Erinnerung an den Widerstand gegen Hitler : Die Verweigerer

Wer gehörte zum Widerstand gegen Hitler und das nationalsozialistische Regime? 70 Jahre nach dem Attentat vom 20. Juli ist der Streit im Grundsatz entschieden, schreibt der Historiker Wolfgang Benz.

von
In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand scheint Georg Elser auf einer Bildtafel auf den Betrachter zuzugehen.
Hervorgetreten. Lange wurde dem Münchner Hitler-Attentäter Georg Elser die anerkennende Erinnerung verweigert. In der neuen...Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Wer leistete Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft – und warum? Die einen taten es aus politischer oder religiöser Überzeugung, die anderen aus Einsicht in die Natur des Regimes. Deutsche konnten sich aus Entsetzen und Scham über die Verbrechen, die von Staats wegen begangen wurden, auflehnen oder aus Anstand und Mitleid mit den Opfern. Die Erinnerung an den Widerstand war wie die Nationen geteilt: Die Bürger der beiden deutschen Staaten, die auf den Trümmern des Deutschen Reiches und belastet vom nationalsozialistischen Erbe gegründet waren, lebten mit ganz unterschiedlichen Bildern vom Widerstand. Eine komplexe Motivlage also, die auch 70 Jahre nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 noch der Entwirrung bedarf.

Das Recht auf Widerstand gegen das Unrechtsregime zu beschwören, gehörte zwar zum ethischen Fundament der Bonner Staatsgründung, aber nicht zur Erinnerungskultur. Denn es war für viele schwer zu verstehen, die in älteren Traditionen der Pflicht zu Treue und Gefolgschaft, zu unbedingtem Patriotismus lebten. Ihnen gingen Formen über Inhalte, sie hielten den Offizierseid auch gegenüber dem Mordregime für gültig.

Politiker der frühen Bundesrepublik aus der "inneren Emigration"

Die Politiker der Bundesrepublik reklamierten den 20. Juli und die Geschwister Scholl für die Ideale Freiheit und Rechtsstaat, Vaterland und Landesverteidigung. Doch die Schlüsselfrage kam spät auf die Agenda: Wie viel Anteil der Widerstand gegen Hitler intentional am zweiten deutschen Anlauf hatte, Demokratie als parlamentarisches System zu gründen. Die Politiker des Neubeginns in Bonn kamen weder aus dem Widerstand noch aus dem Exil. Sie vertraten die „innere Emigration“ und knüpften an ihr Wirken in der Weimarer Republik an.

Thälmann, Baum und Saefkow der Systemkonkurrenz geopfert

Gleichzeitig wurden im Widerstandsbild der Bundesrepublik wichtige Facetten marginalisiert. Man opferte sie der Systemkonkurrenz zur DDR. Das galt in erster Linie für Kommunisten und linke Sozialisten, aber auch für Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Die DDR wiederum stellte sich dar als moralisch überlegenes Ergebnis kommunistischen Widerstands und dadurch legitimiert. Die Pankower Staatsräson reduzierte den Widerstand kurzerhand auf den einen, staatstragenden Aspekt, der Märtyrer und Heroen brauchte. Sie hießen Ernst Thälmann, Herbert Baum, Anton Saefkow, Franz Jacob oder Georg Schumann. Sie waren aber trotz der Instrumentalisierung durch die SED nicht nur doktrinäre Stalinisten, sondern sie kämpften gegen Hitlers Unrechtsstaat, wenngleich sie andere Utopien hatten als die konservative und bürgerliche Opposition.

Warum kam der Widerstand der Bürgerlichen so spät?

Erinnerung ist nicht statisch, auch die Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist ein lebendiger Prozess. Ein Beispiel ist das Attentat 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, das wegen eines trivialen Zufalls scheiterte. Wegen der Alleintäterschaft Georg Elsers – „ein Mann aus dem Volke“ wollte aus ethischen Erwägungen den Diktator und seine gefährlichsten Helfer töten – stand der Anschlag lange Zeit im Odium des Dubiosen. Die bequeme Version, es sei eine Inszenierung der Nationalsozialisten gewesen, trug auch in der Nachhitlerzeit, weil sie das Nachdenken über den späten Start der Opposition der konservativen Eliten ersparte. Warum brauchten Beamte und Diplomaten, Gelehrte und Bildungsbürger so viel länger, um den Unrechtscharakter des Regimes im Inneren und seine Aggressivität nach außen zu erkennen, als der Schreinergeselle Elser? Warum wurde der Widerstand von Kommunisten und Sozialisten, der schon vor der „Machtergreifung“ einsetzte, von der bürgerlichen Gesellschaft ignoriert? Erst der Brandauer-Film verhalf Elser zur Popularität und Gerechtigkeit.

Stauffenberg: Kein Superheld, wie ihn Tom Cruise verkörperte

Auch über politische und intellektuelle Positionen des Grafen Stauffenberg kann man streiten. In seinem Weltbild hatten elitäre und antidemokratische Elemente Bedeutung, er war Nationalist und sympathisierte lange Zeit mit der Hitlerpartei. Zum Start des Hollywood-Films „Operation Walküre“ wies der britische Historiker Richard J. Evans, ein exzellenter Kenner des Dritten Reiches, ein weiteres Mal darauf hin. Sehr energisch trat ihm Karl Heinz Bohrer, Literaturprofessor und Herausgeber des „Merkur“ entgegen. Er nannte den Differenzierungsversuch ehrabschneiderisch und verleumderisch, naiv und scheinheilig. Dabei war es Evans nur darum gegangen, Stauffenberg nicht als den moralischen Superhelden zu verklären, den der Schauspieler Tom Cruise verkörperte.

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben