleibt doch gerade an ihm der Makel des Menschenverachtenden und Kriegstreiberischen hängen. Der graue Firnis des Preußentums, ob verfälscht oder nicht, hat das Bild Preußens bis zur Unkenntlichkeit überzogen. Eva-Maria Götz

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