Erziehungsstudie : King Kongs Macht

Die Fantasie von Jugendlichen wird stark von dem geprägt, was sie in modernen Medien zu sehen bekommen. Während Jungs häufig Gewaltszenen in ihre Fantasiewelt einfließen lassen, neigen Mädchen zu den romantischen Bildern der Seifenopern.

Walter Schmidt

Das ist das Ergebnis einer Studie des Bonner Erziehungswissenschaftlers Volker Ladenthin. In seinem Versuch ließ er Schüler ein traditionelles Märchen beenden, für das er nur den Anfang vorgab: die Geschichte von der „Königstochter im Zauberschloss“, in dem eine Prinzessin von einer Hexe gefangen genommen wird. 125 Schülerinnen und 155 Schüler der Klassenstufen 7 und 8 sowohl von Gymnasien als auch Realschulen nahmen teil.

Vor allem die Jungen erfanden oft sehr gewalttätige Märchenschlüsse, die viel darüber verrieten, was sie aus entsprechenden Filmen und Computerspielen in ihre Fantasiewelt übernommen hatten. Die Mädchen hingegen ließen ihre Märchen zwar in aller Regel gewaltfrei enden, entlehnten dabei aber gerne Bilder und Lösungen, die ihnen höchstwahrscheinlich aus romantischen TV-Seifenopern bekannt sind.

„Unsere Studie zeigt in der Tat, wie sehr Medienbilder die Phantasie von Kindern besetzen“, urteilt Volker Ladenthin. Schon seit längerem ist bekannt, dass Jungen viel häufiger als Mädchen Gewaltfilme oder drastische Computerspiele konsumieren. Auch das Bonner Experiment hat das zutage gefördert.

Die Schüler ließen ihre Märchen oft in Blutorgien enden: King-Kong trampelt die Königstochter nieder oder die Amerikaner werfen zum Lösen des Problems eine Atombombe. Gefochten wurde mit Messern, Schnellfeuergewehren oder Präzisionswaffen, und Verona Feldbusch durfte als Autofahrerin kaltblütig die Hauptfiguren des Märchens überrollen. Die Schülerinnen hingegen kamen in ihren Schilderungen meist ohne Gewalt aus.

Besonders bewegt haben Volker Ladenthin jene Märchenschlüsse, „die das Ziel – die Befreiung der Prinzessin – aus den Augen verloren hatten und nur noch eine Orgie von Gewalt darstellten“. Bei ihnen werde „Gewalt zum Selbstzweck“. Allerdings haben nicht nur die Mädchen in ihren Schilderungen auf Brutalität verzichtet. Auch manche Jungen hätten „auf klassische Märchenmotive, Zauber, List und Mut zurückgegriffen“, sagt Ladenthin. Nachdem diese Jungen erkannt hatten, dass die Hexe im Märchen Zauberkraft besaß, wollten die Autoren einen Weg finden, ihr diese zu rauben.

Die Studie „kann und will nicht die Ursachen von konkreten Gewaltverbrechen jugendlicher Täter erklären“, betont die Bonner Medienwissenschaftlerin Jessica von Wülfing zwar. Doch das Experiment zeige immerhin, wie sehr Bilder aus den Medien die Vorstellungswelt Heranwachsender prägen. Der Projektinitiator Ladenthin hält das für eine „gefährliche Entwicklung“, denn in der Jugend lernten Menschen „das Vokabular, mit dem man die Welt begreift“.

Fehlen darin bestimmte Begriffe, zum Beispiel Mitgefühl, Liebe, aber auch Mitleid oder Schuld, führe das zu Defiziten in der Wahrnehmung und „in letzter Konsequenz auch im eigenen Verhalten“. Leider könne man in Horrorfilmen und Ballerspielen vieles lernen, aber kaum Mitgefühl.

„Die Medien drängen sich mit Bildern in die kindliche, sich erst entwickelnde Fantasie“, sagt der Erziehungswissenschaftler. Dies könne man eine gewisse Zeit lang zu verhindern oder zu verzögern suchen. Wichtiger aber sei es, „wertvolle Bilder rechtzeitig und als Alternative zur Verfügung zu stellen, so dass die Kinder eine lebbare, bedeutsame Alternative haben, wenn sie ihre Wünsche und Vorstellungen artikulieren“.

Gerade die Eltern sollten solche „Gegenbilder anbieten, starke, überzeugende, die Wirklichkeit aufschließende Bilder, Metaphern und Geschichten“. Volker Ladenthin rät Lehrern dazu, den Märchen-Test selbst in ihren Klassen zu wiederholen. Wenn sich auch dabei herausstellen sollte, dass die Jungen sich schon in frühen Jahren als Drehbuchschreiber für Brutalo-Filme eignen, bleibe ein kleiner Trost. Es sei „nicht auszuschließen, dass die Schüler sich bei ihren Antworten durch eine besonders blutige Geschichte vor ihren Klassenkameraden profilieren wollten“.

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