Wissen : „Es darf keine Geschenke geben“

Unisteuer und Aufnahmetests für Gymnasien: Schüler wollen radikale Reformen

Tina Rohowski

Der Unterricht findet in sechseckigen Klassenräumen statt, Gymnasien bitten zum Aufnahmetest und alle Akademiker zahlen eine Universitätssteuer. So sähe das deutsche Bildungswesen aus, wenn Schüler es nach ihren Wünschen umgestalten könnten. Die Ideen stammen von Finalteilnehmern eines bundesweiten Wettbewerbs der Stiftung Lesen. Sie durften ihre Konzepte in der vergangenen Woche vor einer Jury in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften präsentieren. Maria-Patricia Geffert, 19, die schließlich zur Siegerin der Finalrunde gekürt wurde, setzte in ihrem Reformentwurf vor allem auf den Umbau der Schulgebäude: „Pädagogik hat sehr viel mit Architektur zu tun“, sagte die Potsdamer Schülerin in ihrem Vortrag, für den sie ein Modell ihrer Idealschule mit sechseckigen Klassenzimmern gebastelt hatte. Der große Klassentisch in der Mitte bewirke bessere Lernergebnisse: „Niemand sitzt hinten und kriegt weniger mit.“

Ginge es nach Maria-Patricia würden außerdem flächendeckend Studiengebühren eingeführt, da sie „das Niveau der Hochschulen heben würden“. Zugleich sind in ihrem Modell zinsfreie Studienkredite und mehr Stipendien vorgesehen. Alle Bundesbürger müssten eine „Bildungspauschale“ zahlen, deren Höhe sich nach dem Einkommen richtet. Gymnasien möchte Maria-Patricia abschaffen: „Es wird zu früh sortiert. Vor der Pubertät kann keiner sagen, wie sich ein Kind entwickelt.“ Daher fordere sie „eine allgemeine Schule für alle“, die ganztätig geöffnet sei. Nachmittags könnten Eltern, Senioren und Arbeitslose aushelfen.

Das Konzept habe aufgrund der kreativen Ideen und der anschaulichen Präsentation gewonnen, sagt Christoph Schäfer, Jurymitglied und Sprecher der Stiftung. Auch die anderen Bewerber hätten „außerordentliche Sachkompetenz“ bewiesen, lobten die Juroren. Die besten Teilnehmer erhalten nun Bildungsgutscheine im Wert von mehreren tausend Euro.

Robin Schröder und Jan Porschen, Schüler des Berliner Hans-Carossa-Gymnasiums, belegten mit ihrem Konzept „Der regulierte Hochschulmarkt“ den zweiten Platz. Sie schlagen vor, die Mittelverteilung für Hochschulen stärker an Evaluationen zu binden. Jede Uni müsse sich selbst Noten geben und werde zudem von einer Gutachtergruppe besucht. In gemeinsamer Diskussion entstünde ein Bericht, der über finanzielle Zuwendungen entscheide. Überdies würden die beiden Gymnasiasten das Bafög abschaffen. Jeder solle sein Studium durch Kredite, Stipendien oder „Bildungssparen“ finanzieren. „Es darf keine Geschenke geben“, sagte Jan Porschen in der Präsentation.

Das drittplatzierte Team eines Mainzer Gymnasiums forderte die Fusion von Real-, Gesamt- und Hauptschulen zur „Integrierten Realschule“, die die „Masse“ ausbilde. Das Abitur müsse aufgewertet werden: „Gymnasien sollen stärker selektieren dürfen“, hieß es. Nur 20 Prozent eines Jahrganges dürften ein Gymnasium besuchen. Dafür sorge ein „strikter Aufnahmetest“, der Lernbereitschaft und soziale Kompetenz prüfe. Andere Finalisten forderten die Zuständigkeit des Bundes in Bildungsfragen, von Unternehmen gesponserte Hochschulen oder eine Universitätssteuer, die alle Akademiker bis zur Rente zahlen müssten. Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, versicherte, er werde „die Konzepte den Landesministern vorstellen“. Allerdings könne er „nicht garantieren, dass das auch implementiert wird“. Tina Rohowski

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