Erblicher Brustkrebs bei Frauen : Die Folgen des Angelina-Jolie-Effekts

Angelina Jolie hatte vor einem Jahr öffentlich gemacht, dass sie sich vorsorglich beide Brüste hatte abnehmen lassen. Das Outing der Schauspielerin hat die Öffentlichkeit wachgerüttelt.

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Schwere Entscheidung. Am 14. Mai 2013 schrieb Angelina Jolie in der „New York Times“ über ihr vererbtes Brustkrebsrisiko – und löste eine weltweite Debatte aus.
Schwere Entscheidung. Am 14. Mai 2013 schrieb Angelina Jolie in der „New York Times“ über ihr vererbtes Brustkrebsrisiko – und...Foto: AFP

Der neue „Citycube“ auf dem Berliner Messegelände ist ein nüchterner Zweckbau für Kongresse. Als die Deutsche Gesellschaft für Senologie kürzlich dort tagte, hatte man trotzdem den Eindruck, die versammelten Spezialisten für Erkrankungen der Brust würden am liebsten einen symbolischen roten Berlinale-Teppich ausrollen. Für die Schauspielerin Angelina Jolie. „Der Jolie-Effekt hat uns gutgetan“, sagte Nina Ditsch, Brustkrebsexpertin aus der Uniklinik in München-Großhadern.

Vor gut einem Jahr hatte die amerikanische Schauspielerin ihre Entscheidung öffentlich gemacht, sich beide Brüste vorsorglich abnehmen zu lassen. Um sich vor Brustkrebs zu schützen, der ihr als Trägerin einer Genmutation mit großer Wahrscheinlichkeit sonst drohen würde und an dem ihre Mutter mit 56 Jahren gestorben war. Viele Frauen, in deren Familie diese Krebsform auffallend oft vorgekommen war, haben sich auf Jolies mutiges Outing hin für Beratung und Gendiagnostik entschieden, auch in Deutschland. „Im letzten Jahr sind wir maßlos überrannt worden“, berichtete Rita Katharina Schmutzler vom Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uni Köln.

Wer sollte sich beraten und testen lassen?

Fachgesellschaften empfehlen Frauen, die mehrere erkrankte Frauen in der engeren Verwandtschaft haben, bereits länger, sich in einem der zwölf Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs beraten und testen zu lassen. Ein Verdacht auf erblichen Brustkrebs besteht, wenn:

– in einer Linie der Verwandtschaft mindestens drei Frauen erkrankt sind

– mindestens zwei Frauen erkrankt sind, davon eine unter 50

– mindestens eine Frau im Alter unter 35 Brustkrebs bekam, oder mit unter 50 Krebs an beiden Brüsten

– wenn mindestens eine Frau Brustkrebs, eine andere Eierstockkrebs bekommen hat, wenn eine Frau beides bekam oder zwei Frauen Eierstockkrebs

– wenn ein Mann in der Familie erkrankte und außerdem eine Frau Krebs an der Brust oder an den Eierstöcken bekam.

Die beiden wichtigsten Brustkrebsgene BRCA 1 und BRCA 2 sind schon seit Mitte der 90er Jahre bekannt, seit 1998 gibt es einen Test auf genetische Veränderungen, Mutationen. Liegen sie vor, dann sind körpereigene Reparaturfunktionen verringert, das Risiko, im Lauf des Lebens Brustkrebs zu bekommen, steigt auf bis zu 80 Prozent. Und das für Eierstockkrebs, für den es keine Früherkennung gibt, auf 20 bis 30 Prozent.

Es geht nicht nur um BRCA1 und BRCA2

Inzwischen zeichnet sich ab, dass es eine Reihe weiterer Gene gibt, die das Risiko erhöhen, etwa RAD51-C. Ihren Anteil am Erkrankungsrisiko setzen die Experten inzwischen bei rund 20 Prozent an. „Wir kennen jedoch erst einen Teil“, sagte Ditsch. Einige Gene führen nach bisherigem Kenntnisstand für sich genommen zu einem nur mäßig bis geringfügig erhöhten Risiko, allerdings könnte ihr gemeinsames Auftreten eine größere Gefahr darstellen. In einigen Jahren werde es wohl Computerprogramme geben, die für betroffene Frauen das individuelle Risiko anhand der jeweiligen Gen-Kombination ermitteln, vermutet Schmutzler.

Dass Frauen mit einem familiär erhöhten Risiko eng überwacht werden müssen, ist das eine. Ob die radikale Jolie-Lösung die richtige ist, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Nach heutigem Kenntnisstand kommt diese Art der Vorbeugung allenfalls für Frauen in Betracht, die das veränderte BRCA 1- oder 2-Gen tragen. „Die Risikoreduktion liegt dann nahezu bei 100 Prozent“, berichtete Ditsch. Hatte eine Frau, die Trägerin der Mutation ist, schon Krebs in einer Brust, so ist trotzdem auch die andere Seite einer erhöhten Gefahr ausgesetzt. Auch in diesem Fall kann die Entfernung der gesunden Brust sinnvoll sein. Die Ärzte müssen in der Beratung über diese Optionen aufklären, die betroffene Frau braucht Bedenkzeit und eventuell psychologische Unterstützung, ihre ureigene Entscheidung kann ihr niemand abnehmen. Helfen können ihr dabei aber unter Umständen Leidensgenossinnen, die sich im BRCA-Netzwerk zusammengeschlossen haben. „Wir können die Fakten benennen. Wie es sich anfühlt, wissen nur die Betroffenen“, sagte Schmutzler.

Vierzig Prozent der positiv getesteten Frauen ziehen eine Operation in Betracht

Sie berichtete über eine vom Bundesgesundheitsministerium unterstützte Studie mit 150 positiv getesteten Teilnehmerinnen. Dort zeigte sich, dass zwei bis drei Monate nach dem Test 40 Prozent der Frauen eine Operation für sich in Betracht ziehen. Im Jahr 2000 waren es dagegen nur fünf Prozent. Zu denken gibt allerdings, dass die radikale Lösung besonders die Frauen anzusprechen scheint, die psychologischen Tests zufolge unter besonders großen therapiebedürftigen Ängsten leiden. Fast drei Viertel von ihnen sprachen sich für eine Amputation beider Brüste aus. Schmutzler findet es wichtig, diesen Frauen zunächst eine Psychotherapie anzubieten.

BRCA 1 und 2 tragen zwar den Brustkrebs im Namen, die Genveränderungen erhöhen jedoch auch das Risiko für Eierstockkrebs. Ab 40 sollten Eierstöcke und Eileiter sicherheitshalber entfernt werden, lautet die Empfehlung. Spätestens sollte das jedoch fünf Jahre vor dem Alter geschehen, in dem die Erkrankung bei einem Familienmitglied erstmals auftauchte. Es kann also eine noch sehr junge Frau treffen, die mitten in der Ausbildung steckt, keinen festen Partner hat, sich aber eigentlich vorgestellt hatte, in einigen Jahren Kinder zu bekommen. In einem solchen Fall sei es sinnvoll, rechtzeitig vorher unbefruchtete Eizellen einzufrieren, so die Expertenmeinung beim Kongress.

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