Enzyklopädie "www.1914–1918-online.net" : Durch den Ersten Weltkrieg klicken

Die Geschichte des Ersten Weltkriegs multimedial erzählen: In Berlin ist die Enzyklopädie „1914–1918-online“ entstanden. Jetzt wurde sie im Netz freigeschaltet. Auch die Bezüge zur Gegenwart sollen klar werden.

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Französische Soldaten bereiten sich am Rande des Schlachtfelds eine Mahlzeit zu.
Ausnahmezustand. Französische Soldaten bereiten sich am Rande des Schlachtfelds eine Mahlzeit zu. Das neue Online-Portal zum...Foto: AFP

Geduckt liegen die beiden australischen Soldaten in einem niedrigen Schützengraben. Vor Gewehrkugeln und Granatsplittern sind sie nur notdürftig geschützt. Drei Kameraden wurden schon getroffen, an diesem Herbsttag im Oktober 1917. Sie liegen tot auf belgischem Boden.

Die Aufnahme ist Teil einer Online-Enzyklopädie der Freien Universität Berlin (FU). 1000 Wissenschaftler aus 54 Ländern arbeiten seit drei Jahren an dem Projekt über den Ersten Weltkrieg (www.1914-1918-online.net). Mit 494 Artikeln in englischer Sprache ist jetzt rund ein Drittel publiziert, bis zum kommenden Frühjahr sollen die übrigen Texte auf der Internetseite stehen. „Hätten wir einen Sammelband verfasst, würde er zwölf Bände umfassen, mit jeweils 500 Seiten“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Jennifer Willenberg. Stattdessen wurde ein digitales Nachschlagewerk geschaffen, ein Werk zwischen Brockhaus und Wikipedia.

Ein Zeitstrahl von 1914 bis 1918

Durch den Krieg, der rund 17 Millionen Tote forderte, führt auf der Webseite ein virtueller Zeitstrahl von 1914 bis 1918. Zu jedem Datum gibt es eine Liste von Schlagwörtern, die zu den passenden Artikeln führen. Zudem haben die Projektleiter ihr Portal nach sechs Themen wie der Vorkriegsgeschichte, dem Alltag an der Heimatfront und Kriegspropaganda gegliedert. Außerdem gibt es eine geografische Struktur: Klicks auf eine Weltkarte führen in die Regionen, die vom Ersten Weltkrieg betroffen waren, zu Aufsätzen und Bildern. „Lange beschränkte sich der Blick der Wissenschaftler auf Europa und auf die Westfront“, sagt der Historiker und Projektleiter Oliver Janz. Er möchte den Begriff „Weltkrieg“ erweitern: ein Krieg, der zweifellos welthistorische Bedeutung hatte, aber auch ein Krieg, der von Nordamerika bis Südostasien Spuren hinterlassen hat.

Die Enzyklopädie ist ein fortlaufender Prozess

War es auch ein totaler Krieg? In welchen Ländern gab es Friedensinitiativen? Und inwiefern sind die Kriegsfolgen bis heute im Nahen und Mittleren Osten zu spüren? Solchen Fragen sind in der Enzyklopädie längere Aufsätze gewidmet. Anhand von Links in den Texten können sich Nutzer kreuz und quer durch das Portal klicken. Von langen Übersichtstexten zu Fotos, von kurzen Lexikoneinträgen zu Karikaturen und Propagandaplakaten. In der Vernetzung von Informationen liege ein Vorteil der Online-Präsentation gegenüber einer gedruckten Enzyklopädie, sagt Janz. Zudem sei „1914–1918-online“ ein fortlaufender Prozess, ohne eine letzte Seite, einen letzten Satz.

Open Access-Anforderungen werden erfüllt

Das Lexikon erfüllt alle Anforderungen des Open Access, jeder kann auf die Inhalte zugreifen, und zwar kostenfrei. Auch wenn sich die Enzyklopädie somit nicht nur an ein Fachpublikum richtet, erfüllen die Artikel wissenschaftliche Standards. Jeder Eintrag wurde zweimal begutachtet und ist mit seinen Quellenangaben ebenso zitierfähig wie Beiträge in einem Fachmagazin. Aktualisiert werden die Texte bei dem Projekt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft bislang mit etwa einer Million Euro gefördert hat, bislang noch nicht. Das werde erst möglich, wenn die Förderung im kommenden Jahr fortgesetzt wird. „Dann wollen wir auch erreichen, dass die Enzyklopädie interaktiv wird und die Nutzer auf unserer Website kommentieren können“, sagt Nicolas Apostolopoulos vom Center für Digitale Systeme der FU. Er leitet das Projekt gemeinsam mit Oliver Janz.

Historisches Wissen wird heute anders vermittelt

Die Geschichte multimedial erzählen – im Großgedenkjahr 2014 zeigen mehrere Projekte, dass historisches Wissen heutzutage anders vermittelt werden muss. Ein Beispiel ist neben der Enzyklopädie des Ersten Weltkriegs die Europeana 1914–1918. Dort wurden Hunderttausende von Briefen, Fotos und Tagebucheinträgen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges gesammelt. Verglichen mit dem digitalen Lexikon der FU ist Europeana kein Lexikon, sondern ein digitales Archiv zur Wahrung der Erinnerung, das historische Rohmaterial wird nicht eingeordnet.

Oliver Janz geht es bei seinem Portal nicht nur um einen Blick in die Vergangenheit. Der Erste Weltkrieg habe auch viele Bezüge zum Jetzt: „Frieden kann trügerischer sein, als man denkt. Er ist auch heute fragil, auch hier in Europa.“

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