Erste Hilfe : Abschied von der Atemspende

Es liegt in deiner Hand: In den USA setzt man bei der Wiederbelebung durch Laien weitgehend auf die Herzmassage - und verzichtet auf die Mund-zu-Mundbeatmung. Europa zögert noch, diese Empfehlungen bei der ersten Hilfe umzusetzen.

von
Foto: (c) GEOFF TOMPKINSON / SPL / Age

Morgens an einer Tankstelle in Idar-Oberstein. Ein Mann hat getankt, bezahlt und geht zurück zu seinem Auto. Kurz davor bricht er bewusstlos zusammen. Zwei Männer und eine Frau eilen zu Hilfe. Aber sie sind ratlos. Was tun? Stabile Seitenlage? Was ist mit dem Puls? Wiederbeleben? Etwa Mund-zu-Mund-Beatmung? Sie diskutieren. Zur gleichen Zeit fährt die Krankenschwester Christine Schwarz (Name geändert) von der Nachtschicht nach Hause, freut sich auf das Frühstück mit ihrem Mann. Von der Straße aus registriert sie die Situation, eilt zu Hilfe und beginnt mit der Herzdruckmassage.

Kurz überlegt sie zunächst, auch zu beatmen. Aber Christine Schwarz lässt den Gedanken wieder fallen. Nicht nur, weil die Vorstellung unangenehm ist. Sondern auch, weil sie in einer Fortbildung in ihrer Klinik gehört hat, dass man meist auf die Mund-zu-Mund-Beatmung verzichten kann. Sie fährt mit der Herzmassage fort. Nach acht Minuten trifft der Notarzt ein, er verabreicht dem Bewusstlosen Stromschläge mit dem Defibrillator. Der Mann schlägt die Augen auf. Christine Schwarz hat ihm das Leben gerettet. Mal eben vor dem Frühstück.

Der Herzspezialist Hermann Klein erzählt diese wahre Geschichte nicht ohne Genugtuung und Stolz. Weil die Krankenschwester in seiner Klinik arbeitet. Vor allem aber, weil er dafür eintritt, dass mehr Menschen den Mut finden, andere wiederzubeleben. In zwei von drei Fällen wird ein Kreislaufzusammenbruch beobachtet. Doch nur in jedem dritten bis vierten Fall helfen die Zeugen. Meist wird jemand, der plötzlich bewusstlos wird, nicht angerührt. Er wird seinem Schicksal überlassen und das heißt: dem Tod.

Die Ursache für den Kollaps ist sehr häufig ein Herzstillstand oder ein feines Flimmern der Herzkammern. Die Folge ist in den beiden Fällen das Gleiche: Herztod. Wenn nicht in wenigen Minuten geholfen wird, ist der Bewusstlose verloren. Groß sind die Chancen nicht. Von 100 000 Menschen mit HerzKreislauf-Stillstand in Deutschland überleben nur zehn Prozent. Das ist international gesehen noch nicht mal schlecht.

Nach der bislang geltenden reinen Lehre der Wiederbelebung, wie sie etwa in Führerscheinkursen unterrichtet wird, muss im Fall eines Kreislaufstillstands sowohl die Herzdruckmassage als auch die Mund-zu-Mund-Beatmung erfolgen, und zwar im Verhältnis 30 zu zwei. Aber über Sinn und Unsinn dieser Maßnahme ist ein Streit entbrannt. Herzspezialisten wie Hermann Klein glauben, dass die Atemspende eher von Übel ist. Sie ist nicht einfach, kostet Zeit und schreckt vermutlich viele Ersthelfer davon ab, bei einem Bewusstlosen Hand anzulegen. Die drei Hauptgründe, nicht zu helfen, sind nach einer Berliner Umfrage Panik, die Angst zu schaden und Ekel.

Klein plädiert dafür, die Wiederbelebung durch den Laien zu vereinfachen. Das heißt: Ein tief Bewusstloser (keine regelmäßige Atmung) bekommt zunächst ausschließlich eine Herzdruckmassage (siehe Infokasten). „Es muss Blut fließen“, erläutert Klein das Prinzip. Der von außen angeregte Kreislauf drückt das Blut dorthin, wo es dringend gebraucht wird: ins Gehirn. Das Blut enthält noch für etliche Minuten genug Sauerstoff, argumentiert Klein und weist auf das Beispiel der acht-Minuten-Rettung in Idar-Oberstein hin. Bloß keine Zeit mit der Atemspende verlieren, lautet das Motto.

