Erziehung : Schon Sechsjährige verhandeln über das Taschengeld

Kinder werden heute früher selbständig. In vielen Fragen dürfen sie zu Hause mitreden. Die meisten sind mit ihren Eltern zufrieden

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Gemeinsam im Freien. Zeit sollen Eltern für sie haben, wünschen sich Kinder. Foto: ddp
Gemeinsam im Freien. Zeit sollen Eltern für sie haben, wünschen sich Kinder. Foto: ddpFoto: ddp

Die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt von Konflikten zwischen den Generationen. Zu Beginn stellten Studenten die autoritären Erziehungsmethoden infrage. In der Studentenrevolte hinterfragten sie die Rolle der Eltern und Großeltern während der Hitler-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs. Bis in die Schulen breitete sich der Protest aus.

Seit den 1990er Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern weitgehend normalisiert. Jugendliche aus der Mittelschicht sagen heute zu 67 Prozent, dass sie mit ihren Eltern gut auskommen. Wenn man die Jugendlichen fragt, wie sie ihre Kinder erziehen wollen, antworten die meisten: genauso, wie sie selbst erzogen sind. Die Familie ist zu dem Ort geworden, an dem die Belastungen der Kinder ausbalanciert werden. Diese Bilanz aus der Forschung zog das Deutsche Jugendinstitut kürzlich bei einer Tagung in Berlin.

Sabine Andresen, Professorin für Familienforschung in Frankfurt am Main, hat sich bei ihren Recherchen in Deutschland an amerikanischen Vorbildern orientiert. 2500 Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren wurden bei den World Vision Studies befragt. Leitmotiv war die Frage, wie Kinder heute ihren Alltag erleben. Das Ergebnis frappiert: Das Aushandeln zwischen Kindern und Eltern über Fernsehkonsum, Kleidung oder die Höhe des Taschengelds beginnt heute schon bei Sechsjährigen. Seit den 1970er Jahren galt dieses Aushandeln eher als typisch für die Pubertät.

Was erwarten Kinder von einem guten Leben? Kinder wünschen mehr Autonomie beim Zeitbudget. Vor allem beim Medienkonsum fordern sie mehr selbstbestimmte Zeit, während ihre Eltern die Zeit vor dem Fernseher oder bei Computerspielen einschränken wollen. Ganz zentral ist auch der Wunsch der Kinder, dass die Eltern Zeit für sie haben sollen, präsent sind und zuhören. 78 Prozent der Kinder fühlen sich bei einer Mischung von Autonomie und elterlicher Fürsorge wohl. Kinder alleinerziehender Eltern beklagen sich sich allerdings häufig über Zeitmangel. Das betrifft immerhin 40 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen.

In welchen Bereichen dürfen Kinder im Alltag mitbestimmen? 80 Prozent sind es bei der Gestaltung der Freizeit, 77 Prozent bei der Auswahl der Kleidung und 73 Prozent bei der Höhe des Taschengeldes. Ganz anders sieht es aus, wenn es darum geht, wie viele Freunde die Kinder nach Hause mitbringen dürfen. Hier dürfen nur 42 Prozent der Kinder mitreden. Insgesamt beobachtet Sabine Andresen ein erstaunliches Wohlbefinden der Sechs- bis Elfjährigen.

Natürlich wird es für Familien schwierig, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinen. Die Zeit der ersten Schwangerschaft verschiebt sich immer mehr von Ende zwanzig auf Anfang dreißig. Wenn beide Eltern keinen Karriereknick in Kauf nehmen wollen, wird die Rolle der Großeltern für die Betreuung der Kinder entscheidend, soweit sie in der Nähe leben. Wichtig ist dabei eine weitgehende Übereinstimmung über Erziehungsziele und Methoden. Sonst würden überwiegend streng erzogene Großeltern mit der Elterngeneration zusammenprallen, wie Sabine Walper von der Universität München erklärte.

Bleibt die herausragende Bedeutung der Peer-Groups für Wohlbefinden und Freizeitorientierung der Jugendlichen, über die Christian Lüders vom Deutschen Jugendinstitut sprach. Für Jugendliche sind überschaubare Gruppen, in denen sich alle kennen und die ein festes Milieu bilden, fast so wichtig wie Schule und Familie. Die Peers suchen in diesen Gruppen Gegenwelten, messen ihre Kräfte miteinander oder chillen gemeinsam.

Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim forderte mehr Verständnis: „Die Jugendlichen werden vom erfolgreichen Ende bewertet, wonach sie im Beruf Karriere machen sollen. Für sie ist dieses Ende aber noch verschwommen.“ Uwe Schlicht

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