Wissen : EU will neue Reaktoren für Medizin

In den EU-Staaten droht ein Mangel an Radioisotopen für die oft lebensrettenden Untersuchungen in der Nuklearmedizin. Die EU-Kommission warnte jetzt in Brüssel vor einem „dringlichen Problem der Versorgungsknappheit“. Sie forderte die EU-Regierungen zum Bau neuer Reaktoren für medizinische Zwecke auf.

In einer Mitteilung der Kommission an das EU-Parlament und den Ministerrat heißt es, jährlich würden in Europa neun Millionen Menschen mithilfe von Radioisotopen untersucht. Weltweit sind es 35 Millionen Patienten. Radioisotope sind vor allem für die Krebsdiagnostik und -behandlung von entscheidender Bedeutung. Die Nachfrage nach dem meistgebrauchten Radioisotop Technetium-99m (Tc-99m) steige weltweit vor allem wegen der alternden Bevölkerung in Europa und den USA.

Die Technische Universität München hatte im Juni vergangenen Jahres bereits angekündigt, sie wolle in fünf Jahren im Forschungsreaktor Garching die Produktion von Molybdän-99 starten, des Ausgangsstoffes für die Herstellung von Tc-99m. Technetium-99m werde jährlich in Deutschland bei drei Millionen Untersuchungen eingesetzt.

In der Mitteilung der EU-Kommission heißt es, die Versorgung mit dem nicht lagerbaren Tc-99m sei knapp, weil das Ausgangsmaterial Molybdän-99 in zu wenigen Reaktoren produziert werde. Es gebe derzeit weltweit nur sieben Produktionsstätten – in Kanada, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen, Südafrika und Tschechien. In Deutschland war 2006 in Jülich der letzte Reaktor abgeschaltet worden, der Molybdän-99 herstellte.

Alle jetzt produzierenden Reaktoren stammten aus den 50er- und 60er-Jahren und näherten sich dem Ende ihrer Lebenszeit, heißt es in dem Bericht der Kommission. Die weltweite Versorgung mit Radioisotopen sei deswegen „besonders in jüngerer Zeit fragiler geworden“.

So sei die Produktion seit 1997 weltweit zehn Mal unterbrochen worden, davon innerhalb der vergangenen drei Jahre fünf Mal. Die Preise für Molybdän-99 seien aus historischen Gründen „zu niedrig, um für industrielle und kommerzielle Investoren attraktiv zu sein“, teilte die Kommission mit. Die „derzeitigen wirtschaftlichen Strukturen“ böten keine ausreichenden Anreize für die Produktion. Die Kommission prüfe jetzt, ob Investitionen in neue Forschungsreaktoren durch günstige Darlehen gefördert werden könnten. Auch die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens ähnlich dem Fusionsreaktor ITER werde geprüft. dpa

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