Energie : Jäger des Kohlendioxids

Immer mehr Menschen verlassen die großen Stromanbieter. Das „Zeit-Forum“ diskutiert über die Zukunft der Energie.

Adelheid Müller-Lissner

Das Produkt, das in den Haushalten ankommt, ist überall gleich. Doch die Frage „Welcher Strom kommt künftig aus der Steckdose?“ garantiert auch nach dem Klimagipfel in Bali heiße Diskussionen. Etwa ein Drittel der Zuhörer, die am Dienstagabend das „Zeit-Forum der Wissenschaft“ in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften besuchten, gaben auf die Frage der Moderatoren per Handzeichen zu erkennen, dass sie kürzlich den Anbieter gewechselt haben.

Eine „Abstimmung mit den Füßen, motiviert durch willkürliche Preissteigerungen seitens der Monopolisten“, wie Hermann Scheer befand. Scheer ist SPD-Bundestagsabgeordneter und Präsident von Eurosolar, einer Initiative zur Verbreitung von Energien wie Wind, Wasser und Biomasse. Eine Art der Energie, für die sich, so Scheer, „jeder Mensch mit intakten Sinnen“ entscheiden würde.

Die komplette Umstellung auf eine „Gesellschaft ohne Emissionen“ sei auch seine Vision, sagte Lars Göran Josefsson, Vorstandsvorsitzender bei Vattenfall. Die vorweihnachtlich-friedliche Übereinstimmung verschwand, als der Faktor Zeit zur Sprache kam. In den nächsten 20 Jahren sei die Energieversorgung ohne Kohle nicht sicherzustellen, sagte Josefsson. Gerade sie kritisieren Umweltschützer jedoch. Josefsson vertrat die Auffassung, es sei zunächst ausreichend, nach Lösungen zur Verringerung des Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2) zu suchen.

Als eine von ihnen nannte er das Prinzip CCS – Carbone Capture and Storage. Dabei wird das in fossilen Brennstoffen enthaltene Kohlendioxid abgeschieden, gespeichert und deponiert. Eine der möglichen Techniken, das Oxyfuel-Verfahren, das auf der Verbrennung mit reinem Sauerstoff basiert, wird demnächst in einer Pilotanlage im Vattenfall-Betrieb Schwarze Pumpe in der Lausitz erprobt. Der Greenpeace-Geschäftsführer Roland Hipp lehnte diese Methode als „zu teuer und schwer durchführbar“ ab. Scheer bezeichnete das Problem der CO2-Lagerung als „eventuell gravierender als bei Atommüll“.

Die auf dem Podium vertretenen Wissenschaftler sahen hier dagegen einen gesellschaftlichen Auftrag für die eigene Arbeit. Man müsse möglichst rasch versuchen, CO2 chemisch zu nutzen, sagte Reinhard Hüttl, Vizepräsident von Acatech, dem Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien. „CO2 ist keinesfalls mit radioaktivem Müll zu vergleichen, wie er bei der Nutzung von Kernkraft entsteht.“

Auch Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, glaubt, dass es in den nächsten Jahren breit gefächerte Aufgaben für die Energieforschung geben wird. Als Beispiel nannte er ein Projekt am Geoforschungszentrum in Potsdam, das sich dem Problem der Verpressung von CO2 widmet. Zudem bleibt seiner Meinung nach die Forschung zur Kernenergie wichtig. „Wir können es uns nicht leisten, diese Kompetenz zu verlieren.“ Dass Deutschland das Land der Dichter und Denker, aber auch das der Ingenieure sei, bemerkte Hüttl. Deshalb müsse der deutsche Beitrag zum Klimaschutz vor allem im Bereitstellen von technischem Know-how bestehen.

Einer Zuhörerin blieb es vorbehalten, gegen Ende der Diskussion an die Hälfte der Menschheit zu erinnern, die über Anbieterwechsel und bevorzugte Primärenergieträger schon deshalb nicht nachzudenken braucht, weil sie in ihrem häuslichen Umfeld nicht über Steckdosen verfügt, aus denen Strom kommen könnte. Draußen, vor der Akademie, strahlte auf dem Gendarmenmarkt die Festbeleuchtung. Adelheid Müller-Lissner

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