Dass Menschen nach einem Kreislaufstillstand überhaupt wiederbelebt werden können – diese Idee ist erst ein halbes Jahrhundert alt. Bis dahin war der Herztod auch der Tod des Menschen. Unwiderruflich. Die Idee, einen eigentlich Toten zurückzuholen, entwickelte sich allmählich und nahm mit der Entwicklung der Intensivmedizin Gestalt an.

1960 veröffentlichten amerikanische Ärzte eine Studie, in der sie erstmals dokumentierten, wie 14 Patienten mit Herzstillstand durch eine Herzdruckmassage überlebten. Das war die Geburtsstunde der modernen Wiederbelebung. Zwei Jahre später hatte der Defibrillator Premiere, ein Gerät, das mit Elektroschocks ein flimmerndes Herz wieder zu einem normalen Herzschlag bringen kann. Bis heute sind Herzdruckmassage und Defibrillator die entscheidenden Hilfsmittel, damit Menschen einen Herzstillstand überleben. Mehr noch: sie sind wichtiger denn je.

Alle fünf Jahre werden die Empfehlungen für lebensrettende Sofortmaßnahmen in einem komplexen Verfahren international beraten. 2010 war es wieder so weit. Federführend ist das International Liaison Committee on Resuscitation, kurz Ilcor, eine Art Vatikan der Notfallmedizin. 356 Experten für Wiederbelebung aus 29 Ländern bewerteten und diskutierten in einem langwierigen, 36-monatigen Prozess den Stand der Forschung, um am Ende zu neuen Empfehlungen zu gelangen. Umgesetzt werden sie von regionalen Organisationen, gewissermaßen den Bischofskonferenzen. Erstaunlich nur, wie unterschiedlich Amerika und Europa die „Heilige Schrift“ des Ilcor auslegen.

In den USA obliegt die Umsetzung der Ilcor-Vorgaben der American Heart Association. Und die entschied sich zu einer kleinen Revolution. Die bisherige Merkregel A-B-C (für: Airway, Atemwege freimachen; Breathing, Beatmen; Chest compressions, Herzdruckmassage) wurde durch C-A-B ersetzt. Jetzt steht die Herzmassage klar im Vordergrund, kein zeitraubender und komplizierter Beatmungsversuch verzögert den lebensrettenden Bluttransport ins Gehirn per Druck aufs Brustbein, kein Gedanke an Körperkontakt mit einem Beinah-Toten hält von der Hilfe ab. Klingt nach wenig, bedeutet aber viel. Den Spezialisten von „American Heart“ ist klar, dass nun von Millionen Menschen umgelernt werden muss.

Damit sich das besser einprägt, starteten die Herzspezialisten die „Hands only“-Kampagne. Sie setzt auf zwei Dinge: Zunächst den Rettungsdienst alarmieren und dann die Herzdruckmassage beginnen. Einfacher und zupackender geht’s nicht. Was man alles mit seinen Händen kann, demonstriert in einem Youtube-Video ein Mann, der auf Händen durch die Stadt läuft. Auch eine Hands-only-App fürs Handy gibt es.

Ganz anders die Europäer. Hier sind es vor allem die Narkoseärzte, die im Europäischen Wiederbelebungs-Rat ERC das Sagen haben und die Ilcor-Beschlüsse in Leitlinien umsetzen. Vielleicht ist die Dominanz dieser Atemwegsspezialisten ein Grund dafür, dass man in der alten Welt zäh daran festhält, den Laien das Beatmen von Leblosen zu empfehlen.

Zwar lautet auch in Europa das Motto nun „Hauptsache heftige Herzmassage“, wie ERC-Chef Bernd Böttiger hervorhebt, Narkosearzt an der Kölner Uniklinik. Böttiger ist überzeugt, dass durch die neuen ERC-Leitlinien jedes Jahr 100 000 Europäer mehr gerettet werden könnten. Aber die Laien-Lebensrettung ausschließlich mit der Herzmassage wird als Wiederbelebung zweiter Klasse dargestellt. Die auf Herzdruckmassage beschränkte Wiederbelebung „ist besser als keine“, heißt es abwertend in den Leitlinien. „Nur wenn Laien nicht beatmen können oder nicht beatmen wollen“, sollten sie sich auf die Herzmassage beschränken. „Es ist gefährlich zu sagen, dass das Drücken auf den Brustkorb ausreicht“, sagt Böttiger. „Das stimmt manchmal, oft nicht.“

Alles beim Alten – das erfüllte nicht zuletzt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit Genugtuung. Allein das DRK schult jedes Jahr 1,2 Million Personen in Erster Hilfe inklusive Wiederbelebung. Ein Umdenken hätte eine Menge Aufwand und Kosten, etwa durch das Umschreiben von Schulungsmaterial, verursacht. „Herzdruckmassagen am besten mit Atemspende“ lautete das Motto der Pressemitteilung, die das DRK nach Bekanntwerden der ERC-Leitlinien herumschickte.

