Erste Frau an der Spitze der Physiker : Johanna Stachel ist Einsteins Erbin

Johanna Stachel, Physikprofessorin in Heidelberg, leitet von heute an die Deutsche Physikalische Gesellschaft. In den 167 Jahre seit der Gründung der Gesellschaft hatten Männer den Posten inne - darunter Albert Einstein und Max Planck.

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Am Teilchenbeschleuniger LHC beim Cern in Genf leitet Stachel einen Forschungsbereich.
Am Teilchenbeschleuniger LHC beim Cern in Genf leitet Stachel einen Forschungsbereich.Foto: picture alliance / dpa

„Ich fühle mich geehrt, dass dieser große Fachverband mir das zutraut und mich als Präsidentin möchte.“ Johanna Stachel wählt keine überschwänglichen Worte, danach gefragt, wie sie sich als erste Frau an der Spitze der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) fühlen wird. Am heutigen 16. April übernimmt sie die Präsidentschaft dieser größten physikalischen Fachgesellschaft der Welt. Das Amt hatten vor ihr schon die berühmtesten Physiker inne, unter ihnen Albert Einstein, Max Planck und Hermann von Helmholtz. „Dass jetzt mal eine Frau an die Reihe kommt, ist eigentlich nicht verwunderlich“, sagt sie, „schließlich ist jedes sechste DPG-Mitglied weiblich, und unter den Physikstudenten haben wir inzwischen 20 Prozent Frauen.“

Johanna Stachel arbeitet als Professorin für Experimentalphysik an der Universität Heidelberg. An der Wand ihres Büros hängen Poster von Physikkongressen, Fotos von Arbeitstreffen – und ein Bild der amerikanischen Komiker Laurel und Hardy, die mit Doktorhüten vor einer Tafel stehen und über kuriosen Formeln brüten. Darauf angesprochen, lacht die Physikerin: „Das ist aus einem meiner Lieblingsfilme, in denen die beiden mitspielen.“ Besonders amüsiert sie sich über die Gleichungen, die die Spaßvögel aufgeschrieben haben: 3+3=9 und 2+2=7.

Johanna Stachel, DPG-Präsidentin.
Johanna Stachel, DPG-Präsidentin.Foto: Promo

Sie selbst befasst sich mit Formeln, die weit schwerer zu überblicken sind. Als Teilchenphysikerin berechnet sie, was bei energiereichen Zusammenstößen von Atomkernen passiert. Bei solchen Kollisionen zersplittern die Teilchen in ihre elementaren Bestandteile und lösen sich in einer extrem heißen und dichten Wolke auf, dem Quark-Gluon-Plasma. „Das ist ein Zustand, in dem die elementaren Bausteine der Materie frei existieren – ein Aggregatzustand, in dem sich das frühe Universum befunden hat“, erläutert Stachel. „Wir wollen ihn wieder herstellen, indem wir die Quarks und Gluonen aus den Kernen befreien und schauen, wie sie sich verhalten.“

Hierfür forscht die Physikerin zusammen mit tausenden anderen Wissenschaftlern am europäischen Ringbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider), dem leistungsfähigsten Teilchenbeschleuniger der Welt. Er bringt Atomkerne auf beinahe Lichtgeschwindigkeit und lässt sie dann zusammenstoßen. Aus dem Quark-Gluon-Plasma, das dabei entsteht, gehen tausende neue Teilchen hervor, die in alle Richtungen davonfliegen. Riesige Messgeräte, Detektoren, verfolgen die Flugbahn der neuen Teilchen und messen ihre Eigenschaften. Aus den Daten, die sie ermitteln, kann man auf das Geschehen in der Kollisionszone zurückschließen. Für eines dieser Geräte, den Detektor „Alice“, ist Stachel mitverantwortlich; sie leitet den gleichnamigen Schwerpunkt des Bundesforschungsministeriums am LHC. Im Alice-Detektor werden Bleikerne zur Kollision gebracht. Diese sind besonders energiereich und daher gut geeignet, um Quark-Gluon-Plasmen zu untersuchen.

Johanna Stachel wurde 1954 in München geboren. Ihr Vater war katholischer Theologe. Ihr Interesse an den Naturwissenschaften entdeckte sie in der Schule, als sie das Buch „Die Doppelhelix“ des Biochemikers James Watson las. „Diese Forschungsatmosphäre, die das Buch beschreibt, dass man einem Problem nachjagt, bis man es geknackt hat – damit konnte ich mich sofort identifizieren und habe gesagt, genau das will ich machen.“

Sie entschied sich für ein Chemiestudium, kam aber während der Diplomarbeit mit Physik in Berührung. „Das Herstellen von chemischen Substanzen empfand ich immer ein wenig als Glückssache“, beschreibt Stachel, „die Physik erschien mir klarer und ich hatte das Gefühl, dass sie ein grundlegendes Verständnis der Natur vermittelt.“ Sie schloss ein Physikstudium an und wurde 1982 an der Universität Mainz promoviert. Ein Jahr später ging sie an die Universität Stony Brook im US-Bundesstaat New York, damals mit drei Nobelpreisträgern eine renommierte Physikhochschule. Dort forschte sie 13 Jahre lang und stieg zur Professorin auf. 1996 konnte die Universität Heidelberg sie zurückholen.

Was möchte Johanna Stachel als DPG-Präsidentin bewegen? Zwei Dinge erachtet sie als besonders wichtig. Erstens möchte sie die Bedeutung der physikalischen Grundlagenforschung klarmachen – wofür wir Grundlagenforschung brauchen und warum wir sie uns leisten sollen. Zweitens möchte sie sich der Physikausbildung widmen, vor allem dem Unterricht in der Schule und der Lehrerfortbildung. „Wenn wir den Nachwuchs an Physikern sicherstellen wollen, müssen wir die Schüler begeistern“, sagt sie. „Die Schwierigkeit ist, dass durch die Kultushoheit es jedem Bundesland freisteht, darüber zu bestimmen, was an den Schulen unterrichtet wird.“ Hier möchte sie versuchen, auf gemeinsame Standards der Bundesländer hinzuarbeiten.

Dass die Physik eine Männerdomäne sei, dem stimmt sie nicht zu. „Ich glaube nicht, dass Frauen fachlich weniger begabt oder sonst wie benachteiligt sind – im Gegenteil, sie fallen eher auf und erfahren mehr Aufmerksamkeit, was ein Vorteil ist.“ Dass der Anteil der Frauen trotz starken Zuwachses weit unter dem der Männer liegt, sieht sie vor allem in strukturellen Problemen begründet.

„Wir machen es in Deutschland immer noch nicht leicht, Beruf und Familie zu vereinbaren“, sagt sie. „Hinzu kommt, dass die jungen Leute an den Hochschulen lange in unsicheren Verhältnissen arbeiten müssen und ihre Karriere erst spät planen können.“ All dies wirke sich auf die Attraktivität des Berufs aus. „Darüber hinaus sind Rollenmodelle wichtig“, setzt Stachel hinzu. „Da hilft es natürlich, wenn durch meine Anwesenheit als DPG-Präsidentin für junge Frauen sichtbar wird, dass sie es in der Physik genauso zu etwas bringen können wie ihre männliche Kollegen.“

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