Epigenetik : Stoppsignale aus Lego

Autor Jörg Blech zeigt im Tagesspiegel-Wissenschaftssalon, wie die Umwelt das Erbgut verändern kann.

Das Gen für schlechtes Autofahren, das Gen für Schweißgeruch oder das Gen für weiblichen Bauchspeck. Das sind nur einige der publikumswirksamen „Durchbrüche“ aus der Genforschung, die Jörg Blech beim Wissenschaftssalon des Tagesspiegels am Montagabend zitierte. „Ich nenne sie ,Gen der Woche‘“, sagte der Buchautor und „Spiegel“-Redakteur. Vage Zusammenhänge werden mit griffigen Schlagzeilen hochgespielt. „Die statistischen Auffälligkeiten sind oft minimal und haben wenig Einfluss darauf, ob jemand tatsächlich eine bestimmte Krankheit bekommt.“ Werden die Gene der Woche in Folgestudien entzaubert, erfährt die Öffentlichkeit selten davon, kritisierte er.

„Gewiss, vier Prozent der Bevölkerung sind von monogenen Erbkrankheiten betroffen, doch was ist mit den übrigen 96 Prozent?“, fragte er. Ihnen widmete er sein Buch „Gene sind kein Schicksal“, in dem es um das junge Feld der Epigenetik geht. Was das ist, zeigte der Biologe mithilfe von Legosteinen. Das Ablesen einer bestimmten Erbinformation, dargestellt durch rote und blaue Steine, kann durch aufgesetzte Methylgruppen, in leuchtendem Gelb gehalten, verhindert werden.

Diese Stoppsignale sind nicht von vornherein im Erbgut enthalten, sondern werden im Lauf des Lebens erworben – durch bestimmte Umweltbedingungen oder Lebensweisen. Blech nannte viele Beispiele aus Tierversuchen, bei denen man etwa durch eine gezielte Diät „schädliche Gene“ deaktivieren konnte.

Der Nachweis bei unserer Spezies gelang unter anderem dem kanadischen Forscher Moshe Szyf. Er untersuchte die Gehirne von Menschen, die sich selbst getötet hatten. Bei ihnen war ein bestimmtes Gen abgeschaltet, das dem Körper hilft, mit Stress besser zurechtzukommen. Anhand von Vergleichen mit Hirnen von Unfallopfern zeigte sich, dass dieses epigenetische Stoppsignal im Lauf des Lebens erworben wurde. Und zwar durch Misshandlungen im Kindesalter, wie die Befragung von Angehörigen hervorbrachte.

„Droht uns nach dem Gen-Popanz nun ein Epigenetik-Popanz?“, fragte Moderator Kai Kupferschmidt. Das wies Blech zurück, Epigenetik sei keine „neue Religion“. Aber sie belege, welch großen Einfluss die Umwelt habe. In einer Adoptionsstudie wurde gezeigt, dass der Intelligenzquotient von Kindern aus einfachen Verhältnissen um zwölf Punkte stieg, nachdem sie von Familien mit hohem sozioökonomischen Status aufgenommen wurden. Die Handlungsempfehlungen der Epigenetik seien letztlich banal, sagte Blech: viel Bewegung, gesunde Ernährung und das Rauchen aufgeben. „Für jeden einzelnen bedeutet das aber eine enorme Leistung.“

Vererbt werden die epigenetischen Informationen aber nicht, glaubt er. „Wenn neues Leben beginnt, werden die Methylierungen auf null gesetzt.“ In manchen Fällen mag das schade sein, in anderen ist das wohl besser. Ein Schicksal ist die Epigenetik jedenfalls nicht. nes

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