Wie kann es sein, dass Europäer und Amerikaner zu so unterschiedlichen Schlüssen kommen? Einig ist man sich, dass die rechtzeitige Herzmassage von herausragender Bedeutung für das Überleben ist. Ersthelfer, die wegen einer Wiederbelebung bei der Feuerwehr um Rat fragen, werden lediglich über die Herzmassage informiert.

Aber wie wichtig ist die Atemspende? Die Sauerstoffvorräte im Blut halten acht Minuten, behauptet die Deutsche Herzstiftung, die sich auf die Seite der Amerikaner geschlagen hat. Erst nach dieser Zeit wäre also eine Atemspende erforderlich – allerdings sind dann die Rettungskräfte meist schon vor Ort. Der ERC hält dagegen, dass laut Studien die Sauerstoffreserven in den Schlagadern schon nach zwei bis vier Minuten erschöpft seien.

Dieses Argument überzeugt den Herzspezialisten Dietrich Andresen vom Berliner Vivantes-Klinikum nicht. „Es kommt darauf an, die Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr zu überbrücken und die Gehirnzellen nicht sterben zu lassen“, sagt er. „Das ist wie bei einer Pflanze, bei der ein paar Tropfen Wasser reichen, um eine Trockenzeit zu überleben.“ Auch wenn nur noch wenig Sauerstoff in den Adern ist, kann das wenige genügen. Andresens Kollege Klein weist auf Apnoe-Taucher hin, die zehn Minuten unter Wasser bleiben.

Natürlich, im Labor lässt sich die Wiederbelebung durch Laien nicht simulieren. Trotzdem gibt es mehrere Studien zu der Frage, wie die alleinige Herzmassage im Vergleich zur Herz-Lungen-Wiederbelebung durch Laien abschneidet. Überwiegend finden sich leichte Vorteile für alleinige Herzmassage. Aber nicht nur.

Anfang des Jahres erschien eine japanische Studie, in der alle Fälle von Reanimation durch Laien von 2005 bis 2007 ausgewertet wurden. Ergebnis: die herkömmliche Wiederbelebung mit Atemspende schnitt besser ab. Allerdings war der Vorteil nur in zwei Gruppen eindeutig, bei jungen Menschen und bei Personen, die erst sieben Minuten oder noch später nach ihrem Zusammenbruch wiederbelebt wurden und schon einen starken Sauerstoffmangel hatten. Bei Kindern und Jugendlichen stehen Probleme der Atemwege (Ertrinken, Drogenmissbrauch, Ersticken) im Vordergrund, deshalb nützt ihnen die Beatmung besonders.

Ganz vorn bei der Herzmassage ist Arizona. 2005 startete der US-Bundesstaat ein Programm, das völlig auf die Herzmassage setzt – weil sie „leichter zu lehren, zu lernen, zu erinnern und auszuführen ist“, wie die pragmatischen Amerikaner meinen. Der Erfolg gibt ihnen recht. 2010 stellten die Mediziner fest, dass statt bisher 30 nun 40 Prozent der Laien wiederbelebten. Drei von vier wandten ausschließlich Herzmassage an. Auch die Ergebnisse sprachen für das vereinfachte Vorgehen. Überlebte 2005 nur jeder 30. einen Herzstillstand außerhalb der Klinik, war es 2009 schon jeder zehnte, berichteten die Ärzte im Fachblatt „Jama“.

Aber der ERC-Chef Böttiger ist nicht überzeugt. Die Arizona-Studie sei „Propaganda“. Auch wenn man den Amerikanern das unterstellt – wer die in den USA wie in Europa beschämend niedrige Bereitschaft zur Wiederbelebung durch Laien erhöhen will, braucht wohl auch Propaganda. Spätestens 2015 wird sich zeigen, wer die richtigen Empfehlungen gegeben hat. Dann werden die Leitlinien von Neuem beraten.

11 Kommentare

Neuester Kommentar