Europäische Impfwoche : Aus Mangel an Impfstoffen

Impfskeptiker, Lieferengpässe, Nachlässigkeit: Wenn es um den Impfschutz von Kindern geht, gibt es keinen Grund zur Selbstzufriedenheit. Ein Kommentar.

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Vorsorge. Auch bei den Flüchtlingen müssen Impfungen nachgeholt werden.Foto:Kay Nietfeld, dpa

Als die Halsschmerzen immer stärker wurden, brachten die Eltern das Mädchen ins Krankenhaus. Schwere Mandelentzündung, stellten die Ärzte in der Uniklinik von Antwerpen fest. Vielleicht Diphtherie? Während die Dreijährige auf die Intensivstation musste, begann am 10. März die Suche nach dem Gegengift. Es war in ganz Belgien nicht aufzutreiben. Am 16. März bat das Krankenhaus schließlich die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC um Hilfe. Zu spät für das Kind. Am 17. März 2016 starb es.

Ein solches Schicksal ist seit mehr als 100 Jahren vermeidbar. Emil von Behring befreite bereits in den 1890er Jahren mit seinem Antitoxin Kinder von dem „Würgeengel“, diese Leistung wurde 1901 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt. Das Mädchen in Antwerpen war den Bakterien trotzdem ungeschützt ausgeliefert; irgendwie war die Tochter tschetschenischer Einwanderer durch alle Raster gefallen. Und das Diphtherie-Antitoxin wird heute so selten gebraucht, dass Ärzte es kaum noch beschaffen können.

Das lebensrettende Antitoxin ist Mangelware

Diese Woche steht im Zeichen der Impfungen. In Deutschland jubelt der Verband der forschenden Pharmaunternehmen, dass es bald einen Impfschutz gegen 35 Krankheiten gibt. Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass viele junge Erwachsene nicht gegen Masern geimpft seien und Kinder die Spritzen oft zu spät bekämen. So wird das nichts mit dem Ziel, Masern auszurotten. Von beratungsresistenten Impfgegnern ganz zu schweigen. So erlag 2015 ein sechsjähriger Junge in Katalonien der Diphtherie. Seine Eltern hatten aus Angst vor Nebenwirkungen die Impfung abgelehnt.

Das ist haarsträubend, aber nicht die ganze Geschichte. Immer wieder ist das, was man im Kampf gegen Infektionen als selbstverständlich voraussetzt, zeitweise nicht verfügbar. Angesichts des spanischen Schuljungen warnte die ECDC schon im vergangenen Jahr, dass das lebensrettende Diphtherie-Antitoxin in Europa Mangelware ist. Man solle über einen gemeinsamen Notfall-Vorrat nachdenken. Auch bei Impfstoffen kommt es zu Lieferengpässen.

Der größte Gelbfieber-Ausbruch seit 30 Jahren

Besorgniserregend ist das im Moment vor allem im Zusammenhang mit dem größten Gelbfieber-Ausbruch seit 30 Jahren: In Angola haben Aedes-Mücken seit Dezember vermutlich 1975 Menschen gestochen und dabei das Gelbfieber-Virus übertragen – die meisten in Luanda. Bisher wurden 258 Tote gezählt, es gibt keine Therapie. Um den Ausbruch zu stoppen, wurden sieben Millionen Menschen geimpft. Nun sind die Notfall-Vorräte der WHO erschöpft.

Laut Unicef braucht die Welt rund 40 Prozent mehr Gelbfieber-Impfdosen, als produziert werden. Die Impfraten in den gefährdeten Gebieten sind erschreckend niedrig. Sollte die Epidemie nun in den riesigen Metropolen Asiens oder in Lateinamerika explodieren, wäre sie kaum beherrschbar. Eine Zeitbombe, sagen Experten. Denn Nachschub kommt nur langsam, die Herstellung in Hühnereiern dauert Monate. Von vier Fabriken weltweit ist eine derzeit geschlossen.

Die Hersteller können nicht kurzfristig reagieren

Für deutsche Reisende, die zum Beispiel nach Brasilien zu Olympia wollen, ist trotzdem genug da. Dafür gibt es nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts Schwierigkeiten bei elf verschiedenen Standard-Kombis für Kinder, die entweder eine Komponente gegen Kinderlähmung (Polio) oder gegen Keuchhusten enthalten. Diese Transparenz ist immerhin ein Fortschritt.

Man bedaure die Engpässe, versichern die Hersteller unisono. Die Nachfrage sei unvorhergesehen gestiegen – wegen der Polio-Bekämpfung, wegen der Flüchtlinge, wegen neuer Impfempfehlungen in Schwellenländern. Die Herstellung sei komplex, die Qualität jeder einzelnen Charge werde hundertfach kontrolliert, notfalls werde sie von den Zulassungsbehörden aussortiert. Die Vorlaufzeiten der Produktion seien sehr lang – bis zu 26 Monate. Man könne nicht kurzfristig reagieren.

Kein Grund für Selbstzufriedenheit

Fakt ist aber auch: Es gibt immer weniger Impfstoff-Produzenten. Bei Mono- und Duopolen ist der Weltmarkt daher anfällig für jeden Ausfall. Umso wichtiger ist Planbarkeit. Für die Länder, die die Impfstoffallianz Gavi unterstützt, ist das gegeben. Der Rest der Welt verlässt sich darauf, dass es der Markt richtet. Ein Fehler.

Bei der Weltgesundheitsversammlung im Mai wird darüber beraten, WHO-Experten empfehlen einen intensiveren Austausch über drohende Engpässe. Für Selbstzufriedenheit gibt es jedenfalls keinen Grund.

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