Ertrinkungsunfälle : Kalkulierte Kühle gegen Hirnschäden

Auch nach Beinahe-Ertrinken droht Kindern Gefahr. Eine niedrige Körpertemperatur kann helfen, Folgeschäden für Gehirn und Nervensystem zu verhindern.

Adelheid Müller-Lissner

Nur wenige Minuten haben die Erwachsenen den knapp zweijährigen Jungen im Garten der Großeltern aus den Augen gelassen. Dann ging alles ganz schnell: Das Kind fiel in den Pool, der große Bruder rettete es aus dem Pool, die Familie rief den Notarzt und begann mit der Wiederbelebung. Nach 20 Minuten traf der kleine Patient per Hubschrauber in der Berliner Uniklinik Charité ein. Noch während des Transports war mit der maschinellen Beatmung begonnen worden. Und das Team traf noch eine weitere Maßnahme: Mit einer Kühlmatte wurde die Körpertemperatur des Unfallopfers auf unter 34 Grad Celsius gedrosselt.

Das erstaunt zunächst, liegt doch eine der großen Gefahren des Sturzes in kaltes Wasser gerade im Auskühlen. Bei Kindern passiert das noch leichter als bei Erwachsenen. Denn sie haben, im Verhältnis zum Gewicht, eine große Körperoberfläche. Weil eine solche Unterkühlung zu Störungen des Herzschlags führen kann, ist es ratsam, die nasse Kleidung sofort auszuziehen. Vor allem nach Unfällen im Winter kann Kälte lebensgefährlich sein.

Dass es umgekehrt aber auch von Nachteil sein kann, die „Betriebstemperatur“ zu schnell wieder hochzufahren, war eines der Themen beim Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin, zu dem sich in der letzten Woche rund 3500 Teilnehmer im Berliner Congress-Centrum am Alexanderplatz trafen. Die niedrige Körpertemperatur bietet nämlich Schutz für die Hirnfunktionen, die durch die Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr in Gefahr sind. Bei Kälte braucht das Gehirn weniger Sauerstoff und ist deshalb besser vor solchen Schäden geschützt. „Die Erwärmung sollte zunächst nicht über 34 Grad hinausgehen“, sagte der Charité-Kinder-Intensivmediziner Alexander Gratopp.

Studien haben gezeigt, dass dieses Konzept hilft, Folgeschäden für Gehirn und Nervensystem zu verhindern – und das auch nach anderen Unfällen. Für besonderes Aufsehen sorgte dabei eine große Studie des kanadischen Mediziners Jamie Hutchison, die vor kurzem im Juni im „New England Journal of Medicine“ erschien: Dort wurde bestätigt, dass sich Kinder nach schweren Schädel-Hirn-Verletzungen besser erholen, wenn ihre Körperkerntemperatur für mindestens 24 Stunden auf 32,5 Grad gesenkt wird.

Inzwischen wird diese Behandlung nach schweren Ertrinkungsunfällen an der Charité sogar auf einige Tage ausgedehnt. „Wir kühlen nicht mehr so tief und geben den Kindern in dieser Zeit eine spezielle Form der Narkose, die die empfindlichen Nervenzellen schützt“, sagte Charité-Intensivmedizinerin Hannelore Ringe. Außerdem wird das Gehirn des Kindes immer wieder per Ultraschall überwacht.

Ertrinken ist für Kinder, nach Verkehrsunfällen, die zweithäufigste tödliche Unfallform. Laut Statistischem Bundesamt hat die Zahl der Opfer seit dem Jahr 2000 stetig abgenommen. „Die Präventionsmaßnahmen wirken anscheinend“, folgerte Gratopp. Neben den ganz Kleinen, die noch nicht schwimmen können, vom Wasser trotzdem magisch angezogen werden und wegen ihres großen Kopfes schnell fallen, wenn sie sich nach vorne beugen, sind die Teenager besonders gefährdet. Sie ertrinken typischerweise, wenn sie nach einem Saufgelage nicht mehr Herr ihrer Sinne sind.

Vier von fünf Kindern überleben einen solchen Unfall, jedes zehnte allerdings mit erheblichen Hirnschäden. Am schwersten betroffen sind die vier Prozent der Kinder, die nach dem Unfall ein Apallisches Syndrom bekommen und ins Wachkoma fallen. Bei rund einem Drittel derjenigen, die lebend aus dem Wasser geborgen werden können, ist anschließend eine Wiederbelebung nötig, zehn Prozent leiden unter akuter Unterkühlung.

Die Notfallmediziner plädieren dafür, alle Beinahe-Ertrinkungsopfer mindestens 24 Stunden in der Klinik überwachen zu lassen, auch wenn es zunächst so aussieht, als sei alles glimpflich abgegangen. Denn noch Stunden nach dem Unfall droht als weitere Gefahr die Aspirationspneumonie. Diese Form der Lungenentzündung entsteht, wenn Mageninhalt oder auch mit Keinem verseuchtes Wasser eingeatmet wird und in die Lunge gerät. Vom Versuch, das Kind gleich nach der Rettung zu schütteln, um in Lunge und Magen gelangtes Wasser aus dem Körper zu entfernen, raten die Ärzte jedoch ab. „Dadurch geht wertvolle Zeit verloren“, warnt Hannelore Ringe.

Dagegen sollten die umstehenden Erwachsenen bei einem Atemstillstand beherzt mit der Mund-zu-Nase-Beatmung beginnen und wenn nötig auch eine Herzdruckmassage machen. „Die gute Wiederbelebung durch Laien ist für das Ergebnis ganz entscheidend“, sagte Gratopp. Für die Frage, ob das lebend aus dem Wasser geborgene Kind durchkommen und vor Folgeschäden bewahrt bleiben wird, ist aber ganz maßgeblich, wie viel Zeit es unter Wasser verbracht hat.

Für die Eltern ist es eine schwere Zeit. Sie leiden meist unter starken Schuldgefühlen und werfen sich vor, dass sie ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt haben. Für wenige Minuten, die über das Leben eines Kleinkindes entscheiden können.

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