Erbstreit : Wem Kafka gehört

Die Philosophin Judith Butler kritisiert Deutschland und Israel in der Debatte um den Nachlass Franz Kafkas. Beide Länder wollten den Dichter für sich vereinnahmen.

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Judith Butler wirft Israel beim Erbstreit um Kafka "Kulturzionismus" vor. Foto: Töpper/FU Berlin
Judith Butler wirft Israel beim Erbstreit um Kafka "Kulturzionismus" vor. Foto: Töpper/FU Berlin

Es ist ein Prozess, der die Gemüter schon lange erregt. Seit nunmehr zwei Jahren streiten sich zwei Parteien vor einem Gericht in Tel Aviv unter Aufwendung aller Kräfte um einige Manuskripte Franz Kafkas. Diese lagern seit Jahrzehnten in einem Züricher Banksafe und sollen nun in ein Archiv überführt werden. Nur in welches? In das Literaturarchiv Marbach (das wünschen sich die Erbinnen der Manuskripte)? Oder in die Nationalbibliothek in Israel (die sich für jüdisches Kulturgut verantwortlich sieht)? Die Texte Kafkas in dem Safe sind längst veröffentlicht. Gestritten wird allein darum, wer berechtigt ist, die Manuskripte aufzubewahren: Wem gehört Kafka?

In der vielstimmigen kafkaesken Kakofonie der Argumentationsketten lässt ein weiterer Debattenbeitrag aufhorchen: Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Judith Butler meldet sich zu Wort. Die aktuelle Ausgabe der „London Review of Books“ publiziert ihren Vortrag „Who Owns Kafka?“, den sie im Februar im British Museum gehalten hat. Provokant aber scharfsichtig spricht Butler nicht über Kafka, sondern darüber, wie Marbach (Deutschland) und die Nationalbibliothek (Israel) über Kafka sprechen. In der Rhetorik beider Parteien sieht sie einen Diskurs am Werk, der über die eigentlichen Manuskripte hinausreicht und in dem Kafka als Legitimierungsstrategie eingesetzt wird, um unterschwellig die eigene politische und nationale Identität zu festigen.

Die Nationalbibliothek in Israel klagt die Handschriften mit der Begründung ein, Kafka sei Jude gewesen und entsprechend gehöre sein Werk in die Verwahrung des Staates Israel. So formulierte David Blumberg, Präsident des Vorstands der Nationalbibliothek, man sei nicht bereit, mit den Kafka-Manuskripten ein „kulturelles Kapital“ (cultural assets) aufzugeben, das dem jüdischen Volk gehöre. Butler sieht in der Aussage das Selbstverständnis Israels artikuliert, das jüdische Volk zu repräsentieren. Doch verkenne das nicht nur eine notwendige Differenzierung in Zionisten und Juden, die außerhalb Israels leben. Es ignoriere auch den Umstand, dass etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung nicht-jüdisch seien und sich – der Logik der Nationalbibliothek zufolge – entsprechend nicht vom Staat Israel repräsentiert sehen könnten.

Brisant ist für Butler die von der Nationalbibliothek vollzogene Verquickung von Kafka und jüdischer Identität auch deswegen, weil sie eine Privilegierung Israels zu erzwingen versuche, die jüdisches Leben außerhalb Israels als zu überwindendes Exil markiere. Butler will den Streit um die Manuskripte als kulturzionistische Strategie lesbar machen, in der Kafka für die Profilierung der eigenen Identität benutzt wird: „Der Wetteinsatz ist, dass das weltweite Ansehen Kafkas zum weltweiten Ansehen Israels wird“, schreibt Butler.

Auf der deutschen Seite wiederum gebe es eine Tradition, die Kafka für sich vereinnahmen wolle und dies mit seiner klaren Sprache, seinem reinen, puristischen Deutsch begründe. Zwar versuche man nicht, den Prager Juden als deutschen Staatsbürger auszugeben, doch scheine hier Deutschsein die Kategorie der Staatszugehörigkeit zu transzendieren und sich auf „linguistische Kompetenz und Leistungsfähigkeit“ zu gründen.

Butler macht auf die ideologischen und sprachlichen Überreste dieser Tradition in aktuellen Migrationsdebatten aufmerksam. Sie erinnert an Angela Merkels Ausspruch, Multikulturalismus sei nicht zuletzt am mangelhaften Spracherwerb der Immigranten gescheitert. Die von Merkel und anderen betonte Relevanz sprachlicher Reinheit und Kompetenz werde paradoxerweise doppelt benutzt: In dem einen Fall als Kniff, sich den mehrsprachigen Kafka als ein Paradebeispiel reinen Deutschseins anzueignen, und gleichzeitig als Grund, mehrsprachige Immigranten zurückweisen zu können.

Butler sieht im Kleinen immer auch das große Ganze am Werk. Gelänge es, die Manuskripte Kafkas nach Marbach zu holen, bestärke das eine latente Verlagerung nationalistischer Tendenzen in Deutschland „auf die Ebene der Sprache“, schreibt sie.

Judith Butler gelingt es in einer detaillierten und pointierten Analyse, jenen anderen Prozess sichtbar zu machen, der sich vor Gericht und in den Zeitungen seit Monaten in den Kafka-Streit eingeschrieben hat. Die Frage danach, wem Kafka gehört, hat sich nun mit Butlers Überlegungen erfreulicherweise selbst dekonstruiert.

Judith Butler: „Who Owns Kafka?“. London Review of Books (3 March 2011). Online abrufbar unter www.lrb.co.uk/v33/n05/judith-butler/who-owns-kafka

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