Es wird wärmer : Klimawandel: Die Katastrophe auf Raten

26.11.2011 19:25 UhrVon Ralf Nestler
Land unter. Mit Überflutungen wie hier an der Donau, müssen die Deutschen künftig häufiger rechen. Denn der Klimawandel beeinflusst die Niederschlagsverteilung. Foto: dpa
Land unter. Mit Überflutungen wie hier an der Donau, müssen die Deutschen künftig häufiger rechen. Denn der Klimawandel beeinflusst die Niederschlagsverteilung. - Foto: dpa

Fast jedes Hochwasser und jede Hitzewelle wird mit der Erderwärmung in Zusammenhang gebracht. Aber nicht überall, wo Klimawandel draufsteht, ist Klimawandel drin.

Unablässig trieb der Wind dunkle Wolken heran. Es regnete nicht, es goss in Strömen. Seit Stunden. Die Gullys liefen über, die Bäche schwollen an, in den ersten Kellern stand das Wasser. Später waren auch die Räume im Erdgeschoss überflutet, die Straßen, die neue Fabrikhalle im Tal.

Sobald es ein Hochwasser gibt – sei es entlang der Neiße, der Elbe oder der Donau –, dauert es oft nicht lange, bis ein Zusammenhang zum Klimawandel hergestellt wird: Seht her, das haben wir mit verschuldet.

In Zukunft sollen uns Wetterextreme noch häufiger und heftiger treffen, hört man allenthalben. Umso dringender sei es, den menschgemachten Klimawandel, sprich den Ausstoß von Treibhausgasen, so rasch wie möglich in den Griff zu bekommen. Darum soll es bei der internationalen Klimakonferenz gehen, die am Montag im südafrikanischen Durban beginnt.

Nur, ganz so einfach ist es nicht mit dem Klimawandel. Er steckt nicht überall drin, wo ihn der Volksmund, die Medien und auch einige Experten draufgeklebt haben. Er lässt sich kaum mit einfachen Aussagen beschreiben. Selbst die reflexhafte Schuldzuweisung in Sachen Erderwärmung an das Kohlendioxid ist nicht ganz richtig; sie trifft eine wichtige Ursache, verschweigt aber zum Beispiel die Rolle der übrigen Treibhausgase wie Methan oder Lachgas. Hinzu kommt, dass im Namen des Klimawandels Szenarien entworfen wurden, die deutlich an der Realität vorbeigingen. 50 Millionen Klimaflüchtlinge sollte es 2010 geben, hatte die Uno vor sechs Jahren gewarnt. Eine gehörige Übertreibung, die jedoch eher hängen bleibt als die konservativen Schätzungen von Polarforschern zum Verlust des arktischen Meereises, der in der Realität viel schneller voranschreitet als gedacht. All das macht es schwer, den Klimawandel zu greifen, zu begreifen.

„Der Mensch ist nicht in der Lage, Klimaänderungen wahrzunehmen.“

„Ein wesentliches Problem sind die großen Zeitspannen“, sagt Martin Claußen, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI) in Hamburg. Oft werde das Klima mit dem Wetter verwechselt. Während Letzteres der aktuelle Zustand der Atmosphäre ist, beschrieben mit Bodenfrost, Westwind, Regen oder Sonnenschein, ist Klima der Durchschnitt der „Einzelwetter“ über mindestens 30 Jahre. „Diese Zeitspanne kann der Einzelne kaum überblicken“, sagt Claußen. Mit ein paar Erinnerungen an sehr kalte Wintertage oder einen verregneten Sommer lasse sich jedenfalls keine Statistik machen. Darum lautet sein Fazit: „Der Mensch ist nicht in der Lage, Klimaänderungen wahrzunehmen.“

Im globalen Durchschnitt ist es seit Ende des 19. Jahrhunderts um 0,8 Grad Celsius wärmer geworden. Foto: dapd
Im globalen Durchschnitt ist es seit Ende des 19. Jahrhunderts um 0,8 Grad Celsius wärmer geworden. - Foto: dapd

Er könne sie nur indirekt erfahren. Etwa indem er Gletscher in den Alpen besucht und die Markierungen sieht, die zeigen, wie weit die eisige Zunge früher ins Tal reichte.

Weniger sinnlich, aber für jeden nachvollziehbar und nachprüfbar, sind Wetterstatistiken. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) sagt: In den vergangenen 120 Jahren ist es hierzulande im Schnitt ein Grad Celsius wärmer geworden. Ähnliche Trends sind weltweit belegt.

Mit den gemächlichen Temperatursteigerungen über Jahrzehnte lassen sich aber nur wenige Menschen davon überzeugen, dass Klimaschutz so dringend sein soll. Gerade Deutschland ist als Anschauungsobjekt für die Folgen des Klimawandels wenig geeignet, weil die Auswirkungen hier noch moderat sind.

Lesen Sie auf Seite zwei, warum es nahe liegt, extreme Wetterereignisse heranzuziehen.

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