Entwicklung : Früh geboren, spät Probleme

Viele Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, brauchen eine langfristige Förderung.

Adelheid Müller-Lissner

Frühgeborene sind die größte Patientengruppe in Kinderkliniken. Sieben von 100 Kindern werden heute in Deutschland vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren, eines von ihnen wiegt sogar weniger als 1500 Gramm. Immer mehr dieser ganz kleinen und leichten Frühchen überleben heute, oft nach monatelanger Behandlung auf einer Intensivstation. Jedes siebte von ihnen stirbt allerdings, und von den Überlebenden wächst jedes Fünfte mit einer Behinderung auf.

In einer Langzeitstudie mit Namen „Epicure“ wurden seit 1995 alle vor der 26. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder aus ganz Großbritannien über elf Jahre begleitet und mit einer Gruppe Gleichaltriger verglichen. Nun liegen die Ergebnisse vor. „Unsere Befunde sind erschreckend“, so fasste der deutsche Psychologe Dieter Wolke von der Warwick Medical School in Coventry auf dem Kongress für Perinatale Medizin in Berlin zusammen. Bei vier von zehn extrem früh geborenen Kindern zeigten sich Lernbehinderungen, bei den Kindern aus der Kontrollgruppe, die länger im Bauch der Mutter heranreifen durften, war es nur eines von hundert.

Zu früh geborene Jungen sind doppelt so häufig von Lernproblemen betroffen wie Mädchen. Weit über die Hälfte der Frühchen, die mit sehr unreifem Gehirn auf die Welt kamen, brauchen später in der Schule besondere Förderung, bis zu 15mal häufiger leiden sie an Aufmerksamkeitsproblemen, sozialen und emotionalen Störungen. Bei acht Prozent der extrem Frühgeborenen wurde Autismus festgestellt, aber bei keinem einzigen der Kinder aus der Kontrollgruppe. Als extrem kleines Frühchen auf die Welt zu kommen, führt zu Problemen, die sich bei vielen Kindern nie ganz auswachsen.

Vor allem die Unterstützung der Familien und die gezielte Förderung der Kinder entscheiden darüber, was aus den Kindern wird. „Wenn man zu Beginn 200 000 Euro für die Behandlung ausgibt, muss man auch später Geld investieren, um zu helfen“, sagte Wolke.

Wie sich welche Förderung auf den späteren Lebensweg auswirkt, darüber soll in Deutschland die Bayerische Entwicklungsstudie Auskunft geben, für die die Lebensläufe von Frühgeborenen der Jahrgänge 1985 und 1986 langfristig beobachtet werden.

Während es eine ganze Palette von Möglichkeiten gibt, um Familien mit einem Frühchen vom ersten Tag an zu unterstützen, ist kaum ein Weg in Sicht, um Frühgeburten wirkungsvoll zu verhindern. Selbst wenn es gelänge, mehr Schwangere von Alkohol und Zigaretten abzubringen und das Risiko häusliche Gewalt auszuschalten, blieben da noch Vorerkrankungen, genetische Risiken, geringes oder höheres Alter der Mutter. Als moderner Risikofaktor sind zudem Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung hinzugekommen.

„Vor allem bestehen weiterhin große Ungleichheiten zwischen den unterschiedlichen sozialen Schichten in der Häufigkeit von Frühgeburten“, sagte Irmgard Nippert von der Uniklinik Münster. Wiederum in Großbritannien, einem Land mit einer hohen Rate an Teenager-Schwangerschaften, läuft eine große gerichtete Studie, die den Lebenslauf junger Mädchen gleich ab Beginn des fortpflanzungsfähigen Alters begleiten soll. Nippert wünscht sich auch in Deutschland mehr Forschung dazu, welche Programme helfen, die Frühgeborenenrate zu vermindern.

Bleiben die vielen Eltern, die in der Schwangerschaft „alles richtig“ gemacht haben und deren gesamtes Leben an dem Tag verändert wurde, an dem ihr Wunschkind extrem verfrüht auf die Welt kam. Die Berlinerin Sabine Leitner ist eine von ihnen, ihre Tochter kam nach 26 Schwangerschaftswochen auf die Welt und schwebte nach der Geburt wochenlang zwischen Leben und Tod.

Aus zahlreichen Gesprächen weiß die Projektleiterin zur Nachsorge für Eltern von zu früh geborenen Kindern, welche Probleme, vom anfänglichen Schock in der Klinik über die Monate dauernde häusliche Belastung mit oft extrem unruhigen Babys bis zum späteren Kampf um den Platz in der richtigen Schule, auf die Eltern zukommen. Und dass familiäre Überforderung nicht selten in Gewalt gegenüber den Kindern mündet. Die engagierte Frühchen-Mutter kämpft seit Jahren um mehr Unterstützung für die Familien. „Darauf sollte mehr Gewicht gelegt werden als auf einen Wettbewerb, der darin besteht, mit aller Kraft immer früher geborene und extrem unreife Kinder zu retten, die oftmals keine Chance auf ein Leben ohne Behinderung zu haben."

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