Ernährung : Hirse statt Weizen

Trotz Überfluss: Schon heute ernähren sich viele ungesund. Wie sich die Ernährung im Zeichen des Klimawandels ändern könnte.

Adelheid Müller-Lissner

Als Zustand, bei dem „alle Menschen zu jeder Zeit physischen, sozialen und ökonomischen Zugang zu ausreichenden, sicheren und nahrhaften Lebensmitteln haben“, definiert die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eine gesicherte Ernährung. Wir sind hierzulande an diesen angenehmen Zustand gewöhnt, auch wenn er keineswegs selbstverständlich ist.

Neben spürbarem, sichtbarem Hunger, unter dem nach Angaben der FAO 850 Millionen Menschen leiden, bedroht auch der Mangel an Mikronährstoffen Milliarden von Menschen: „Zwei Milliarden Menschen leiden an Eisenmangel, 50 Millionen, vor allem Kinder, sind wegen Mangels an Vitamin A vom Erblinden bedroht“, sagte der Mediziner und Ernährungsphysiologe Hans Konrad Biesalski, von der Uni Hohenheim, in seinem Vortrag im Wissenschaftskolleg zu Berlin, dessen Fellow er zur Zeit ist.

Auch in den entwickelten Ländern seien Risikogruppen wie alte Menschen, Geringverdiener, Kinder, junge und schwangere Frauen oft nicht ausreichend mit Vitaminen, Eisen, Zink, Selen, Jod und Folsäure versorgt. Mit den zwei Euro 57, die einem Hartz-4-Empfänger für ein Kind unter 13 Jahren zur Verfügung stünden, sei das auf Dauer nicht zu schaffen, sagte der Mediziner mit Hinweis auf eine Studie des Instituts für Kinderernährung der Uni Dortmund.

Übergewicht gehe besonders bei Heranwachsenden oft mit einem Mangel an Mikronährstoffen einher, also an denjenigen Nahrungsbestandteilen, die keine Energie liefern, aber ebenfalls lebensnotwendig sind. „Zur Sicherung der täglichen Vitaminzufuhr braucht man fünf bis zehn Hamburger, dann hat man allerdings die Fettmenge für eine ganze Woche zu sich genommen.“ Biesalskis Fazit: „Bereits heute gibt es größere Bevölkerungsgruppen, die sich nicht gesund ernähren können.“

Der Professor aus Hohenheim ist in der ernährungswissenschaftlichen Szene als unaufgeregter, besonnener Wissenschaftler bekannt. Umso mehr lässt aufhorchen, was er zur Ernährungslage kommender Generationen prognostiziert. Zunächst quantitativ: „Mit der Zunahme von Klimagasen wird die Zahl der Hungernden auf der Welt bei gleich bleibendem Bevölkerungswachstum zunehmen.“ Vor allem die Erträge an Mais, Weizen, Reis und Soja drohten durch den Klimawandel zurückzugehen. Afrika sieht Biesalski als den großen Verlierer dieser Entwicklung, während in Großbritannien schon bald der „beste Wein der Welt“ angebaut werden könnte.

Wo heute Weizen wächst, müsse in Zukunft möglicherweise auf den Anbau von Hirse umgestellt werden. „Ob sich die Ernährungsgewohnheiten ebenso umstellen lassen, bleibt die Frage.“ Fisch, den wir als Quelle von Eiweiß, gesunden Fettsäuren und Vitamin D brauchen, werde aufgrund des Temperaturanstiegs und der Überfischung knapp und teuer werden.

Noch viel zu wenig untersucht sei zudem, welchen Einfluss der Klimawandel auf die Qualität der angebauten Getreide, Früchte und Gemüse nehmen werde, speziell auf ihren Gehalt an Mikronährstoffen. Eine Möglichkeit bestehe darin, die Böden kompensatorisch damit anzureichern, wie es etwa in Finnland heute schon mit Selen geschieht.

Werden unsere Nachfahren gezwungen sein, Vitamine und Spurenelemente in Pillenform zu sich zu nehmen? Kurzfristig kann das für bestimmte Bevölkerungsgruppen schon heute ratsam sein. Eine Lösung auf Dauer und für alle ist der Ersatz einzelner Mikronährstoffe nicht, „schon weil es Hunderte anderer Substanzen im Fleisch oder im Gemüse gibt, die dann ebenfalls fehlen“.

Auch wenn Biesalski die Ernährungslage zukünftiger Generationen mit Sorge betrachtet – was unsere Versorgung mit Lebensmitteln hier und heute betrifft, ist er gelassen: „Der Gedanke, dass die Lebensmittel inzwischen durch die Bearbeitung immer schlechter werden, hat sich als nicht richtig erwiesen.“

Mit einer abwechslungsreichen Mischkost, die die empfohlenen 30 Prozent Fett vorwiegend in ungesättigter Form, dazu etwa 15 Prozent Eiweiß und 55 Prozent Kohlenhydrate, 25 Gramm Ballaststoffe und ausreichend Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe enthält, sei man auf der sicheren Seite. Auch ohne alles streng abzuwiegen.

Wichtig sei nämlich, dass die Bilanz „im Mittel“ stimmt. Von Diätformen, die auf die Dauer wesentlich weniger Fett, Eiweiß oder Kohlenhydrate vorsehen – ob sie nun streng vegan sind, Atkins oder Ornish heißen – hält Biesalski jedoch nichts. Eltern, die sich Sorgen machen, weil ihre Sprösslinge eine einseitige „Miracoli“- oder Pizza-Phase durchmachen, kann er beruhigen. Ein junger Organismus wird mit so etwas fertig

Dass die Erwachsenen den Kindern ein vielseitiges Angebot machen, ist trotzdem wichtig. Schon, weil neben den kurzfristigen auch die langfristigen Folgen existieren: „Gesunde Ernährung in den ersten Lebensjahrzehnten ist der Schlüssel zu einem gesunden, langen Leben.“ Mit oder ohne Klimawandel.

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