Wissen : Erfolgreich an das Gute appellieren Welche Aufrufe fruchten, hängt von Wortwahl ab

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Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen: Die zehn Gebote prägen die abendländische Ethik. In der Realität scheren wir uns nicht allzu sehr um Gottes Wort. Schummeln bei der Steuererklärung: eine sportliche Herausforderung. Privattelefonate auf Kosten des Arbeitgebers: Was ist schon dabei? Schwarzfahren in der U-Bahn: Es waren ja nur zwei Stationen.

Vielleicht hätte der Herrgott sich Rat einholen sollen, bevor er Moses die Tontafeln überreichte. Denn ob ein Appell befolgt wird oder nicht, hängt enorm von der Formulierung ab. Zu diesem Schluss kommen Psychologen aus England und den USA. Christopher Bryan, Gabrielle Adams und Benoît Monin gaben Versuchspersonen in drei Experimenten die Möglichkeit, gefahrlos zu betrügen. Die Forscher interessierte, ob ein Aufruf sie davon abhält.

In einem der Experimente ging es angeblich um paranormale Phänomene: Die Teilnehmer sollten zehnmal eine Münze werfen und sie dabei per Gedankenkraft so beeinflussen, dass dann „Kopf“ oben lag. Jeder erfolgreiche Wurf wurde mit einem Dollar honoriert. Nach zehn Würfen sollten sie das Ergebnis in ein Online-Formular eintragen. Dabei überwachte sie kein Forscher; sie nahmen am eigenen Rechner teil. Der Gewinn wurde überwiesen. Jeder Teilnehmer konnte also ungestraft schummeln und sich dadurch Geld erschleichen. Auf der Webseite stand aber in großen roten Lettern der Aufruf „Bitte seien Sie kein Betrüger“. Andere Teilnehmer lasen dort den Appell „Bitte betrügen Sie nicht“. Bei einer dritten Gruppe fehlte der Aufruf.

Das Ergebnis: Die Teilnehmer in der „Seien Sie kein Betrüger“-Gruppe meldete im Schnitt fünf Kopf-Würfe – so war es statistisch zu erwarten. Die „Betrügen Sie nicht“-Gruppe gab an, sechsmal Kopf geworfen zu haben. Die Versuchspersonen, an deren Ehrlichkeit nicht appelliert worden war, meldeten ebenfalls im Schnitt sechs Kopf-Würfe.

Der Aufruf „Bitte seien Sie kein Betrüger“ wirkte also. Die Formulierung „Bitte betrügen Sie nicht“ dagegen versagte völlig. Woran liegt das? „Jemand, dem ich nie begegnet bin, bittet mich, nicht zu betrügen: Warum sollte ich mich daran halten?“, schreiben die Autoren. „Der ,Sei kein Betrüger’-Appell verschiebt den Fokus darauf, was der Betrug über sie selbst aussagen würde.“ Hin und wieder mal betrügen? Nicht schlimm. Als Betrüger gelten, eine Gestalt mit zweifelhaftem Charakter? Besser nicht. Frank Luerweg

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