Epidemiologie : Monitoring von Krankheiten „schaut auf die falschen Orte“

Zum Aufdeckung von Bedrohungen durch Krankheiten wird eine globale Strategie benötigt.

Michael Hopkin

Einer Analyse globaler Trends für den Ausbruch von Krankheiten über die letzten Jahrzehnte zufolge legen die Weltgesundheitswächter ihr Augenmerk auf die falschen Orte, wenn es um künftige Epidemien geht.

Die Studie eröffnet eine neue Perspektive auf Krankheiten weltweit, indem sie das Auftreten und die Ausbreitung von 335 Infektionskrankheiten zwischen 1940 und 2004 nachzeichnet. Die umfangreiche Arbeit hilft dabei, den Effekt wohlbekannter Risikofaktoren wie Bevölkerungsdichte hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, dass die jeweilige Krankheit in einem bestimmten Gebiet ausbricht, zu quantifizieren.

Obwohl die Daten bislang nicht dazu verwendet wurden, zukünftige Hotspots für Erkrankungen herauszuarbeiten, legen sie nahe, dass mehr in das Monitoring von Regionen wie das tropische Afrika, Lateinamerika und Asien investiert werden sollte. In diesen Gegenden besteht die größte Gefahr für neu auftretende Epidemien, so die Autoren der Erhebung, traditionell werden sie jedoch bei der Überwachung vernachlässigt.

Eine weltweit koordinierte Strategie wird benötigt, um Ausbrüche auszumachen und zu stoppen, bevor sich die Krankheit weltweit ausbreitet, argumentiert Kate Jones vom Institute of Zoology in London, eine der Wissenschaftlerinnen hinter dem neuen Bericht.

"Wir müssen breiter denken, mit einer globalen Vision", sagt sie. "Jeder wird [von Ausbrüchen neuer Krankheiten] betroffen sein. Wir leben alle auf demselben Planeten - man kann sich nirgendwo verstecken."

Aus der Vergangenheit lernen

Jones und ihre Kollegen unter der Leitung von Peter Daszak vom Consortium for Conservation Medicine in New York verfolgten Infektionskrankheiten über einen Zeitraum von 64 Jahren. Darunter befinden sich Krankheiten, die weltweit für Elend gesorgt haben, wie die arzneimittelresistente Tuberkulose, die chloroquinresistente Malaria und HIV. Der Bericht zeichnet ein Bild, demzufolge neue Krankheiten aus einer dramatischen Zunahme der Bevölkerungsdichte, internationalem Handel und Reisen sowie Veränderungen in der Landwirtschaft resultieren.

Derartige Veränderungen habe eine dramatische Steigerung der Raten, mit denen neue Krankheiten seit den 1940er Jahren aufgetreten sind, verursacht, sagen die Forscher. Allein während der 1980er Jahre, der schlimmsten untersuchten Dekade, traten annähernd 100 neue Pathogene auf, wird in Nature berichtet (1).

Dies ist möglicherweise den Verheerungen durch das berüchtigtste Pathogen, das in den 1980ern entdeckt wurde - HIV -, geschuldet, merken die Wissenschaftler an.

Die Infektion mit HIV ist wie 60 Prozent der Erkrankungen, die die Wissenschaftler untersuchten, eine Zoonose - Erkrankungen, die von Tieren auf Menschen übergehen. Von diesen Zoonosen stammten 72 Prozent von Wildtieren, so die Forscher. Jüngste Beispiele sind unter anderen das Nipah-Virus in Malaysia und der Ausbruch von SARS in Guangdong, China, der den Reiseverkehr nach Südostasien 2002 praktisch zum Erliegen brachte.

Überwachung und schnelles Reagieren wie bei dem SARS-Ausbruch werden bei der Eindämmung künftiger Ausbrüche entscheidend sein, sagt Mark Woolhouse, Epidemiologe an der University of Edinburgh. "Wachsamkeit spielt die größte Rolle", meint er. "Wie SARS gezeigt hat: Je schneller die Reaktion, desto geringer der Schaden." Die sofortige Eindämmung war weitgehend erfolgreich: Von 774 berichteten Fällen 2002 beschränkten sich drei Viertel auf China.

Neue Krankheiten auszumachen ist etwas anderes als das Monitoring etablierter Krankheiten wie Malaria, bemerkt Woolhouse. "Wir wissen recht viel über die weltweite Krankheitslast", sagt er. "Aber hier geht es nicht um die bestehende Krankheitslast - es geht um neuartige Krankheitsereignisse."

Falscher Fokus

Die meisten Bemühungen zur Überwachung konzentrieren sich auf entwickelte Regionen wie Europa, Nordamerika und Australien sowie Teile Asiens, so die Wissenschaftler. Dies ist zum Teil der Tatsache geschuldet, dass sich diese Länder eine bessere Kontrolle leisten können, aber auch dem Umstand, dass diese Gegenden im 20. Jahrhundert Krankheits-Hotspots waren. Die USA, Westeuropa, Japan und Australien verzeichneten in dieser Zeit eine wachsende Bevölkerungsdichte und die zunehmende Verwendung von Antibiotika, was das Aufkommen von Krankheiten beschleunigt haben kann.

Afrika, Lateinamerika und Südostasien unterliegen heute ähnlichen sozialen Veränderungen. Jones und ihre Kollegen nehmen an, dass die größte Bedrohung von Ländern ausgehen wird, in denen die Menschen in beengten Verhältnissen und auf engem Raum mit Nutztieren wie Geflügel leben.

(1) Jones, K. E. et al. Nature 451, 990-993 (2008).

Dieser Artikel wurde erstmals am 20.2.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.612. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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